Rheinwasser alles andere als sauber


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Noch viel Handlungsbedarf vonnöten

Als in den Morgenstunden des 13. Januars 2011 der mit 2.378 Tonnen Schwefelsäure beladene Frachter „Waldhof“ in Höhe von Sankt Goar kenterte, galt selbstverständlich die erste Sorge den Menschen. Zwei der vier Besatzungsmitglieder konnten gerettet werden, die anderen hatten ihr Leben lassen müssen. Das Unvermeidbare geschah, und die Ladung gelangte zum größten Teil in den Rhein.

Obwohl Schwefelsäure zu den aggressivsten Säuren zählt, war sie laut einer BASF-Sprecherin als schwach wassergefährdend einzustufen. Selbstverständlich ist äußerste Wachsamkeit und Skepsis angebracht, wenn Chemiekonzerne mit solchen Äußerungen nach Unglücken aufwarten. In diesem Fall hat allerdings selbst der BUND bestätigt, daß aufgrund der schnellen Verdünnung lediglich nur die unmittelbar in der Nähe sich befindenden Fische gefährdet seien und auch teilweise dadurch verenden.

Bessere Wasserqualität ziemlich fraglich

Dabei rückt auch erneut die berechtigte Frage in den Vordergrund, ob die so oftmals verkündete gute Wasserqualität des Rheins denn auch gegeben sei. Die Antwort kann und sollte man keineswegs bejahen.

Nach dem Brand einer Chemiefabrik von Sandoz in Schweizerhalle bei Basel (01.11.1986) war das Ökosystem des Rheins erheblich gestört, und zwar als Folge der „chemischen Reinigung“ vom Löschwasser. Damals reagierte die Bevölkerung durch die Traumatisierung der Tschernobyl-Katastrophe desselben Jahres natürlich mit verschiedenen Protestaktionen, wie z.B. dem „Rheintribunal“. So haben insbesondere Umweltverbände, allen voran der BUND erheblich dazu beigetragen, durch den Sandoz-Unfall die Lehren zu ziehen, so daß die Wasserqualität streckenweise tatsächlich verbessert wurde. Im Jahre 2005 wurde erstmals wieder Lachslaich in der Kinzig gefunden, einem Nebenfluß des Rheins, der bei Kehl in ihn mündet.

Extreme Unfälle der chemischen Industrie mitverantwortlich

Zu schön wäre es gewesen, wenn anschließend nachhaltige Verbesserungen innerhalb der chemischen Industrie, aber auch der Atomkraftwerksindustrie vorgenommen worden wären. Dem geschah bis heute nicht zugenüge. Insbesondere veraltete Chemieanlagen wie die des Konzerns Rhodia führten zu extremen Unfällen, wie im Jahreswechsel 2002/2003, als im chemischen Werk von Rhodia in Chalampé, welches gegenüber von Neuenburg liegt, unbemerkt die Riesenmenge von 1.200 Tonnen Cyclohexan austrat und sogar teilweise ins Grundwasser gelangte.

Neben den chemischen, oftmals eher sichtbaren Unfällen sind da aber noch die „sauberen“ AKWs am Vater Rhein, sowie an seinen Zuflüssen, die eben nicht die physikalischen Gesetze austricksen können, sondern daher eine große Gefahr aufgrund von Materialverschleiß, Versprödung der Reaktordruckgefäße darstellen. Auch das geplante Atommüll-Endlager in Benken in der Nähe von Schaffhausen ist kein Garant für Sicherheit, sondern eine zusätzliche, zukünftige Gefahr. Daß alle Atomkraftwerke schon bei Normalbetrieb den Rhein mit dem radioaktiven Tritium belasten, sei an dieser Stelle ebenso mal betont.

Zunahme hormonähnlicher Substanzen im Rheinwasser

Damit noch nicht genug. Jährlich fließen im Rheinwassercocktail Tonnen von Antibiotika, Anti-Epileptika und Schmerzmitteln, Abbaustoffe von Plastik oder Pflanzenschutzmitteln sind dort zu finden. Einerseits sind die Betreiber von Klärwerken weiterhin zufrieden mit der Qualität des Rheinwassers, andererseits stellte der Chemiker Reiner Plasa von der Umwelt-Organisation BUND völlig zu Recht fest, daß ihn die Zunahme der Konzentrationen von hormonähnlichen Substanzen im Rohwasser beunruhige.

Es bedarf nicht unbedingt eines erschöpfenden Chemiestudiums, um sich zu vergegenwärtigen, daß mit dem Wissen um die Ignoranz der Gefahren und daher die anhaltend bedenkenlose Handhabung durch die chemische Industrie sowie der Atomkraftwerke das Rheinwasser keineswegs als sauber oder gar badefreundlich zu bezeichnen ist. Der blauäugigen Mär vom genußvollen Baden kann daher eher abgeraten werden, wem seine Gesundheit noch etwas wert ist.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Umwelt

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