Schulmädchenreport trägt beflügelte Gedanken hinfort


Deutschstunde außer Rand und Band

Immer diese unnötigen Vorurteile! Neulich wieder hatte Florian sich heftigst aufgeregt über seine Eltern, fragte sich wie schon so oft zuvor, welch Sinneswandel ihnen widerfahren sein mußte, daß sie beide als ehemalige demonstrierende Umweltschützer in den Folgejahren eine berufliche Karriere hinlegten, die exakt dem Gegenteil entsprach, da deren Arbeitgeber alles andere als rücksichtsvoll die Umwelt behandelten.

Geld und Prestige können nur der Anreiz gewesen sein, da ignoriert man schnell sein moralisches Gewissen, kam Florian schließlich überein. Doch das wurmte ihn dennoch. Einerlei, er mußte sich beeilen, in die Schule zu kommen, wollte er nicht riskieren, erneut beim Deutschunterricht zu spät zu erscheinen. Und Julius Fichte war ein Lehrer von der Sorte, der sich alles merkte trotz hoher Toleranzgrenze, die jedesmal Schule eine neue Dimension verlieh. Da galt es, dabei zu sein mit einer gewissen Euphorie.

Ja, Sie haben richtig gelesen, Schule kann tatsächlich Spaß machen. Im letzten Moment trat Florian ins Klassenzimmer, sein Lehrer grinste ihn an und begann sofort mit dem Unterricht.

„Morgen allseits, ich hoffe, Ihr hattet ein schönes, ausgefülltes Wochenende. Ich weiß, Montagmorgen möchte niemand morgens sich aus dem Bett wälzen, aber unser System erschuf die morgendliche Qual, der wir uns alle unterordnen müssen.“ Die Klasse tobte vor Lachen, einige trommelten mit den Fäusten auf den Tischen, andere stampften rhythmisch auf den Boden.

„Nanana, nicht übertreiben. Schön, daß Ihr alle so lebhaft wach seid, beste Voraussetzung für das Thema der heutigen Stunde: Schulmädchenreport.“ Ein erstauntes Raunen ging durch die Reihen. Chris meldete sich zu Wort.

„Ist das nicht diese Soft-Sex-Filmserie aus den 70er Jahren, die heute gänzlich lächerlich anmutet?“, fragte er grinsend und schaute bewußt zu seiner angebeteten Dani, die ein wenig rot anlief.

„Gut erkannt und wiedergegeben, Chris. Ganz genau, aber wir wollen diese Filme nicht weiter beachten, sondern uns der Sprache zuwenden. Wer hat Ideen für eine Rap- oder Gedichtnummer vom Wort „Schulmädchenreport“ ausgehend? Laßt mal Eurer Phantasie freien Lauf, nur zu!“, forderte Julius Fichte sie auf. Die Schüler waren sichtlich erstaunt, einige grinsten nur, weil das mal wieder typisch für den Fichte war. Allgemeines Tuscheln und Herumschreiben war die Folge, die Klasse war ziemlich beschäftigt. Nach rund zehn Minuten meldeten sich Tina und Mike zu Wort, sie wollten einen Rap im Duo vortragen. In gespannter Erwartung lauschte die Klasse den Worten:

„Hey, was machste denn dort, immer fort mit dem plöden Video, diesem Schulmädchenreport, oder soll ich sagen, Schwulfädchenhort, lach nicht, die Sache ist ernst, nur weil du’s nie lernst, was im Licht anders erscheint, will vereint einfach leben, nach Höherem streben. Nein, dieser Schuhlädchenort zeigt uns doch deutlich auf, wohin die Reise geht, daher lauf, bevor ein Bulle vor dir steht.“

Die Klasse war für Sekunden sprachlos, danach gab es kein Halten mehr, alle sprangen auf und tanzten wild im Raum, so daß der gute Fichte alle Mühe hatte, seine Schützlinge wieder zu beruhigen. Schon schaute ganz kurz der Schuldirektor vorbei, öffnete die Klassenzimmertür und fragte nur, ob alles in Ordnung sei. Zufrieden schwirrte er wieder ab, nachdem ihr Lehrer freundlich genickt hatte.

„Sehr schön, Ihr beiden. Genau das meinte ich, spielt mit der Sprache, sie läßt so vieles zu, und gerade beim Rap könnt Ihr, wie Ihr merkt, eine Menge Emotionen erwecken, oder?“, kommentierte Julius den Beitrag. Lisa meldete sich, stand auf und trug mit fester Stimme vor:

„An einem dunklen Ort, den kaum jemand sah, zeigten sie den Schulmädchenreport. Doch keine Mädchen waren zu sehen. Was war bloß geschehen? Ganz einfach, sie weigerten sich, so billig sich zu zeigen, ganz zu schweigen vom Reigen jugendlicher Wixer, die nichts besseres taten, als an diesen Bildern sich zu laben.Tabubruch in jener Zeit, zeigte auf, daß Gesellschaft noch längst nicht so weit, offen über Sex zu reden. Das brachte Streit und für die Filmemacher entsprechenden Geldsegen.“ Das saß, in der Klasse herrschte erstauntes Schweigen. Aber Julius Fichte stand auf, verbeugte sich vor Lisa.

„Prima, toller Beitrag. Der Rest von Euch hat die Hausaufgabe, sich auf das Thema einzulassen, in der nächsten Stunde möchte ich viele Ideen hören.“ Die Schüler applaudierten kurz heftig, ehe ihr Mathelehrer kommen sollte.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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