Bloß keine Bindung


https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/e/ec/Am_Kotti_-_panoramio_-_Uli_Herrmann_%285%29.jpg/640px-Am_Kotti_-_panoramio_-_Uli_Herrmann_%285%29.jpg

Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0

Grautöne breiteten sich unaufgefordert aus, nahmen Plätze ein, die vorher bunt und strahlend leuchtend erschienen, keine Farben mehr vorhanden, die Luft zum Atmen vermochte ins Stocken geraten, dennoch wollte irgendein Hoffnugsschimmer ein bisher armseliges Dasein in den Bann ziehen, eben nicht aufzugeben. Natürlich geriet genau deshalb die junge Jenny ins Grübeln, bemerkte Zusammenhänge, die ihr vorher verborgen waren. Mußte es erst soweit kommen, schoß es ihr durch den Kopf.

Im nächsten Moment geriet sie ins Straucheln, fiel urplötzlich der Länge nach hin, ein paar Passanten drehten sich kurz um, wenigstens ein junger Mann bot ihr seine helfende Hand, die sie gern annahm, um sich wieder aufzurappeln. Die Nachmittagssonne hatte inzwischen die grauen Wolkenpakete durchbrochen, so daß die Straße ihre Trostlosigkeit verlor, eine Schülergruppe machte sich über die beiden lustig, obwohl deren Lehrer ihnen dies lautstark untersagte. Was interessiert die Jugend moralische Zurechtweisung, kein Wunder wenn Jenny und der junge Mann mit einem Schmunzeln weiterzogen.

„Einfach mal deinen Gang besser kontrollieren, ich konnte schon von der Ferne sehen, daß du bald stolpern würdest“, riet er ihr, „ich bin der Mike, und du?“

„Jenny, 17 Jahre alt, nächstes Jahr mach ich Abi, keine Ahnung, was ich im Anschluß tun werde, vorerst wohl nicht studieren, ich will mir Zeit lassen“, erwiderte sie, kramte aus ihrer zerschlissenen Jeans ein Haargummi hervor und band sich geschickt schnell einen Pferdeschwanz, das lange, rotblonde Haar leuchtete im Licht gelbroter Sonnenstrahlen, ein Krankenwagen fuhr extrem laut vorbei, das Martinshorn zwang sie dazu, sich instinktiv beide Ohren zuzuhalten. Mike tat es ihr gleich, was ihr wohl gefiel. ‚Endlich mal einer, der nicht den Macker raushängt, sondern auf sein Gehör achtet‘, dachte sie und grinste vor sich hin.

„Da bin schon drüber weg, im Herbst beginnt mein fünftes Semester Architektur“, raunte ihr Mike zu, er legte keinen großen Wert darauf, es alle Welt wissen zu lassen, „aber versteh dich sehr gut, keine leichte Aufgabe, sich zu entscheiden.“ Jenny lächelte den smarten, hochgeschossenen Studenten an, dessen Nähe ihr wohl guttat.

Der Bürgersteig füllte sich immer mehr, zumal die meisten Feierabend hatten, die Nachmittagsstimmung im Kreise ihrer Familien lieber genießen wollten, anstatt im Stadtgewimmel. Hier in Kreuzberg in der Reichenberger Straße, unweit vom Kotti, liefen die beiden lang, bogen schließlich rechts in die Lausitzer Straße zum Paul-Lincke-Ufer, dem Landwehrkanal entgegen. Der Gestank des dahinfließenden Wassers bestimmte die Gegend, es mischten sich Gerüche einer nahegelegenen Dönerbude hinzu, türkische Salsa Musik erfüllte die Szenerie, von weiter oben hörten die beiden Punk-Mucke.

„Ach ne, trifft ja eher meinen Geschmack“, bemerkte Jenny, „Wire kennen viele nicht, mir hat natürlich Pink Flag am meisten gefallen.“ Mike schaute sie etwas verlegen und ratlos an.

„War nie mein Ding, ich blieb stets der Rockmusik treu, mit Punk konnte ich nichts anfangen, war mir dann doch zu rebellisch, obwohl mich eine Band tatsächlich kurz inspiriert hatte, The Clash, die Scheibe Sandinista!“, antwortete Mike. Jenny nickte zustimmend.

Ein schwules Pärchen fuhr ihnen auf Rollerskates etwas zu harsch entgegen, der kleinere der beiden rempelte kurz Mike an, der prompt reagierte und diesem geschickt mit einem Hüftschwung parierte, so daß er stürzte, zum Glück aber auf dem Bürgersteig landete. Nachdem Mike sich kurz entschuldigt hatte, entspannte sich die Situation. Jenny und ihr neuer Begleiter blieben zunächst zusammen, obwohl sie langsam wieder lieber für sich allein sein wollte, zu viele Gedanken schossen ihr durch den Kopf.

„Hey, war nett mit dir, vielleicht können wir uns ja mal wieder treffen, ich geb dir mal meine Handy-Nummer, wenn du magst“, sagte Jenny und schon sendete sie diese ihm per SMS auf dessen Smartphone. Mike nahm es gelassen, nickte stumm, strich ihr kurz über die rechte Schulter und lief zügig von dannen.

Jenny schaute ihm lange nach, bis er nicht mehr zu sehen war. ‚Na, das nenn’ ich mal ’nen netten Kerl, vielleicht läuft da mal was?‘, grübelte sie. Doch in Wirklichkeit hatte sie bereits schon wieder Bammel, es könne sich als Flop herausstellen, ihre letzte Beziehung hatte gerade mal vor zwei Wochen ein jähes Ende. Sie hatte Leo beim Fremdgehen ertappt, so richtig klassisch, die beiden schliefen obendrein im gemeinsamen Bett, ihr Freund war felsenfest davon überzeugt gewesen, Jenny sei in der Schule. Er konnte nicht wissen, daß plötzlich die letzten beiden Schulstunden ausfielen.

„Nö, laß man, Jenny, das brauch ich mir nicht mehr anzutun, maximal einmal mit Mike pennen, das kann ja niemand schaden, aber mehr is nicht“, sagte sie sich und begab sich nach hause.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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