Memorandum of Understanding – ein Interview mit Bobby Langer


Visionen des Wandelbündnisses

Warum nicht eine Expedition in die Zukunft wagen? Klingt eher irrational oder verträumt? Genau so soll es sein, dachten auch die Teilnehmer der Initiative für ein Wandelbündnis, die vom 26. bis 28 Oktober in Salzbrunn stattfand und in einem Memorandum of Understanding gipfelte. Einen der Mitinitiatoren des Wandelbündnisses, Bobby Langer – er ist übrigens ein Gründer von ökoligenta –, konnten wir gewinnen, sich unseren Fragen zu stellen.

Lotar Martin Kamm: Diesmal habe ich mich mal kurzgefaßt, um gleich zum Thema zu kommen, welches durchaus überlebenswichtig für uns alle zu sein scheint. Schön, daß wir uns schnell einigen konnten, Bobby. Magst du in ein paar Sätzen die drei Hauptpunkte des Memorandum of Understanding zusammengefaßt skizzieren?

Bobby Langer: Das Memorandum, das übrigens nicht festgeschrieben ist, soll eine Grundlage für die Zusammenarbeit von Initiativen unterschiedlichsten Inhalts schaffen. Im ersten Teil geht es um die Art und Weise, wie wir zusammen unterwegs sind. Im zweiten Teil haben wir eine Wertegrundlage erarbeitet. Sie ist eine für die Kooperation unverzichtbare Grundlage. Im dritten Teil haben wir uns an ersten Zielformulierungen versucht.

Lotar Martin Kamm: Wenn ich mir die vielen Punkte vergegenwärtige, entsprechen sie ohne weiteres der Grundhaltung unseres Portals, stets das große Ganze des Weltgeschehens nicht aus den Augen zu verlieren im Kontext eines friedfertigen, kreativen Miteinanders. Dennoch tut sich genau damit die Weltpolitik ziemlich schwer. Viel zu utopisch, das Memorandum of Understanding, oder eher eine Riesenchance?

Bobby Langer: Ich denke: Was zu einem bestimmten Punkt in der Geschichte utopisch war, kann zu einem ganz anderen Zeitpunkt der Kipp-Punkt sein. Die Französische Revolution hätte noch 50 Jahre vorher nicht funktioniert. Aber mit der „Weltpolitik“ sehe ich das eher noch schärfer als du. Politische sowie Wirtschafts- und Machtstrukturen sind so eng miteinander verfilzt, daß sie kaum zu trennen sein werden.

Sie haben allerdings eine Schwachstelle: Das von ihnen für dumm gehaltene Volk, wir! Von diesem Volk wird erwartet, daß es sich doppelt dumm verhält: bei der Wahl an der Wahlurne und bei der Wahl an der Supermarktkasse. An der Urne – interessanterweise hat dieses Wort ja noch eine ganz andere Bedeutung – soll es einer Partei unsere Souveränität übergeben, und an der Kasse soll es eine Ware wählen, die nur einen Bruchteil dessen wert ist, was wir dafür bezahlen.

Aber vielleicht ist das Volk ja gar nicht so dumm und wählt eines Tages gar nicht mehr: weder eine Partei, die sie für dumm verkauft, noch Ware, die nichts wert ist. Erst heute habe ich einen aktuellen Aufruf von 94 britischen Wissenschaftlern zum zivilen Widerstand entdeckt. Schau mal hier.

Lotar Martin Kamm: Einer der wichtigen Punkte stieß mir besonders auf: Der Aufbau von Wirtschaftsstrukturen, die Gemeinwohl und sozioökologischen Reichtum in den Vordergrund stellen. Das bedingt aber auch, die derzeitigen Wirtschaftsstrukturen nicht nur kritisch in Frage zu stellen, sondern gezielt zu verändern bzw. manche abzuschaffen, weil sie zu aggressiv oder zerstörerisch sind?

Bobby Langer: Ganz genauso ist es. Eine Wirtschaft, die nicht dem Menschen dient, sondern nur dem exorbitanten Gewinn einiger weniger, hat meines Erachtens ausgedient. Nur acht Menschen besitzen so viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung; das muß man sich mal klar machen. Ob wir „für eine gute Welt für alle“ eines Tages alle kapitalistischen Strukturen werden kippen müssen, weiß ich nicht, ich bin kein Ökonom. Manchmal kommen die Dinge anders, als man’s erwartet. Momentan gibt es zum Beispiel Appelle der Großindustrie an die Regierungen, die Anstrengungen in Sachen Klimapolitik energisch voranzutreiben. Mit Idealismus hat das nichts zu tun, die Bosse fürchten ganz einfach, daß ihnen andernfalls die Grundlagen für ihre Milliardengewinne flöten gehen.

