Zwischenmenschliches auf stillem Örtchen


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Ansichten zweier Welten

Der Großteil der Menschheit lebt in Städten, während in manchen Gegenden der Erde Menschen Gleichgesinnte sehnlichst suchen zwecks gelegentlichen Austauschs.

Obgleich die Einsamkeit für die Gehetzten eine wohltuende Stille bedeutet, sich Naturverbundene in Großstadtmetropolen vor lauter Lärm, Gestank und Hektik verloren fühlen würden. Grund genug auch mal im Alltag abzuschalten, dem Stakkato des Streßes zu entfliehen, Oasen des Innehaltens aufzusuchen, selbst an eher ungewöhnlichen Plätzen wie beispielsweise in einer öffentlichen Toilette.

Neulich fanden sich zwei völlig unterschiedliche Menschen ein, wobei beide voneinander eben nicht wußten, jeder meinte, er sei allein im Raume. Dadurch fühlten sie sich unbeobachtet, ließen ihren Gedanken freien Lauf, trafen Ansichten zweier Welten aufeinander – Zwischenmenschliches auf stillem Örtchen. Aber horchen Sie selbst mal rein.

Sprecher: Irgendwo in einer Stadt Deutschlands, die mit dem B vorne und den rund vier Millionen Menschen, in einem öffentlichen WC. Während Ben just den Riegel der grauen Kunststofftür zugeschoben hatte, hechtete Mike nach langem Dauerlauf in den ein wenig nach Chlor muffelnden Raum, knallte die Tür zu, riß die Jogginghose heftigst nach unten, setzte sich und das befreiende Fließen erleichterte seine Blase. Keine Sorge, es folgen keine weiteren Details in Sachen Toilettengang. Ben hatte trotz des Lärmes nichts bemerkt, war verunsichert, dachte nach.

Ben: Manchmal fordert mich Harald heraus, mit welchem Recht überläßt man ihm derart komplexe Handlungsspielräume, obwohl ich doch über wesentliche Berufserfahrung verfüge? Woher hat dieser Schnösel eigentlich die Courage, dermaßen unverfroren mich fortlaufend zu mobben? Etwa mit der Chefin in der Falle gewesen? Das darf doch alles nicht wahr sein!

Sprecher: Sie müssen wissen, Bens Beförderung stand auf dem Spiel, da ein jüngerer Rivale mit ganz simplen Mitteln ihn in die Quere kam. Mike hingegen beschäftigten ganz andere Probleme.

Mike: Was für ein Geruch hier. Nun denn, jetzt erst mal in aller Ruhe meine Gedanken sammeln. Joanna meint also tatsächlich, ich hätte nichts bemerkt? Na, was glaubt sie eigentlich, meint sie, ich tappe blind durchs Leben? Und das nach all den vielen Gesprächen der letzten Wochen? Mit solch simpler Ausrede kommt sie mir nicht davon. Nö nö, nicht mit mir! Zumal dummerweise och noch der Bernd sein Handy auf ihrem Nachttisch hat liegen lassen, also offensichtlicher geht’s wohl kaum!

Sprecher: Ben schwenkte nach anfänglicher Wut in gemäßigte Gedankenwelten, erste Anzeichen strategischer Ideen entwickelte er unverblümt.

Ben: Das laß ich mir nicht länger bieten! So billig kommt der Harald nicht davon, da muß es eine Möglichkeit geben, ihm eine Falle zu stellen. Hm. Was wäre denn, wenn ich ein wenig mir seinen PC vorknüpfe. Doch halt, ich weiß doch sein Paßwort nicht. Hehe, na klar, die Idee, der Tom knackt es bestimmt, nur noch Harald für ne gewisse Zeit ablenken, na siehste, das funktioniert, bekomme ich hin.

Sprecher: Während Ben sichtbar gelassener sich die Hände rieb, war Mike jetzt am Höhepunkt seiner Eifersucht angelangt, um dennoch nach Wegen zu suchen, Joanna für sich zurück zu gewinnen.

Mike: Ich muß dem ein Ende setzen, werde sie gleich nachher ansprechen. Am besten direkt klären, so weiß ich wenigstens, woran ich mit ihr in Zukunft bin. Aber halt, geht ja gar nicht, muß noch zwei Zeichnungen beenden, hätte ich ja beinahe vergessen. Studium und Beziehung scheint doch schwerer vereinbar zu sein, als ich anfangs dachte. Vielleicht war es genau das, was Vater neulich meinte?

Sprecher: Ben streckte sich genüßlich, so weit man das halt in der Kabine einer öffentlichen Toilette überhaupt vermag. Genau, diese Taktik könnte fruchten, glaubte er nunmehr zu wissen.

Ben: Für nen 50er macht das der Tom garantiert. Und dann find ich Haralds Schwachpunkte, die ich einzusetzen weiß. Danach kann er einpacken, eventuell sogar die Firma verlassen, das wird das Beste sein nach dem Vorfall, Chefin hin oder her. Die geht sowieso über Leichen, wie mir scheint.

Sprecher: Mike war fest entschlossen, trotzdem seiner Beziehung noch eine Chance zu geben, schließlich räumte er für sich ein, daß er wohl nicht der einzigste Student sei, der Studium und Freundin meistern möchte. Wo die Liebe hinfiel, suchte sie sich Wege.

Mike: Ach, was soll’s, entweder sie gesteht ihren Ausrutscher und wir versöhnen uns, oder aber die Wege trennen sich. Einfach darüber zu schweigen, geht nicht, da spielen meine Gefühle verrückt. Ich muß da jetzt durch.

Sprecher: Inzwischen hatte eine unglaubliche Gelassenheit Bens Verfassung erreicht. Genußvoll ließ er die einzelnen nächsten Schritte Revue passieren, beendete zügig sein Geschäft, verließ das stille Örtchen und begab sich zum Handwaschbecken. Auch Mike war guter Dinge, überlegte schon, welche Schwierigkeiten ihn bei den Zeichnungen erwarten würden. Das Klärungsgespräch mit seiner Freundin war für Momente nur noch zweitrangig.

Manchmal begegnen sich Menschen, schweigsam, ohne Worte, sogar wie in diesem Fall, wo keiner den anderen sah, gedankenversunken in ihrer eigenen kleinen Welt, und doch trägt jeder Verantwortung innerhalb seines Seins, versucht sich selbst zu finden, ob dabei stets im Sinne einer folgerichtigen Entscheidung, bleibt mal dahingestellt.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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