Diplomatenrunde in schwereloser Not kriegsgeiler Erregung


Ein Loblied politischer Arroganz

Rasch haben sie eine Versammlung einberufen, um in trauter Runde ihre längst beschlossenen Ziele zu festigen und eventuell noch auszuschmücken mit allerlei Vorteilen zur Zufriedenheit der Beteiligten. Klingt wie ein nettes Kaffeekränzchen altehrwürdiger Damen am nußbaumfurnierten runden Tisch auf gebohnertem Eichenparkett, den Finger leicht gen Zentrum des Geschehens gespreizt. Ein leichtes Hüsteln ward zu vernehmen, ein Getuschel untereinander, während der Hauptredner sichtlich bemüht, den Faden nicht zu verlieren angesichts solch wichtiger Botschaften.

„Meine Herrschaften, ich bitte um die uneingeschränkte Aufmerksamkeit angesichts dieser sich anbahnenden Ereignisse, die wir doch allesamt voraussahen, nicht wahr?!“, begann Humpty-Trumpty, der große blonde Häuptling der Westokraten, stets mit fiesem Blick, den nie jemand wirklich zu deuten wußte und fuhr fort, „aber mein lieber Marcon, gib der Melkelle doch ihr Spielzeug zurück, du weißt doch nur zu genau, wohin es führen mag, wenn behaarten Zähnen nicht Folge geleistet wird, schließlich fühlt sie sich in der Rolle der Euro-Queen ganz wohl, während wir wahrhaftige Entscheidungen treffen. Nicht fragen oder bitten, sondern klotzen und bestimmen, war schon immer die Devise meines Landes, stimmt’s, meine verehrte Mayday?“

Allgemeines Gekicher und wohlgefälliges Zuprosten signalisierten Humpty-Trumpty dessen Wirkung auf seine Gäste. Plötzlich verdunkelte sich wie von Geisterhand der Saal, an der Ostwand öffnete sich ein dunkelblau, zugezogener Samtvorhang, gleichzeitig flimmerten über das riesengroße Flatscreen die letzten Sekunden einer ekelhaften Croca-Crola-Reklame, die selbst bis hierhin ihre schwachsinnige Botschaft unter die Leute bringen wollte, wobei gar mäßiger Erfolg sich bestätigte bei kurzem Blick auf die Getränke der Anwesenden. Im nächsten Moment zeigte sich in eindeutig ernsthafter Miene der Häuptling der Ostokraten, Flammidir Bootin, um der gaffenden Schar zu entgegnen.

„Guten Abend, werte Gesellschaft, wünsche wohl geruht zu haben in selbstgefälligem Schein eindeutiger Übereinschätzung der Lage. Haben Sie auch nur ansatzweise eine Vorstellung davon, was Sie in kriegsgeiler Erregung anzurichten beginnen?“, schmetterte der Besonnene ihnen entgegen, dennoch unbedingt gradlinig in freundlichem Tonfall, „und ich wende mich in erster Linie an Sie, liebe deutsche Mutti, wie kommt es, daß sie immer den Amis in den „Allerwertesten“ kriechen? Irgendwann muß doch mal das Traumata ewiger Kriegsschuld überwunden sein, oder? Sie brauchen gar nicht die Augenbrauen nach oben zu ziehen, und ihre Raute können Sie getrost unterlassen, diese Betonung nimmt Ihnen sowieso niemand mehr ab. Kein Wunder, daß Euroland andächtig geduckt Richtung Westen blickt, in Erwartung welche Taktiken als nächstes anstehen. Und die Völker wissen es ohnehin dank gut informativer Weitergabe via Internet: Euer billiger Versuch, mein Russland zu unterwerfen per Waffengewalt!“

Kurzfristig entstand sekundenlang Grabesstille im Saal, jedes Stecknadelfallen wäre als laute Lärmquelle empfunden worden. Mayday fand als erste die ihrer Meinung nach passenden Widerworte, die allerdings mehr als dürftig ausfielen, viel eher einem kläglichen Eingeständnis entsprachen. Daß der Commonwealth und die USA historisch verpflichtet stets in letzter Konsequenz sich einig waren, wußte ein jeder halbwegs gebildete, politisch Interessierte. Und so fuhr Bootin in gewohnt weltmännischer Art fort.

„Aber kommen wir zum Anlaß meiner Intervention. Haben Sie allesamt gelaubt, unser Volk würde tatenlos dieses militärische Vorgehen erdulden, zumal schon vorher Napoleon und Hitler überdeutlich meinten, sie könnten einfach so Russland einnehmen, überrennen? Nein, wir haben vorgesorgt, da helfen selbst ihre eingeschleusten Agenten im Lande nichts, denn falsche, in die Irre führende Infos entsprechen ihrem Selbstzweck: Sie in dem Glauben zu lassen, es laufe alles strategisch glatt. Nur zu, starten Sie Ihren Krieg, aber die Antworten werden harten Reaktionen entsprechen, die Völker Europas sofortigst als erstes darunter zu leiden haben. Aber auch Ihre Nation, Humpty-Trumpty, muß mit Vergeltung rechnen. Doch Sie wissen es allesamt und halten dennoch am Kriegstreiben fest?“

Wer jetzt meinte, es herrschte Ratlosigkeit in trauter Runde der Westokraten, der wurde eines Besseren belehrt. Komplett von der Realität entrückt, bestanden die Anwesenden darauf, ihren einmal ins Gedächtnis gepflanzten Meinungen zu folgen, zumal eine clevere Rüstungsindustrie ohnehin ihre suggestive Wirkung stets erfolgreich nie verfehlte. Es blieb bei den gefaßten Beschlüssen, nach lang anhaltender Saktionspolitik sollten jetzt die Waffen sprechen, die Menschheit mußte dem dritten Weltkrieg entgegenblicken.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Satire

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