Altern kein leichtes Unterfangen


https://pixabay.com/de/mann-alte-alter-mann-person-301373/

pixabay.com

Fluch oder Segen?

Es mag zynisch klingen und dies erst recht, wenn man weiß, wie viel Leid außerhalb der wohlbehüteten Industrienationen weltweit herrscht, ausgerechnet dann sich dahingehend zu äußern, daß eine niedrige Lebenserwartung vorm gebrechlichen Altwerden sie dort bewahrt. Das Ergebnis eines unwürdigen Dahinsiechens dürfen wir in den Pflegeheimen betrachten, auch wenn bereits nach etlichen Skandalen so manch gravierende Schlamperei aufgedeckt und beendet wurde.

Nach wie vor müssen sich die hilflosen, alternden Pflegebedürftigen alltäglich mit dem Personal auseinandersetzen, Pflegen im Minutentakt wird weiterhin praktiziert, für Menschlichkeit bleibt da nicht viel übrig, bis hin zu den noch unbekannten Mißständen, die sicherlich stattfinden, auch wenn dies geleugnet wird. Gleichzeitig muß aber auch vorneweg die mühsame Arbeit des Pflegepersonals gelobt werden, das trotz vieler Widrigkeiten mit großen Engagement seinen Job gewissenhaft ausübt und oft bis zum Rand der eigenen Erschöpfung sich nicht zu schade ist. Was läuft da verkehrt in unserer Gesellschaft?

Altwerden eine Frage des Geldbeutels?

Daß die durchschnittliche Lebenserwartung in den letzten Jahrzehnten erheblich gestiegen ist, dürfte sich längst herumgesprochen haben. Durch den Tod des Japaners Masazo Nonoka, der bis dahin ältester lebende Mann auf Erden war, zählt jetzt der Deutsche Gustav Gerneth weltweit zum ältesten. Und nicht immer darf man davon ausgehen, daß Reiche älter werden und Arme früher sterben. Jedoch prinzipiell muß man es dennoch feststellen.

Das hat viel mit ärztlicher Vorsorge und Betreuung zu tun, mit dem Arbeitsleben, der Ernährung und ganz besonders auch mit der psychischen Belastung. Wer keine Geldsorgen zu beklagen hat, schläft ruhiger, dessen Seele wird nicht einem Dauerstreß voller Sorgen unterzogen. Gleichzeitig spielt der Lebenswandel eine große Rolle, um das Altwerden zu begünstigen oder eben mit dem Tod als Folge exzessiven Lebens: Kettenraucher, Alkoholkranke, Drogenkonsumenten, aber auch Workaholics, um nur einige Extreme aufzuzählen, gehören zu jenen Kandidaten.

Die Gerontologie (aus dem Griechischen für géron für „Greis“ und lógos für „Lehre“) beschäftigt sich wissenschaftlich mit dem Altern, wobei sie nicht umhin kommt, sich bei dieser großen Thematik auch mit der Geriatrie (Altersheilkunde), der Gerontopsychiatrie (Seelenheilkunde), Sozialarbeit und Altenpflege auseinanderzusetzen. Doch wie reagiert unsere Gesellschaft auf ihre älter werdenden Menschen? Hat sie die richtigen Antworten, um ihnen einen menschenwürdigen Lebensabend zu gönnen? Die Politik weiß keine bessere Antwort, als die Rente mit 67 einzuführen, manche Politiker fordern sogar nonchalant die Rente mit 70 oder gar 80. Ein Bauarbeiter sollte spätestens mit 60 in Rente gehen dürfen. Wer dennoch muß, riskiert erhebliche, gesundheitliche Schäden. Unser Körper wurde nicht von der Schöpfung geschaffen, um uns dermaßen unklug bis hinein in ein solch hohes Alter zu verschleißen. Wer diesen Umstand ignoriert, macht sich mitschuldig am Leid der Betroffenen.

Jugendwahn und Altersgesellschaft – paßt das zusammen?

Eigentlich überhaupt nicht. Und doch bleibt der Gesellschaft nichts anderes übrig, als die passenden Lösungen zu finden. Wer heute noch jugendlich dynamisch im Berufs- und Privatleben in vollen Zügen sein junges Leben genießt, darf sich dessen gewiß sein, daß er auch mal alt wird, vorausgesetzt, ihn ereilt keine schwere Krankheit oder ein Unfall. Aber gerade die derzeitig junge Generation hat deshalb auch die Möglichkeit, die eigenen „Weichen“ zu stellen in eine bessere Zukunft für ältere Menschen.

Wenn schon das Altwerden heutzutage viel eher als ein Fluch zu bezeichnen ist, anstatt ein Segen, so wartet auf die folgenden Generationen ein enormer Nachholbedarf, um dies zu ändern. Das Klima sozialer Kälte hat schon lange Hochkonjunktur, denken wir nur an das Unwort des Jahres 1996 zurück, das da lautete: „Rentnerschwemme“ oder an das zwei Jahre später gefundene „sozialverträgliches Ableben“! Widerlicher kann eine Gesellschaft nicht das Verhältnis zu ihren alten Menschen offenbaren. Gleichzeitig muß man mit Schrecken all diese verzweifelten Bemühungen derjenigen beobachten, die bis ins hohe Alter dem Jugendwahn verfallen. Vom Botox spritzen, Gesichtscremes bis hin zu gesichtschirurgischen Eingriffen wird alles versucht, um dem Altwerden entgegenzuwirken.

Obwohl ein demographischer Wandel zum Älterwerden schon lange kein Novum darstellt, wurde nicht entsprechend reagiert. Unsere Gesellschaft muß die passenden Antworten finden, und zwar schnellstmöglich, um das Leid unserer älteren, pflegebedürftigen Mitmenschen zu beenden. Dabei sollte nicht nur die Bezahlbarkeit eine Rolle spielen, sondern auch ein Überdenken der Praxis. Es kann und darf nicht sein, daß menschenunwürdige Zustände im Pflegefall Zeugnis unserer Humangesellschaft widerspiegeln, sie stellt sich damit sonst selbst in Frage.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gesellschaft

Werbeanzeigen
Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.