Alltag: Niemand entrinnt ureigener Realität


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Zwischen den Welten einer selbstgefälligen Gleichgültigkeit

Reiselustige soll man ja ziehen lassen, besonders wenn sie es drauf anlegen. Kennen Sie das, jenes Gefühl der Einsamkeit, so kurz vorm Platzen der Hutschnur? Wenn nach einer langen Kette von geduldigem Hin- und Weghören lediglich noch das äußerste Ihnen übrigbleibt, sich eben Luft zu machen, auszubrechen aus dem selbst auferlegten Gefängnis der Gefälligkeiten?

Nein, es handelt sich hierbei mitnichten um den Beginn einer depressiven Entgleisung, die in ellenlangen Sätzen die Gründe der Versäumnisse näherbringen will. Das wäre viel zu müßig, nicht nur für den Erzähler selbst, sondern erst recht den Zuhörer. Es geht um den ganz gewöhnlichen Alltagsstreß, mit dem wir uns alle mehr oder weniger auseinandersetzen müssen, ob wir wollen oder nicht.

Schließlich hat ein jeder innerhalb seiner Familie, in seiner hineingeborenen Rolle, sein Leben zu meistern, in der Regel stets nie allein, vielmehr mit den Menschen, die uns begegnen im Laufe der Jahrzehnte. Viele verlassen wir wieder nach langer oder flüchtiger Bekanntschaft, mit anderen wiederum beschäftigt man sich wesentlich intensiver aus sehr differenzierten Gründen, was durchaus praktisch hilfreiche sein können oder weil das Bedürfnis vorhanden, dem Gegenüber selbst eine Stütze zu sein.

Wissen Menschen so genau, wie die unterschiedlichen Momente einer Sympathie oder Antipathie greifen, die dabei aber den weiteren Verlauf einer Begegnung letztlich steuern? Einige erahnen es instinktiv, manche glauben es einfach zu wissen, andere tappen im Dunkeln und leben drauf los, achselzuckend, es gibt auch welche, denen ist es schlicht egal, mit wem sie sich abgeben, Hauptsache Kontakt.

Es menschelt zwischen den Zeitgesellen allüberall, zunehmende Gleichgültigkeit breitet sich aus, weil der Nächste beim geringsten Anzeichen von Schwäche unwichtig erscheint, im Reich der Superlative der äußere Schein zunächst viel zu bieten hat. Wehe, die Mauer hinter solch Fassaden bricht in sich zusammen, dann folgen Tragödien, oder aber es wird zum nächsten Happening geschielt, Auswahl reichlich vorhanden bei solch „Überangebot“.

Ware Mensch wie ein Verkaufsgut allerorten präsent, von der Stricherin zur Edelhure, vom Therapeuten zum Streetfighter an der nächsten Ecke, vom Penner zum Banker? In einer Welt der Gegensätze, der sozialen Unterschiede, der zunehmenden Verarmung und einem nie dagewesenen Reichtum soll unsere Spezies sich zurechtfinden, ausbalanciert dem Positivismus nacheifern?

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gesellschaft

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2 Antworten zu Alltag: Niemand entrinnt ureigener Realität

  1. katharinahohenfels schreibt:

    Hi.

    Dein Artikel gibt ziemlich gut wieder, dass die Gegensätze, die für uns möglich sind, immer weiter auseinandergehen und, dass dadurch eine noch größere Bandbreite an Möglichkeiten entsteht als je zuvor.

    Und dann soll man auch noch bei gleichzeitiger Manipulation von außen seinen Platz inmerhalb dieser vielen Möglichkeiten, in dem ganzen Geflecht, das doch niemand gänzlich überblicken kann, finden.

    Sehr schwierig, unser Leben, unsere Entscheidungen richtig zu treffen, mit wem/was wir uns abgeben, mit wem/was nicht, v.a., wenn dann noch der Alltagsstress hinzukommt und alles mit einem Schleier bedeckt.

    Eigentlich ist genau das, was mir Schwierigkeiten in meinem Leben bereitet.

    Liebe Grüße
    Katharina Hohenfels

    Gefällt 1 Person

    • hraban57 schreibt:

      Hallo Katharina,
      das ganze Leben besteht aus permanten Entscheidungen, die wir treffen, viele bewußt, obendrein etliche unbewußt. Wer sich ständig damit beschäftigt, ob sie richtig oder verkehrt sind, kommt letztlich auf keinen grünen Zweig, was nicht bedeuten muß, daß dies gleich falsch sein mag. Wir haben schließlich eben nicht die Zeit, da das Leben uns ständig fordert. Irgendwann erkennt man, daß Entscheidungen stets im Diskurs stehen, was ihre Richtigkeit anbelangt, einerseits gibt es falsche oder aber richtige Entscheidungen. Dabei kommt es besonders darauf an, aus ihnen zu lernen, sie umzusetzen, sie obendrein zu akzeptieren, weil eben Mensch Fehler macht. Nicht zufällig fassen das die Briten mit ihrem „nobody is perfect“ am zutreffendsten zusammen. Ebenso verhält es sich mit Menschen untereinander, dabei schwingen Gefühle, Erfahrungen besonders mit, die uns von Beginn an steuern, Sympathie und Antipathie sind stets unbewußte Begleiterscheinungen, die unsere Entscheidungen erheblich steuern, ob wir uns mit dem Gegenüber näher befassen oder eben nicht. Ich weiß, alles keine leichte Aufgabe, was da unser Leben von einem abverlangt. Gleichzeitig macht aber genau dies das Leben selbst aus, herauszufinden, was wir wollen oder halt nicht.

      Liebe Grüße, Lotar

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