Lotar Martin Kamm: Die Hinweise auf die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen sind unbedingt naheliegend in solch einem Memorandum. Allerdings tauchen bestimmt manche Vorbehalte auf, zumal es angebliche Verstrickungen zwischen der UN und gewissen Lobbyisten des Großkapitals und Großkonzernen geben soll. Könnt Ihr solchen Bedenken den Wind aus den Segeln nehmen?

Bobby Langer: Nein, das können wir nicht. Wollen wir auch gar nicht. Die 17 SDGs haben einen Wert an sich, weil die UN damit erstmals weltweit wünschenswerte, gemeinsame Ziele formuliert hat. Unabhängig davon bleibt der Filz bestehen. Deshalb haben wir das ja nicht einfach nachgebetet, sondern nur als Inspirationsquelle – neben vielen anderen – genutzt, zumal uns die inneren Widersprüche der SDGs bewußt sind. Also nochmals: Gerade diesen Burschen muß man immer genau auf die Finger schauen – und notfalls auch klopfen.

Lotar Martin Kamm: Vernetzen ist ein notwendiges Muß, woran kein Weg vorbeiführt, alle tun es, auch im Negativen, daher besonders wichtig, will man viele erreichen und Gutes tun. Da könnte ich mir vorstellen, daß die Teilnehmerzahl relativ schnell anwächst. Das bedeutet entsprechende Vorbereitung. Wie seid Ihr darauf eigestellt, dies organisatorisch zu stemmen?

Bobby Langer: Ich muß hier nochmals betonen, daß es nicht um die Vernetzung um der Vernetzung willen geht. Vielmehr geht es um einen Strukturierungsprozeß. Wenn du so willst, wollen wir einen Dampfkessel bauen. Da ist nicht das Feuer das Entscheidende, sondern der Kessel. Ohne ihn könnte das Feuer zwar Wärme, aber keine Kraft entwickeln. Wir wollen den Akteur/innen des Wandels eine Struktur geben, damit sie sich untereinander unterstützen können und nach außen, in der Öffentlichkeit, sichtbarer werden.

Aber auch unter dieser Voraussetzung ergibt deine Frage natürlich Sinn. Angesichts der Tatsache, daß die erste Wandelkonferenz ja erst Ende Oktober 2018 stattfand, sind wir schon erstaunlich viele Leute: derzeit 57, von denen viele ein enormes Engagement zeigen. Wir organisieren uns über wechange.de, und zwar nach basisdemokratischen soziokratischen Prinzipien. Dabei gibt es keine Mehrheitsentscheidungen, bei denen Minderheiten einfach so weggeputzt werden. Vielmehr wird jeder gehört und ernstgenommen. Momentan haben sich sieben Kreise gebildet, deren VertreterInnen sich in einem Koordinationskreis abstimmen.

Lotar Martin Kamm: Zum Schluß des Interviews möchte ich dir noch Gelegenheit geben, unausgesprochenes hier zu erwähnen, all das, was dir so auf dem Herzen liegt.

Bobby Langer: Ich wundere mich immer wieder, wie einfach unser Zusammenleben sein könnte, wenn wir die einfachste aller Regeln beachten würden: „Behandle andere so, wie du selbst behandelt werden möchtest.“ Nun, wir wissen: Dem ist nicht so. Aber es liegt mir wirklich am Herzen. Das dahinter liegende Prinzip heißt „Respekt“. Der ist natürlich nicht nur seinen Mitmenschen zu zollen, sondern nach besten Wissen und Gewissen auch allen anderen Lebewesen auf unserem Planeten.

Ich bin mir sicher, daß wir gerade an einem Scheideweg angekommen sind. Der eine führt in Richtung Chaos, Ressourcenkämpfe und Bürgerkriege, der andere in Richtung geeinte Menschheit. Wenn nicht dafür, wofür sonst lohnt es sich zu kämpfen. Ich würde mich sehr freuen, wenn Leute Lust hätten, bei ökoligenta.de oder beim Wandelbündnis mitzumachen.

Lotar Martin Kamm: Ich danke dir für das sehr interessante, mutmachende Interview und wünsche dir und dem ganzen Memorandum als auch ökoligenta möglichst viel Beachtung und Erfolg, der wohl allen zugutekommen mag.

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