Gardinensprache


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Dort am Fenster hat sie immer gestanden, die Bea, da links oben, ein Fenster drunter, jetzt hängen dort beige Gardinen, die früher waren weiß, schneeweiß, gestickte Blüten waren drauf, ich erinnere mich noch sehr genau, habe oft genug an dem feinen Stoff mit meinen Händen langgefahren und mit ihm über meine Wangen gestreichelt mit den weißen Blüten, wenn niemand im Zimmer war, selbst Bea nicht, auch ihr habe ich es nie erzählt. Diese Blütenspitzen waren das Schönste in der ganzen Wohnung von Beas Eltern, wir hatten zwar auch welche, und die waren sicher teurer als die Gardinen bei Bea, aber sie gefielen mir nicht. Mir gefielen Beas weiße Gardinen besser. Oft haben wir mit dem Fernglas alle Fenster von dem Haus genau fixiert, keiner hatte so weißblühende Gardinen.

Ich glaube, ich war gar nicht so oft bei Bea drüben wie sie bei mir, und doch könnte ich mit verbundenen Augen ohne auch nur einmal irgendwo anzustoßen, durch die Wohnung gehen. Unter Bea wohnte Frank, einer der vier F´s, wie wir sie nannten. Heute wohnen dort andere Menschen, die ich nicht kenne. In der Mitte vom Haus, also im dritten Stock, die haben Jalousien angebracht, irgendwie unpassend, finden Sie nicht auch, lebte Florian, in den war Bea fast so unsterblich verliebt wie in Frank. Und dann war da noch Felipe, über den lästerte sie gern, weil ich ihn toll fand, so toll, daß ich errötete, wenn er im Bus neben mir stand oder saß. Weiche Knie bekam ich, obwohl er mich nicht beachtete, träumte ich mir, mit ihm alt und grau zu werden. Bea konnte mich nicht verstehen, arrogant sei er und ein Schönling. Na und, sie sollte ihn schließlich nicht heiraten, sie hatte sowieso ihren Florian. Und dann war da noch Felix. Felix war Beas Bruder, drei Jahre jünger und unser beider Liebling. Den himmelten wir gemeinsam an, da gab es keine Eifersüchteleien.

Aber wegen dem Frank, der bereits seine Lehre als Mechaniker abgeschlossen hatte und eine blaue Vespa mit weißen Streifen fuhr, wegen dem stritten wir uns oft. Wir haben sogar über drei Monate nicht mehr miteinander gesprochen. Sie hatte ständig auf der Straße herumgelungert und ihn abgepaßt, wenn er nach Hause kam oder wegfahren wollte, versuchte ihm den Kopf zu verdrehen, indem sie ihm schöne Augen machte, ihren kurzen Rock höher zog und sich sogar schminkte. Mit vierzehn. Dumme Zicke. Wirklich, sie wurde eine dumme Zicke. Sie hatte sich sogar den Büstenhalter mit Watte ausgestopft, und ich dachte lange, ihr Busen sei echt und kam mir kindlich vor. Mein Körper wollte in dieser Zeit noch ausgiebig in der Kinderstatur verweilen, so daß ich befürchtete, nie zu einer Frau zu werden.

Alles an Bea war rundlich und irgendwie passend, ihr Gesicht war rundlich, sie hatte welliges helles Haar, nicht blond und auch nicht braun, eigentlich hieß sie Beate, niemand nannte sie so, nicht mal die Lehrer in der Schule, doch ihre Patentante, die hieß nämlich auch Beate, sie war rundlich, obwohl sie nie still sitzen konnte, auf dem Weg zum Spielplatz lief sie die doppelte Strecke wie ich, sie tänzelte voraus, kam wieder zurück, sprang auf jedes Mäuerchen, drehte sich vielmals im Kreis, davon wurde mir sogar schwindelig, sie benahm sich wie ein kleiner verspielter Hund, so könnte man das im Nachhinein sagen.

Vor den großen Ferien, vielleicht drei oder vier Wochen vorher, kam sie zu mir rüber und fragte mich, ob wir beide nicht mal wieder mit dem Fernglas das Haus beobachten könnten. Sie stand den ganzen Nachmittag am Fenster und erzählte mir über jede Wohnung, was sich dort so alles getan hatte, Tratsch und Klatsch, sozusagen, so kannte ich sie gar nicht. Ich fand, sie übertreibt und wollte lieber in meinem Zimmer Musik hören.

„Weißt du, Felix ist schwer krank, er hat was mit dem Herz, vielleicht stirbt er, Mama und Papa streiten fast nur noch, wir ziehen nach den Ferien weg, wegen Felix, er wird bald operiert, und wir fahren vorher nach Italien. Da will er hin, und vielleicht ist es das letzte Mal, wir alle zusammen. Ich hab ihn so gern, aber am liebsten möchte ich gar nicht mit, möchte nicht mitfahren, vielleicht, wenn wir da nicht hinfahren, dann wäre es auch nicht das letzte Mal, wir alle zusammen“, sprudelte es aus ihr heraus.

Das, was dann passiert ist, kennen Sie ja. Sie kam nicht mehr zurück, doch schon, nein, sie blieb für immer. Wo ist eigentlich Felix? Ich quassle und quassle, ich bin wohl keine gute Gastgeberin. Es ist schön, daß Sie mich mit ihrem Mann besuchen. Meine Mutter erzählte mir damals, die Operation sei gut verlaufen, aber dann hörten wir nichts mehr. Bea würde sich kringeln vor Lachen, wenn sie wüßte, daß ich noch immer in dieser Wohnung lebe.

„Ja, da bin ich überzeugt, Bea würde sich totlachen. Entschuldigt, habe mich am Fenster weggeträumt und mir ist wieder eingefallen, zwei Mal die Gardinen bewegen, du kannst rüberkommen, drei Mal bewegen, ich komme gleich zu dir, ständiges Flattern, Hausarrest, auf- und zuziehen, wir treffen uns unten. Sie fehlt immer noch, warum nur hat sie beim Sprung ins Wasser ihren Kopf nach hinten geworfen? Sie ist von diesem kleinen Felsvorsprung zig Mal am Tag ins Wasser gesprungen. Sie muß ohnmächtig gewesen sein, als sie ins Wasser fiel, keiner von uns hat bemerkt, daß sie sich den Kopf gestoßen hatte, wir dachten, sie macht Spaß, als sie nicht gleich auftauchte.“

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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