Narrenhände beschmieren Tisch und Wände – Botschaften an alle


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Von der Wandmalerei zum Graffiti

Das Mitteilungsbedürfnis hat so ziemlich den größten Stellenwert bei Menschen, außer sie ziehen sich gänzlich zurück und folgen einem selbstauferlegten Schweigegelübde. Die Seele schreit nach Äußerungen, nach Kommunikation mit den Mitmenschen. Diesen Austausch darf man ruhig als lebensnotwendig bezeichnen, um nicht vor lauter Vereinsamung und voller Gram unnötig zu leiden.

Wenn mal das fördernde Gespräch ausbleibt oder aber bewußt ein Ventil gesucht wird, sich sichtbar Luft zu machen, hinterlassen wir unsere „Botschaften“ an alle. Narrenhände beschmieren Tisch und Wände? Tatsächlich als Schmiererei abzutun, als Hilferuf, als Aufschrei einer Form des Protestes?

Eine abfällige Redewendung als Vorwand zur Unterlassung von Graffiti

Den Ursprung der Narrenhände, die Tisch und Wände, weil es sich auch so toll reimt, beschmieren sollen, weiß niemand genau, dennoch aufgrund der abfälligen Bemerkung zum Narren selbst vieles darauf hindeutet, daß sie im Mittelalter entstanden sein muß. Ob nun geistig Zurückgebliebene, einfache Bauern oder aber dem Wahnsinn nahe, allerlei Schabernack treibend bis hin zur Belustigung am königlichen Hofe, der Narr erhielt seine Eigenschaften genau deshalb verpaßt.

Ein Außenseiter zunehmend im Gewande seines auffälligen Kostüms, sogar gezielt zur „Unterhaltung“ ausgebildet, während die Gesellschaft körperlich und geistig behinderte Menschen, Kleinwüchsige als Zwerge titulierte, sie in Käfigen auf Jahrmärkten präsentierte, sie zum „Narren machte“, wie auch diese Redewendung dies unterstreicht. Doch all das entspricht keineswegs dem eigentlichen Ursprung, sich eben auf Wänden, auf Möbelstücken und allen sich bietenden Flächen für die Ewigkeit, die Nachwelt zu äußern. Um genau diese sehr alte Gewohnheit zu verunglimpfen, boten sich halt aller Wahrscheinlichkeit nach die ohnehin im Abseits stehenden, jede Norm umgehenden Narren an, den alten Brauch ins Lächerliche zu ziehen. „Das Beschmieren“ konnte weder die Redewendung noch andere Versuche der Belehrung aufhalten: Graffiti ein ständiger Drang, sich auszudrücken.

Graffiti nur Menetekel-Funktion oder vielmehr einfach Botschaften?

Selbstverständlich kann es durchaus sein, daß mit dem enormen Mitteilungsbedürfnis des Menschen darunter auch welche sind, die per Graffiti Zeichen eines drohenden Unheils setzen wollen, eine unheilverkündende Warnung (Menetekel) möglichst sichtbar an Wänden platzieren. Diese sich inzwischen zu unterschiedlichen Kunstformen entwickelten Graffitiwerke nur darauf zurückzuführen, entspricht weder ihren Ursprüngen (nicht zu verwechseln mit Wandmalereien), noch den vielfältigen Botschaften. Nicht nur vor knapp fünf Tausend Jahren wurden in Gräbern, Tempeln, auf Statuen und Felsen im Alten Ägypten Inschriften sogar in unterschiedlichen Sprachen gekratzt, sondern diese Form der Mitteilung liegt wohl wesentlich länger zurück.

Graffiti, die italienische Pluralform des graffito in der Einzahl bedeutete ursprünglich „Schraffierung“ für eine in Stein geritzte Inschrift aber auch das ornamentale und figurale Dekorieren, während das Griechische graphein für „schreiben“ steht. Besonders auf dem „Stillen Örtchen“, also auf dem Klo wurden seit Menschengedenken per Sprüche, Witze, Gedichte bis hin in einfachen Zeichnungen und Karikaturen die eigenen Vorstellungen hinterlassen. Inzwischen unterscheiden wir zwischen der genannten Klo-Graffiti, Baum-Graffiti, Streetart, Reverse Graffiti, Gefängnis-Graffiti, Style-Writing, Gang-Graffiti, Ultras-Graffiti und Politische Graffiti.

Auch wenn Peter-Ernst Eiffe, der erste deutsche Graffitikünstler, begeistert von der Studentenbewegung als Hofnarr der Apo bezeichnet wurde, so fand dennoch sein kurzes Leben ein jähes, trauriges Ende: Er litt unter schweren Depressionen und verstarb im Alter von 41 Jahren. Unvergesslich sind seine Sprüche, die er in mehreren Wochen im Sommer 1968 über ganz Hamburg verteilte, darunter „Sei keine Pfeife, wähl Eiffe“, „Kein Hammer, keine Sichel, nur Eiffes Hand auf Hamburgs Michel“ oder „Eiffe Bundeskanzler, Springer Außen-, Augstein Innen-, Bartels vom Eros-Center als Familienminister, Heinemann Rest“, um nur drei hier mal zu zitieren.

Jede „Schmiererei“ ein Protest oder ein Hilferuf ?

Dennoch gibt es Grenzen der Zumutung, wenn Menschen zusammenleben, um auch mal diese Sicht zu verdeutlichen. Eine Welt voller Graffiti allüberall, auf sämtlichen Wänden, Flächen, die sich bieten? Eine Anarchie von Schmierereien, künstlerisch unbegrenzter Freiheit denkbar als alltagstaugliche Möglichkeit? Wo liegen die Grenzen? Die hat der Gesetzgeber längst gezogen im Interesse der Allgemeinheit, sie vor einem Übermaß zu schonen, so daß Graffiti zivilrechtlich verboten ist, wenn keine Genehmigung vorliegt.

Das wiederum kann Graffitikünstler nicht davon abhalten, trotzdem sich unbeobachtet auszutoben, selbst wenn Videoüberwachung und Objektschutz dies zu verhindern versuchen. Während dagegen Wien eine „Graffitistraße“ offiziell im März 2006 genehmigte, Helsinki sogar Ende 2008 Graffiti als „Teil der Stadtkultur“ zuließ, bleibt der Straftatbestand, der u.U. sehr teuer werden kann für die Künstler. Wie ernst die Strafverfolgung von potentiellen Graffiti-Sprayern genommen wird, zeigt das Überfliegen per BGS-Hubschrauber, um die Missetäter mit Infrarotkameras des nachts aufzuspüren, eine Vorgehensweise wie bei der Terrorbekämpfung.

Graffiti, eine der ältesten Künste des Menschen, wird weiterhin mitten in der Gesellschaft Möglichkeiten suchen, sich bemerkbar zu machen. Vielleicht hilft hierbei eine wesentlich höhere Toleranzgrenze, einer Freiheit, unbedarft sich künstlerisch ausdrücken zu dürfen, steht ein Verbot gegenüber, welches dennoch den Reiz hat, umgangen zu werden, deren Folgen in Kauf nehmend. Die Botschaft lautet nämlich ganz einfach: Kunst lebt und läßt sich durch nichts stoppen oder verbiegen!

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Kulturelles

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