Der Vorstellung nachstellen


Den Test hatte ich bestanden, bevor ich ihn angefangen hatte. Warum? Ich hatte die Testfragen und -aufgaben selbst erstellt und aufgeschrieben. Aufgeschrieben, rein zu Gedächtniszwecken, obwohl es nicht nötig gewesen wäre, denn schließlich unterliegt es mir selbst, Veränderungen vorzunehmen und Streichungen. Dennoch sah ich es als die einzige Möglichkeit an, das Aufschreiben der Testfragen, wenigstens da nicht zu schummeln. Denn, daß ich schummeln würde, war von Anfang an klar, ja sogar eventuell war dies die gesamte Absicht dahinter, nicht das Aufschreiben, sondern die Lüge. Eigentlich quatsch so ein Selbsttest über Lüge, wenn von vornherein feststeht, daß ich mich belügen werde, aber immerhin bestand die Chance, ich tue es nicht, weil ich unter meiner eigenen Beobachtung stehe, der es oblag zu entscheiden, was wahr und was nicht.

Vieles ist nicht wahr, sondern nur ein bißchen wahr, dennoch ist es nicht gelogen, ausgeschmückt, leicht verändert, mit einer anderen Perspektive gesehen, einer Perspektive, die mir nicht entspricht, die ich annehme für einen kurzen Augenblick, um mich zu checken, alles in Anbetracht dessen, ich weiß, wie ich ticke und trotzdem stelle ich mir eine Falle, die ich kenne und beobachte, wie ich mich aus dem Schlamassel wieder auf die Beine stelle, um im nächsten Moment zuzusehen, wie ich mich winde, meine Falle als nicht bewußt zu rechtfertigen, sie quasi als Lüge, nicht wahrheitsgemäß darzustellen, damit ich im Vornherein nicht in meine eigenen Fallen tappe. Um dieser Täuschung vorzubeugen, ihr nicht zu erliegen, kann es nicht falsch sein, diese Lüge gleich mit ins Geschehen einzubeziehen und alle Konsequenzen als falsche Wahrheit oder wahre Lüge anzuerkennen. Anzuerkennen, sehr hochgestochen formuliert, aber vielleicht muß ich dies, damit ich die Absolution meiner selbst erhalte, alles andere wäre sonst nur Mumpitz.

Die Vorstellung von etwas ist, wie das Wort ausdrückt, ein Voranstellen, ein Ziel, eine Tafel, ein Schild, Stuhl, Meer, Einbildung, sie ist keine Vorwegnahme, denn eine Vorstellung kann man durch eine Vorwegnahme nicht aus dem Weg räumen, außer man verhält sich so wie ich und lügt, das schrieb ich bereits. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele Menschen sich täglich Vorstellungen über etwas bilden und diese aus den verschiedensten Gründen, nicht wirklich in Realität, Wahrheit umsetzen, sondern die Vorstellung unter tausendfachen Begründungen umgehen, in den Boden stampfen, umschiffen.

Sollten sie dennoch die Stellung erreicht haben, also ein Bildnis geschaffen, einen Plan vervollständigt, die Reise angetreten, ein Werk erschaffen haben, das leibhaftig vor ihnen steht, dann geben sie in der Regel keine Ruhe, bis sie der Stellung nachgestellt haben, sie von allen Aspekten beleuchtet, auseinandergenommen, ja bisweilen zerfetzt, zerredet haben, um festzustellen, ihre erstellte Vorstellung ist nackt, blank, ohne Wert, und hat im Nachhinein keinen Bestand, und das können sie niemals so stehen lassen, weshalb sie mit einer fast totalitären Vehemenz behaupten, ihre Stellung, Vorstellung, Bildnis, Meinung sei die absolute Wahrheit, wohl wissend, daß sie lügen, aber zugeben, niemals.

Moni zum Beispiel ist der Meinung, oder besser ihre Meinung unterliegt der Vorstellung, Frauen lieben Schuhe, wir sind alle Schuhfetischistinnen, deshalb erlaubt sie sich den unbändigem Drang folgend, ständig Schuhe zu kaufen, nur um sie zu besitzen, in manchen kann sie nicht mal fünf Schritte gehen, ich habe sie bloß ihrer Schönheit willen gekauft, es muß nicht alles einen praktischen Zweck haben, Schuhe also auch nicht, ist doch egal ob ich meinen Schrank mit Nippes vollstelle oder mich an sechzig paar Schuhen als Sammlerstücke ergötze, und sowieso Männer besorgen sich Handwerkzeug en masse, mit denen sie irgendwann einmal etwas reparieren, bauen wollen, denen geht es schließlich nicht nur darum, gutes Werkzeug zur Hand zu haben, sondern einfach nur darum, zeigen zu können, daß sie etwas von irgendeinem Handwerk verstehen, selbst ist der Mann, eine gewisse Maschinenaffinität besitzen zu wollen, die ihrer eigenen Power ähnelt, am besten ist es, wenn diese Maschinen richtig Lärm produzieren, das ist vergleichbar mit, auf den Putz hauen, ich bin bärenstark.

Haben Sie aufmerksam gelesen, Vorstellung, Stellung, Nachstellung, alles vorhanden, keine Lügen, Tatsachen, aber so was von ehrlich verlogen. Moni, sorry, wenn ich dich hier zitiere, aber es wird trotzdem unmöglich sein, einen direkten Bezug zu dir herzustellen, schließlich habe ich für deinen Namen ein Pseudonym verwendet und ungelogen, diese deine Vorstellung gibt es in so oder ähnlicher Form millionenfach. Ehrlich, das ist die Wahrheit.

Und auch wieder nicht, denn wissen Sie was? Möglicherweise bin ich selbst Moni, eine von Millionen Frauen, die ihrer Leidenschaft, muß ja nicht unbedingt auf Schuhe reduziert sein, frönen, Ihre Ansichten mit dieser Argumentationskette bestückt. Schließlich sind wir alle nur Menschen mit Vorstellungen, ob über uns selbst, die Welt oder das Himmelreich. Hauptsache ist lediglich, wir finden genügend Schlupflöcher, wenn wir in eine Falle geraten sind, und vermögen von dort so schnell wie möglich wieder herauszukraxeln, ohne Blessuren, ohne das Gesicht zu verlieren, ohne uns die Haxen zu brechen, und wenn diese Hoffnung nicht erfüllt wird, na, dann können wir immer noch eine Maske aufsetzen, am Krückstock gehen oder gleich sich eingestehen, ich schummle, lüge nicht direkt absichtlich, sondern in der Betrachtung, Vorstellung aller Eventualitäten.

Niemand mag wirklich, daß seine Vorstellung, also das vor einem steht, mit Schmutz überzogenen ist, schließlich putzt man ja auch die Fenster, um zu sehen, was draußen abgeht, so verwischt oder wischt man sich seine Meinung, um eine klare Vorstellung zu bekommen, und mein Hilfsmittel, um sauber und klar Meinung zu formulieren, ist, ich gebe es zu, geschummelt.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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