Verträumte Gedankenlosigkeit


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In der Regel bin überhaupt nicht kleinlich, ich bin eher der großzügige Typ. Und das in jeder Hinsicht. Ich verschenke gern, ich esse gern, ich verschwende gern die Materialien, die ich zum Gestalten meiner Werke brauche. Nein, ich bin kein Künstler oder so was. Ich werkle gern, einfach so. Sie verstehen, ich kann meine Hände nicht ruhig in den Schoß legen. Meine Sachen braucht eigentlich kein Mensch, deshalb bin ich in dieser Hinsicht auch großzügig und verändere sie, nur um weiter etwas zu tun zu haben, wie erwähnt, verschenke ich gerne. Da ich schon dabei bin, ehrlich zu sein, was sich nicht verschenken lassen will, ich aber auch nicht mehr sehen mag, das stelle ich in der Hoffnung auf Mitnahme an eine Straße, natürlich nicht bei mir in der Nähe, so blöd bin ich nicht, ich bin nur großzügig, sagte ich schon.

Diese Großzügigkeit macht sich ebenso beim Denken bemerkbar, denn sie, die Gedanken, sind so übermäßig vorhanden, daß mir bei ihnen auch nicht anderes bleibt, als sie möglichst großzügig zu verteilen. Das geschieht so nebenbei beim Einkaufen, Telefonieren, im Büro, wo man halt Menschen trifft, die in ihrer Gedankenlosigkeit bereit sind, meine Gedanken aufzunehmen. Übrigens tun sie dies nicht zwangsmäßig, ich dränge sie ihnen nicht auf, die meisten Menschen sind überaus glücklich, durch meine Gedanken auf andere Gedanken zu kommen. Genau erklären kann ich dies nicht, sie scheinen mitunter mit ihren Gedanken so unzufrieden zu sein, daß sie absolut zu schätzen wissen, meine Gedanken gegen ihre einzutauschen oder sie mit meinen zu ersetzen oder generell sie als Füllmaterial zu benötigen. Was weiß ich?

Und dann passiert mir, mir, ausgerechnet mir, daß ich unter einer Brücke stehe, weil es in Strömen regnet und ich gerade noch schnell einkaufen gerannt bin, weil ich keine Butter mehr zu Hause hatte, und Frühstück ohne Butter geht gar nicht, und ich war plötzlich gedankenlos. Nicht gedankenlos im Sinne, ich tue etwas, ohne darüber nachzudenken, quasi, ich bin zerstreut, fahrig, sondern sie waren weg. Verschwunden. Kein Gedanke. Geschweige denn Gedanken. Ich stand da also unter der Brücke, hörte den prasselnden Regen über mir und kein Gedanke, nicht mal ein Gedänkchen in mir. Können Sie einen Gedanken fassen, wenn kein Gedanke irgendwo in Sichtweite, in diesem Fall in Gedankenweite zu sehen ist, beziehungsweise zu denken ist?

Brücke, können Sie Brücke denken, wenn Brücke gedanklich nicht vorhanden ist? Nein, können Sie nicht. Regen, funktioniert auch nicht. Sie können die Brücke sehen, und den Regen hören, ihn sogar riechen, aber die Begriffe in Worte fassen ohne Gedanken, schwierig. Sagen Sie bloß nicht, das war ein Blackout. Ich hatte kein Brett vor dem Kopf und bin auch gegen keines gelaufen. Ich hatte mich einfach nur unter die Brücke gestellt, um dem Regen zu entkommen, um nicht völlig durchnäßt zu werden, bevor ich meine Wohnung erreiche.

Egal, wie ich ausgesehen haben mag, mit schon ein wenig vor Nässe tropfenden Haaren, schließlich hatte ich keinen Schirm dabei, weil es, als ich mich aufmachte, noch schnell zum Discounter zu laufen, nicht regnete, und es sah auch nicht nach Regen aus, also war ich demnach nicht gedankenlos einfach nur losgerannt, egal, ich, sagen wir es so, ich war nicht gestylt, weder haartechnisch, noch kleidungsmäßig, da ich nach der Arbeit es mir zu Hause gemütlich mache, in der Regel, und dort mit meinen ausrangierten Büroklamotten, bei denen ich keine Rücksicht zu nehmen brauche, ob sie mit einem Riß versehen sind, schmutzig wirken, trotz Waschen, Farbe geht nie gänzlich aus den Stoffen, ein Knopf fehlt oder mehrere, kurz, Klamotten anhabe, über die ich mir keine Gedanken machen muß, ob sie gänzlich zerschlissen werden. Ich stehe also gänzlich ohne Gedanken unter der Brücke.

„Bei dem wundervollen Anblick des Regenbogens kann man schon ins Träumen kommen!“, hörte ich neben mir eine Frau sprechen. Sie waren zu zweit und ich war mir, rein gefühlsmäßig sicher, sie meinte nicht mein gedankenloses Herumstehen, dennoch reichte dieser Satz aus, meine Gedankenlosigkeit neu zu beleben, vielmehr sie belebte sich von alleine, denn ich registrierte eine Verbindung zwischen verträumt und gedankenlos, das ich unbedingt sprachlich vertiefen mußte, um es nicht meinen Gedanken allein zu überlassen, denn wenn sie wieder im Fluß sind, und das waren sie, oh ja, das waren sie, schwimmen sie gerne einfach davon, ohne Rücksicht, daß ich mich mit ihnen länger befassen kann. Die einzige Chance ist es, meinen Mitmenschen über den sprachlichen Weg die Gedanken mitzuteilen, großzügig natürlich, damit ich sie genießen kann, bevor sie von der Luft aufgesogen oder einen Wasserfall hinunterstürzen.

Mit dem festen Willen den Gedankenstrudel vor dem Ertrinken zu retten, mühte ich mich redlich, den beiden die Unterschiede zwischen gedankenlos und verträumt darzulegen. Und was soll ich sagen, sie waren so sehr von meinen Gedanken erfüllt, daß sie ohne Bedenken über die Folgeschäden, die der Regen auf ihren Haaren und ihrer Kleidung hinterlassen würde, mit gesenkten Kopf und verklärten Blicken die schützende Brückendecke verließen und träumerisch schlenkernd ihres Weges gingen.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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2 Antworten zu Verträumte Gedankenlosigkeit

  1. Sabine Daus schreibt:

    sehr interessante „Gedankenlosigkeit“ …. sehr inspirierend !!!!!!!!!!!

    Gefällt 2 Personen

    • quittenbluete schreibt:

      Hallo Sabine Daus, Danke für den Kommentar. Vermutlich ließe sich zu dem Thema unendlich lange sinnieren. Zumal gerade ich mich immer wieder frage, wieso sitzen manche Menschen stundenlang in gedankenloser Versenkung, eine Angel in der Hand, am See, Teich, Fluß, nur um verträumt darauf zu warten, daß sie den „Fang des Lebens“
      an Land ziehen?! LG Doris

      Gefällt 1 Person

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