Trügerische Landidylle ohne jede Vorwarnung Kriegsschauplatz


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Plötzlich brach für Gwen eine Welt zusammen

Ein laues Lüftchen wehte an jenem Nachmittag im Frühsommer, eine Schar Enten flog schnatternd vorbei, in der Ferne konnte Gwen das Bellen zweier Hunde vernehmen, wobei der eine ein großer sein müßte, der andere eher klein, weil dessen Kläffen in der Nähe bestimmt in den Ohren weh tun würde, grübelte die Zwölfjährige, strich sich dabei gedankenverloren durch ihre langen roten Haare.

Kaum hatte Gwen sich zurechtgesetzt, bemerkte sie drei schwarze Punkte am blauen Himmel, die merkwürdig schnell dahinflogen. Im selben Moment wurde ihr klar, daß es sich dabei nur um Militärmaschinen handeln konnte, viel zu laut durchbrachen jene die Schallmauer. Schon schwirrten sie ziemlich tief über sie hinweg, geschlossen, sehr nah beisammen. Instinktiv sprang das Mädchen auf, rannte so schnell es vermochte in Richtung Haus.

In letzter Sekunde erreichte sie es, riß die Haustür auf und eilte in den Keller. Das war wohl ihre Rettung, weil draußen heftige Explosionen das Erdreich, den Garten zerpflügten, Bäume wie Strohhalme entwurzelt, zerfetzt durch die Luft wirbelten, direkt neben dem Haus ein Geschoß das Küchenfenster traf, Glas splitterte. Gwen verkroch sich verstört hinter ein Regal, überlegte es sich anders und suchte Schutz unter einem Beistelltisch, lag dort zusammengekauert, ihre Knie an den Bauch gezogen und weinte laut.

Sie ärgerte sich, daß ihre Eltern unterwegs waren, ihr nicht beistehen konnten, machte sich zugleich große Sorgen, wie es ihnen wohl ergehen mochte. Irgendwie verstand sie nicht im geringsten, woher diese Flugzeuge überhaupt herkamen und vor allem, warum diese so brutal die Landidylle in einen Kriegsschauplatz verwandelten? Was war geschehen, hatte sie etwas verpaßt? Warum vermieden es die Erwachsenen, solche Entwicklungen nicht weiterzugeben? Immerhin war sie kein kleines Kind mehr. Selbst die Lehrer schwiegen dazu. Wieso nur?

Gwen war auf einmal mächtig sauer über soviel Desinformation, auch über sich selbst. Schließlich hatte sie sträflich vernachlässigt, ein gewisses politisches Bewußtsein zu entwickeln. Neulich erst meinte sie, ihre beste Freundin Nelli auslachen zu müssen, weil jene in einer Diskussion auf dem Nachhauseweg von der Schule sich Sorgen machte, erwähnte, daß der Westen unbedingt Russland als neuen, alten Feind empfand, alles tat, um das Riesenreich zu provozieren. Das könne nicht gutgehen, hatte Nelli Gwen gegenüber warnend betont.

Doch Gwen zog es vor, über ihre Facebookfreunde zu lästern, widmete sich eher Belanglosem, anstatt mal genauer zuzuhören. Das wurde ihr jetzt erst klar, hier unten im Keller. Anfangs heulte noch die Dorfsirene auf, als bereits längst etliche Häuser dem Bombenhagel ausgesetzt waren, vermutete die Jugendliche. Das mußte wohl ein extrem schlagartiger Überraschungsangriff gewesen sein, dachte sie. Oder aber die Deutschen vertrauten einfach der Bundeswehr. Irgendwie schien deren Technik ein wenig zu veraltet.

Gleichzeitig grübelte Gwen, wieso denn die Russen jene Angriffe flogen. Ihr fiel ein, daß bisher es stets lautete, der Westen würde irgendwann mal losschlagen. Oder war Stunden zuvor genau das geschehen und dies hier die entsprechende Antwort? Dennoch hätte ausreichend Zeit sein müssen, um Schutzvorkehrungen zu treffen, die offensichtlich gänzlich ausblieben. Ein leises Wimmern unterbrach ihre Überlegungen, holte sie zurück in die unmittelbare Wirklichkeit. Ganz langsam kroch sie unterm Tisch hervor, bemerkte erst jetzt den Ruß auf ihren Armen und Beinen, schnappte nach Luft, die nicht nur ziemlich heiß war, sondern obendrein sehr stickig. Als sie die Kellertreppe hinaufschlich, stoppte kurz das Geschluchze, ließ sie ebenso innehalten.

Neugierig ging sie trotzdem sehr vorsichtig weiter, wußte oben angekommen, wo sie nachschauen mußte. Vor Schreck schrie Gwen kurz auf, weil neben der Kommode im Flur zur Haustür Nelli lag, ihr rechtes Bein merkwürdig verdreht, ein großer Blutfleck warnte sie sofortigst, möglichst schnell zu handeln. Kurzentschlossen zog sie ihr gelbes Kleid aus, entdeckte eine große Glasscherbe, die als Messer diente, um den Stoff am Saumende einzuschneiden. Im Nu diente ein langer Streifen als notdürftiger Verband, etwas oberhalb von Nellis Knie befand sich ein handbreit langer Schnitt.

Erleichtert wischte sich Gwen den Schweiß von der Stirn, streichelte ihre Freundin über den Kopf. Langsam beruhigte sich Nelli, rappelte sich vorsichtig auf, wobei Gwen sie stützte. Das Donnern der Militärmaschinen war verebbt, überall stiegen Rauchsäulen auf, die beiden Teenager blickten einer ungewissen Zukunft entgegen. Was war bloß geschehen, sollte das die Fortsetzung des längst begonnenen dritten Weltkriegs sein, den warnende Stimmen des öfteren verkündet hatten, allerdings die meisten Menschen als Hirngespinste abtaten?

Lotar Martin Kamm

Erschienen im Buch Hrabans geheimnisvolle Reise zum Kontinent des Lächelns“ (BoD)

Kategorie: Kurzgeschichten

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