Wer hat mein bisheriges Leben auf dem Gewissen?


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Wikimedia Commons CC BY 3.0

Du liegst spät abends im Bett nach anstrengendem Tagwerk, die Gedanken kreisen um etliche Themen, doch eines manifestiert sich besonders hartnäckig, läßt dir gar keine Ruhe. Nach etlichen Versuchen endlich den dringend notwendigen Schlaf zu erhalten, treibt es dich aus den schweißdurchwühlten Federn, du windest dich schwerfällig vom Bettrand in die Senkrechte und schlurfst ziemlich schwankend gen Küche, um dir einen Beruhigungstee zu gönnen.

Und schon gerätst du erst recht ins Grübeln, wird dir plötzlich klar, was da alles verkehrt gelaufen sein muß in deinem bisherigen Leben. Manche nennen es Midlife-Crisis, andere wiederum behaupten, dies könne jeden ausgewachsenen Menschen stets passieren, egal in welchem Alter man sich befinde. Kurz und gut, du beginnst dein bisheriges Dasein Revue passieren zu lassen, entdeckst die ein oder andere Fehlentscheidung, die schließlich nichts Gutes bewirkte, ungeahnte Folgen hatte.

Es ist zum aus der Haut fahren, ich kann einfach nicht einschlafen. Schon klar warum, all diese Sorgen, die mich plagen, wenn mein Körper endlich mal zur Ruhe kommt. Mußte auch neulich mein Chef mir unbedingt die Leviten lesen und das vor der versammelten Belegschaft, keine feine Art vom Horst. Und nur, weil ich einmal den Abschlußbericht zwei Tage zu spät eingereicht hatte. Dies wiederum gab meinem ewigen Rivalen, dem Manfred, die Gelegenheit, Oberwasser zu erhalten. Jaja, schon klar, bei der Vorgabe durch Horst. Na warte, das laß ich nicht auf mir sitzen, Ne, da kenn‘ ich genügend Tricks, um ihn auflaufen zu lassen, das wäre doch gelacht! Pause, einmal laut seufzend durchschhnaufen. Na, endlich kann ich den Tee aufbrühen. Ich glaube, ich rufe mal meinen Freund, den Gerd, an.

„Ja, sorry, Gerd, daß ich zu so später Stund’ noch durchklingle. Wie, macht dir nichts aus. Danke dir, unter Freunden ist das doch selbstverständlich. Ne, mir geht’s überhaupt nicht gut, daher brauch ich mal dich, laß uns reden, wenn du ein paar Minuten übrig hast. Kurzes Schlürfen am Tee zu hören !

Wo soll ich beginnen? Vielleicht muß ich doch ein wenig ausholen, obwohl du doch vieles schon weißt als alter Schulfreund. Weißt du noch, als ich in der 7. drei Wochen nicht in die Schule kam? Offiziell hieß es, ich sei krank gewesen, ja, hatte ich auch dir so gesagt. Dem war aber gar nicht so, mein Onkel hatte sich das Leben genommen, vielmehr ich hatte ihn blöderweise auf dem Dachboden entdeckt, da hing er einfach so, vor ihm der umgekippte Stuhl. Trotz sorgfältiger Therapie, ich sag‘ dir, das war eine rattenscharfe Therapeutin, verfolgte mich dieses Bild noch sehr lange, ich wache deshalb noch heute ab und an nachts auf. Ja, schrecklich. Warum ich dir das erzähle? Na, du bist gut, es mußte jetzt mal raus, unter Freunden. Pause. Ne, konnte ich dir damals nicht erzählen, wollte dich nicht unnötig belasten. Na, und später ging das irgendwie unter, zumal wir uns ja eine zeitlang aus den Augen verloren hatten, nicht wahr? Pause.

Ohja, das hab ich nicht vergessen, deinen Unfall. Ob ich in dieser Zeit Anna kennenlernte? Woher weißt du, hat sie es dir erzählt? Aha, ja, genau, sie betreute dich damals in der Klinik so liebevoll. Komm, gib schon zu, daß du auch ein Auge auf sie geworfen hattest. Wenn du nicht mit Marina zusammengewesen wärst… lautes auflachen… aber lassen wir das mal. Nur zu blöd, daß ich sie nicht gleich durchschaut hatte, dann wäre mir vieles erspart geblieben, oder Gerd? Pause, kurzes heftiges gähnen. Oh, man, ich bin dann doch schon sehr müde.

Keine Sorge, da gibt es noch ein Ereignis, was mir bis heute keine Ruhe gönnt. Wie, du kannst es dir denken? Pause. Ne, Gerd, das hat mich damals zwar mächtig aus der Bahn geworfen, Annas Banküberfall, aber dennoch blieb ich blauäugig mit ihr zusammen. Ja, genau, wenn der Freddy uns nicht geholfen hätte, wäre sie im Knast gelandet. Insofern verlängerte im Nachhinein seine Hilfe meine dramatisch sich entwickelnde Beziehung. Dafür konnte er natürlich nichts, Gerd, außer Frage! Pause.

Aber anschließend ging es erst richtig los, wie du ja teilweise miterleben durftest. Denk mal an ihren Auftritt zurück, wo sie sich komplett auszog mitten im Foyer der Deutschen Oper, ich war förmlich in den Boden versunken, hatte Müh und Not sie schnellstens mit den zusammengerafften Klamotten zum nächsten WC zu schleifen. Du hattest ja noch die Schuhe uns gebracht. Weißt du noch? Pause.

Doch eines habe ich dir nie berichtet, mein Freund, weil viel zu pikant. Ja, klar, aus heutiger Sicht ebenso Blödsinn, ich hatte einfach zu viele Bedenken. Es stellte sich nämlich heraus, daß ihr Banküberfall einen völlig anderen Grund hatte, als ich und viele andere damals vermuteten. Es ging gar nicht ums Geld für Konsum etc. Ne ne, sie wollte damit eine Terrorgruppe unterstützen, und zwar ganz gezielt. Ja, mein Freund, in der Tat! Pause, einmal laut am Tee schlürfen.

Durch einen dummen Zufall war ich dahintergekommen. Wir hatten uns gerade so richtig genüßlich geliebt, Anna wähnte mich unter der Dusche, so daß sie telephonierte. Da ich aber das Duschgel vergessen hatte, es stand noch auf dem Flurtisch, bemerkte ich sie und konnte den entscheidenden Satz aufschnappen, in dem sie das Schlüsselwort wiederholte, woraufhin ich exakt wußte, was los war. Wie das lautete? Es war eine Phrase: Begaffen ohne Waffen – eine deutliche Ansage gegen das Establishment, letztlich ein Aufruf zur militanten Revolte, wer es denn damals durchschaute. Da staunste?! Pause.

Alles weitere ist dir ja bekannt, ich mußte dann die Notbremse ziehen und mich von ihr trennen, konnte nie wieder gelassen eine neue Beziehung beginnen, wie du ja weißt. Lautes seufzen. Pause.

Und jetzt denke ich, sollte ich wieder ins Bett, mein Freund, danke dir, daß du dir die Zeit genommen. Laß uns Mittwoch im Bistro einen Cappuccino genießen, wenn du magst, ja? Okay, ich wünsch’ dir was, bis dann.“

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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