Brandtheiß: Kommentar aus dem Jenseits


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Wikimedia Commons CC BY-SA 2.0 de

Ein Interview mit Willy

Selbstverständlich wollen wir Sie, liebe Leser, nicht unnötig lange auf die Folter spannen, sondern zugleich zur Sache kommen. Einige werden schon mit ein bißchen Kombinationsgabe entdeckt haben, daß hier kein geringerer als Willy Brandt, der vierte Bundeskanzler unseres Landes, nur gemeint sein kann.

Aber ein Kommentar gleich aus dem Jenseits in Form eines Interviews? Das möchte man unbedingt äußerst skeptisch hinterfragen ob der Ernsthaftigkeit, weil dies ohnehin nicht möglich, oder? Keine Sorge, wir befinden uns noch ziemlich direkt im Hier und Jetzt, zumal die politischen Herausforderungen in unsicheren Zeiten sowieso jeden halbwegs wachen Geist beflügeln sollte, seine Gedanken zu ordnen.

Lehnen Sie sich entspannt zurück und genießen einige Sichtweisen des Altkanzlers zur aktuellen politischen Lage, die wir versuchten, ihm zu entlocken.

LMK:  Schön, daß wir Sie gewinnen konnten, Herr Brandt, mit uns dieses Interview zu gestalten.

WB: Sehr gerne doch, Herr Kamm, gerade Ihr kritisches Portal bemüht sich sichtbar, den Menschen da draußen ein wenig Hoffnung zu geben, in dem Sie möglichst breitgefächert unterschiedliche Sichtweisen vermitteln.

LMK: Daß Sie ausgerechnet am 09. Mai 1992 mit der BILD-Zeitung Ihr letztes Interview führen würden, hätten Sie wohl nicht für möglich gehalten, oder? Um gleich dieses Blatt bei dieser Gelegenheit in kritischen Augenschein zu nehmen, was halten Sie davon, daß etliche Prominente unverblümt für die BILD Reklame machen?

WB: Wenn mich nicht dieser bösartige Krebs befallen hätte, wären schon noch konstruktive Äußerungen bei seriöseren Zeitungen erschienen, wie Sie sich denken können. Als ein Klaus Staeck, ein Günter Wallraff oder ein Heinrich Böll, um nur mal diese drei zu benennen, damals die Anti-BILD-Kampagne „Wir arbeiten nicht für Springer-Zeitungen“ aktiv nicht nur per Unterschrift unterstützten, entstand eine regelrecht berechtigte, kritische Auseinandersetzung mit diesem Blatt. Natürlich erfreute mich dies, wenn ich auch ein paar Jahre später in der Rolle als Bundeskanzler mich zurückhalten mußte. Wo sind die Intellektuellen von damals heute verblieben, fragen Sie zu Recht. Nun, sie hüllen sich in Schweigen, während andere meinen, sie müßten sich dadurch Vorteile verschaffen.

LMK: Etwa eine Parallele zum Verrat anderer politischen Ziele, denken wir an die APO, an die Alt-68er oder die Grünen, die heute gar keine Probleme damit haben, sich mit Neoliberalen zusammenzuschließen, Hauptsache der Euro wandert in die eigene Tasche, oder?

WB:    Da kann ich Ihnen nur zustimmen. Irgend ein guter Freund empfahl mir mal ins Grips-Theater zu gehen, um sich Volker Ludwigs und Detlef Michels „Eine linke Geschichte“ anzuschauen. Dort wurde dem erstaunten Publikum deutlich vor Augen geführt, inwieweit sich Idealismus und eine eiskalt kapitalistisch geprägte Geschäftswelt miteinander verknüpfen lassen, sie endet in einen klaren Verrat.

LMK: Lassen wir uns bei dieser Gelegenheit zur Tagespolitik schwenken, Herr Brandt. Denn in Hartz-IV-Zeiten, somit Sozialabbau und dem unübersehbaren „Kadavergehorsam“ den USA gegenüber, wobei sich im Übrigen die EU ebenso hinreißen läßt, muß man schon befürchten, daß am Ende Chaos und Kriege folgen?

WB:    Wenn noch zu meinen Lebzeiten der Gerhard mir diese Niedriglohnidee und die Agenda 2010 unterbreitet hätte, wäre mir nichts anderes übriggeblieben, als ihm mal kräftigst den Kopf zu waschen, weil unsere jahrzehntelangen SPD-Ziele wir uns nicht von einer Hire&Fire-Politik der USA überstülpen lassen dürfen. Ganz im Gegenteil: Wer diesen Weg folgt, begibt sich auf einen Kurs zum Volksverrat, weil am Ende sämtliche sozialen Standards aufgrund einer nimmersatten Profitklientel verschwinden, Hauptsache diese überlebt, ohne Rücksicht auf des Volkes Stimmen. Das fatale daran: Die Menschen lassen sich darauf ein, wählen ausgerechnet immer wieder ihre Wölfe in Schafspelzen!

LMK: Das bedeutet letztlich, daß selbst die SPD sich grundlegend ändern müßte, um wieder eine wahrhaftige Volkspartei zu sein, denn den Unterschied zwischen ihr und den C-Parteien gibt es faktisch nicht?

WB:    Als mich damals Helmut nach der Guillaume-Affäre ablöste, sollten wache Geister eigentlich bemerkt haben, wohin das alte SPD-Schiff steuert. Wer sich dermaßen eng auf die Amis einließ, war bereits auf verkehrtem Wege, was spätestens Ende der 1990iger Jahre deutlich sichtbar wurde, aber auch Mitte der 1980iger Jahre sich anbahnte, als der Dicke zunächst den Gegenwind der Grünen zu spüren bekam bei gleichzeitiger Bekräftigung zum Drohkulissenarsenal den Russen gegenüber. Zwar verlor am Ende der kommunistische Weg der alten UdSSR, aber der Abschied der sozialen Komponente sollte im selben Atemzug besiegelt sein, ganz nach US-amerikanischen Vorbild, was bis heute die Menschen zunehmend belastet.

LMK:   Genau diese Einschätzung versucht Querdenkende ebenso zu verdeutlichen. Es kann nicht angehen, Eliten ständig zu bedienen, während die Menschen sichtbar verarmen. Gibt es überhaupt Wege aus diesem sich weiter entwickeltem Szenario aus Ihrer Sicht, Herr Brandt, um am Schluß des Interviews den Lesern vielleicht einen Hoffnungsschimmer mit auf den Weg zu geben?

WB: Lassen Sie es mich so formulieren: Jede Entwicklung können wir nicht allein betrachten, sondern sie findet statt im Kontext weltpolitischer Entscheidungen, die in gegenseitiger Abhängigkeit mündet. Allerdings kann ich Ihnen nur Recht geben: Wir müssen uns wieder darauf besinnen, den Überblick nicht gänzlich zu verlieren, sondern sehr genau und besonders schnell analysieren, was da verkehrt läuft an unfaßbarer Bereicherung einiger weniger, die sich einfach zu ungunsten der Völker bedienen.

LMK: Wir danken Ihnen für dieses Schlußwort und würden uns freuen, wenn Sie wieder hierher finden, um uns einige Fragen aus Ihrer Sicht zu beantworten.

Kategorie: Satire

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