Verwinkelt


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In den verwinkelten Gassen des Schicksals gibt es ab und an niedrige Mauerfluchten, die es erlauben, nicht nur einen größeren Blick zum Himmel zu erhaschen, sie ermöglichen an manchen Stellen, überwucherte Irrgärten und niedergetrampelte Gräser auf den Irrwegen zu sehen.

Es überkommt mich zuweilen bei dieser Betrachtung ein erhabenes Gefühl, ein Gefühl absoluter Vollkommenheit, manchmal ist der Mund leicht geöffnet, und könnte man meine Nasenlöcher betrachten, so würde man erkennen, sie sind aufgeblähter als sonst, in den Ohren diese Ruhe der Stille umsäuselt von leichtem Wind, das Rauschen, das man wahrnimmt, wenn man eine Muschel ganz fest an das Ohr preßt, auf die Brust legt sich die Last der gesamten Welt, eine Enge, alles pressend umschlossen, ohne eigene Macht versunken in einem Bildnis des Erwachens von Geist und Seele, die eine Quelle tief in dir das Getöse von gebärender Sprengkraft und absterbendem Knall anstimmt und dich über dem Boden schwebend in sich hineinzieht.

Allen Göttern innerhalb und außerhalb des Universums sei Dank, das passiert nicht so oft, es schlaucht, und ich bin glücklich, nicht als Wassertropfen mein Leben zu führen, obwohl es seine Reize hätte, sich hier mal da abzuregnen, in den Ozeanen zu tummeln, in kleinen und großen Wellen die Kraft der Gemeinschaft zu spüren, Felsen herunterzustürzen, sich mit den unterschiedlichsten Elementen zu vermischen, lachende Kinder zu hören, wenn sie in heißen Tagen die Kühle meiner weichen Haut spüren, den Durstenden flüssige Nahrung zu spenden, ich als Retter in der Not der weltgewandt Wissende, weil er in jeder kleinsten Ritze des Erdenballs ständig neue Erfahrungen, Erlebnisse, Abenteuer in sich birgt. Irgendwie habe ich mich mitreißen lassen in romantisch verklärte Darstellungen über das süße Leben als Tropfen, aber sagte ich nicht, ich bin glücklich, keiner zu sein, das sagte ich.

Die Vorstellung wochenlang in einem Schlauch auf das engste zusammengepreßt ausharren zu müssen, bevor jemand auf die Idee kommt, den Schlauch zu entleeren, monatelang in einem Tümpel oder im Moor festzuhängen, ohne Chance gegen den Himmel zu fliegen, jahrelang zu einem Klumpen erstarrt in einem Eisschrank oder schlimmer Jahrzehnte, Jahrhunderte als ewiges Eis vegetieren müssen, mit der einzigen Abwechslung ab und zu von einem Scheißhaufen beehrt zu werden, falls das Glück einem hold ist, und man nicht in den tiefsten Tiefen eingequetscht wurde und keinen blassen Schimmer mitbekommt, was überhaupt man so als Tropfen alles erleben könnte, nicht auszudenken, was man da alles verpaßt, vorausgesetzt, man hatte zuvor die Gelegenheit zu wissen, daß es etwas gab, sonst kann man es nicht wissen, daß man etwas verpassen kann.

Vor einigen Wochen wurde mir im Traum ein durchsichtiges Quadrat überreicht, viele Menschen scheinen es ausgesucht zu haben, denn es standen eine Menge Personen um mich herum, von denen ich niemanden kannte, Fremde also, die sich zusammenschlossen, um mir ein Quadrat zu schenken, durch das ich nicht sehen konnte, weil es mit milchiger Folie bespannt war. Freudige Gesichter veranlassen mich, das Geschenk höflich entgegenzunehmen. Es war mindestens einen halben Kubikmeter groß, ich konnte es nicht gänzlich umfassen, dennoch war es leicht und handlich. So weit, so gut, es war nicht zu öffnen, es war kompakt verschweißt, ein gummiartiges Quadrat, das etwas in seinem Innern verbarg, das ich nicht sehen konnte.

Je mehr ich mich mühte, den Nippel zu finden, den man durch die Lasche zu ziehen hat, desto schwerer wurde das Ding und desto mehr lösten sich die freundlich lächelnden Personen um mich herum auf. Sie verschwanden in nebeligen Dampf. Tauchten wieder auf, wenn ich der Meinung war, ich wüßte, was sich im Quadrat befindet, oder ich hätte endlich den besagten Nippel gefunden. Schließlich ließ ich das schwere Ding fallen, es waren sowieso keine Lächelnden mehr anwesend. Wütend stampfte ich in die Küche, um mich mit Schere und scharfem Fleischmesser auszurüsten, das Geschenk mit Gewalt herauszuschneiden.

Funktionierte aber nicht, nicht mit Hammer und Meißel, Säge und anderem Zeugs, das ich anschleppte, das Geschenk war nicht zu öffnen. Es blieb unversehrt, weich wie, sag ich jetzt nicht, elastisch wie, sag ich auch nicht, lästig wie, das behalt’ ich auch für mich, denn ich war zornig, bin es immer noch. Dieses unzerstörbare Ding, ich weiß nicht, was passierte, während ich weiterträumte oder was passieren sollte, ich war wach und verfluchte etwas, von dem ich keine Ahnung hatte, warum und wieso ich es verfluchte. Erst ein paar Tage später stolperte ich über das Ding, gedanklich und auch tatsächlich, denn fast wäre ich mit dem Wäschekorb hingefallen, schalt den ahnungslosen Kater, der genüßlich auf dem Sessel lag und sein Verdauungsschläfchen abhielt, weil ich ihn verdächtigte, mir vor die Füße gelaufen zu sein, was er ausgesprochen leidenschaftlich gerne tut. Aber nein, es war das quadratische Geschenk, das undurchsichtige, das weiche leichte Etwas, das immer schwerer wurde, je mehr ich mich anstrengte, es zu öffnen, das sich in meinem Kopf materialisierte und seitdem dabei ist, sich es bei mir heimisch einzurichten und heimlich einzunisten.

Jedenfalls versuche ich nun, immer öfters einen Blick über die Mauern der Gassen in dem Irrgarten meines Schicksals zu erhaschen, denn irgendwo auf diesen Wegen scheine ich etwas hinterlassen, verloren, abgelegt, weggeworfen, platziert zu haben, an das ich mich nicht mehr erinnere, das aber, ja was, keine Ahnung, Schicksal ist.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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