Berufsfindung – Hauptsache Vitamin B fruchtet


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Chancenlos gen Null?

Sohnemann steckt in der Berufsfindungskrise, zumal all seine Klassenkumpel längst nur zu genau wissen, was sie bald werden wollen. Aber Marc hat nicht die geringste Ahnung. Das kommt seinem Vater sehr bekannt vor, obwohl zu seinen Zeiten ihm die Welt noch beruflich zu Füßen lag. Damals gab es kein Gerede von Hartz-IV-Aussicht, wenn er versagen würde, eine ziemlich geringe Arbeitslosenquote und Arbeitgeber, die händeringend Auszubildende suchten, die anschließend gern völlig problemlos übernommen wurden.

Heute gestaltet sich das wesentlich dramatischer. Ob der ewige Run nach Wachstum eine unübersehbare Grenze setzt, lediglich die weiterkommen, die mit entsprechendem Wissen auftrumpfen oder per nach außen markierter Charakterstärke, dabei der elterliche Geldbeutel keine geringe Rolle spielt? Wer sich genauer mit den Widrigkeiten der Berufswelt auseinandersetzt, wird schnell bemerken, wo Stolpersteine meist heimtückisch lauernd sich befinden, wenn entsprechende Beratung zur Seite steht. Nein, die Berufsberatungen der Behörden mögen zwar ein ausführlich anschauliches Material vermitteln, doch besser man lausche den Erfahrungsberichten von Menschen, die den ein oder anderen Beruf ausgeübt hatten.

Und Papa erzählt Marc über so manche Berufsaussichten.

„Weißt du, Marc, ich möchte jetzt hier keinesfalls belehrend rüberkommen. Sag ich bloß von vornherein, damit ich dich nicht abschrecke. Meinst du, ich hätte nicht ganz ähnliche Probleme gehabt wie du? Ich wußte so gar nicht, was mich ernsthaft interessieren könnte, weil ich eben vieles mochte, manches wiederum gar nicht. Es geht hierbei um nichts geringeres, als eine Entscheidung zu treffen.

Das wichtigste dabei: in dich hineinhorchen. Dir selbst Fragen zu stellen, was erwartest du, was willst du? Unterscheide, ob du beruflich mit vielen Menschen in Kontakt kommen magst oder lieber still und leise am Schreibtisch, im Labor oder an einer lauten Maschine. Doch wir kennen uns, bzw. ich habe dich mit großgezogen, weiß, worin deine Stärken sind, deine Schwächen.

Neulich fragtest du, wie es sei, als Handwerker unterwegs zu sein. Ich bin gelernter Tischler, hatte das Pech, in der Auusbildung mehr den Möbelbereich zu lernen, obwohl schon damals klar war, außer Innenausbau ist nichts mit Möbeln bauen, das durften nur ganz spezielle, wo du nur per Beziehung rankommst. Also versuchte ich mich als Bautischler oder war im Innenausbau dabei, mein Meister hatte ein Nische, für die Gerichte zu arbeiten: Podeste, Tische, Richterpulte, Bestuhlungen oder Holzvertäfelungen bauen. Du selbst hast keine zwei linken Hände. Sei dir aber darüber im Klaren, daß du dennoch viel schleppst, ständig dich bewegen mußt, den ganzen Tag auf den Beinen bist, ein Termin den nächsten jagt, oftmals auch Handwerksrechnungen viel zu verspätet bezahlt werden, solltest du mit dem Gedanken spielen, dich als Meister selbständig zu machen.

Ich weiß, du hast dir dies längst aus dem Kopf geschlagen, sei dir doch zu anstrengend, eine weise Entscheidung, weil es so ist! Was war das neulich mit dem Gedanken, Pauker zu werden? Das ist doch nicht dein ernst, oder? Du willst dich also mit entnervten Eltern auseinandersetzen, dich einem Schulsystem unterordnen, denn auch Lehrer haben die Lernpläne abzuarbeiten, die bekanntlich äußerst knapp bemessen sind. Wer da schwächelt, fällt sofort durchs Raster, bleibt sitzen oder sieht dem Ende der Schulzeit sehr schnell entgegen. Dieses System ist auf Eliteklassen ausgerichtet, die breite Masse wird einfach „verheizt“, hat kaum eine Chance, selbst wenn es genug Gymnasien gibt. Mit dem Abitur in der Tasche läßt sich zwar prima studieren. Aber genau dort beginnt sich zu zeigen, daß nur die weiterkommen, deren Elterhäuser entsprechend zahlen können. Studieren ist teuer, von Gebühren mal ganz abgesehen in vielen Bundesländern. Nicht jeder kommt klar im Studium, braucht Nachhilfe, spezielle Schulungen. Und danach?

Berufsaussichten? Kommt drauf an, was du studiert hast. Es gibt Berufe, die waren zu Beginn des Studiums heiß begehrt, manche danach kaum mehr gefragt, und somit bewerben sich zu viele für die heiß begehrten Stellen. Jetzt wirst du erst recht unsicher. Keine Sorge, finde deine Schwächen, natürlich auch die Stärken. Manchmal kann es auch nicht schaden, einfach mal zu jobben als Ungelernter, um unterschiedliche Arbeitsbedingungen zu erleben. Du weißt ja, hatte ich so durchlebt, bevor ich mich für die Tischlerausbildung entschied. Da wußte ich nach meinem Ausstieg als Tischler wenigstens, was ich nicht wollte. Solche Erfahrungen vermitteln dir ganz vieles, vor allem die menschlichen Beziehungen offenbaren sich dir knallhart. Dieses Chefgehabe, die Postenreiterei, ganz ähnlich wie in Schulzeiten, erinnere dich, das typische Gruppenverhalten, es spiegelt sich auch im Berufsleben wider, halt nur mit anderen Aufgaben und Rollen.

Sich beruflich zu finden, ist somit abhängig von dir selbst. Nicht zufällig meinte ich anfangs, horche in dich hinein, suche deinen Weg, und selbst wenn du bemerkst, ne, ist nicht dein Beruf. Dann besser aufhören, als verbissen dranbleiben. Natürlich möchte man dies vermeiden, weil ansonsten in der beruflichen Vita das nicht schön ausschaut, heute wird viel mehr darauf geachtet als früher. Obwohl es gleichzeitig auch geschönte Viten gibt, gefälschte Zeugnisse später, um sich den lukrativen Job zu erschleichen. Nützt nicht allen etwas, wenn sie dann im Beruf keine Leistung bringen. Gute Chefs bemerken das sehr schnell.

Das wichtigste aber, mein Sohn, laß dir jetzt die Zeit, die du brauchst. Jobbe irgend etwas, falls du keine Idee hast, welcher Beruf für dich in Frage kommt. Meine Unterstützung hast du weiterhin, frage, wann immer dir danach sein sollte. Und vor allem, schleppe Ungereimtheiten nicht mit dir rum, spreche darüber, mit deinen Freunden oder auch mit mir, wenn du magst. Komm, laß dich drücken.“

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gesellschaft

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