Weihnachten im Tal der Elfen


 

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Sein Blick schweifte über das ruhig daliegende, weite Tal, während am fernen Horizont die Sonne mit ihren letzten wärmenden Strahlen güldenes Licht spendete, bevor Kälte und Dunkelheit hereinbrach. Frikuloor lehnte lässig an einer Fichtenwurzel, die Arme verschränkt und dachte nach. Dieses Jahr schien es wesentlich wärmer zu sein, weit und breit lag kein Schnee, und auch der Frost mochte sich nicht wirklich blicken lassen. Wie sollte da am ersten Weihnachtstag auch nur annähernd diese bestimmte Stimmung aufkommen, das Leuchten der Kinderaugen, wenn sie fröhlich tollend mit dem Schlitten unterwegs die Stille des Waldes für kurze Zeit unterbrachen. Wenn sie jede kleine Anhöhe benutzten, um kreischend hinabzufahren auf den Holz- und Plastikgefährten. Nein, heute war es hingegen ganz ruhig im Mischwald. Überall lagen noch die welken Blätter des Herbstes, der sich auch sehr mild gezeigt hatte.

Wenn die Kinder wüßten, welches Geheimnis sich in diesem weiten Tal, unterhalb der Bäume und kleinen Grasoasen verbarg, dann wären sie vielleicht angenehm überrascht, zumindest die meisten von ihnen. Doch die Elfen durften keinen Kontakt zu ihnen aufnehmen, das war völlig ausgeschlossen und stand daher auch nicht zur Diskussion. Und doch konnte manchesmal selbst der erfahrene, schon etwas ältere Frikuloor nicht umhin, sie heimlich zu beobachten, ihre Nähe aufzusuchen, was nicht ganz ungefährlich war, auch wenn seine Tarnung äußerst perfekt ihn schützte. Ähnlich wie ein Chamäleon paßte er sich farblich der jeweiligen Umgebung an, und jetzt war sie halt herbstfarben statt dem üblichen Weiß an diesem Weihnachtstag am stillen Abend.

War da nicht ein leises Rascheln in seiner unmittelbaren Nähe? Frikuloor drehte sich ganz vorsichtig um, verlagerte sein Körpergewicht vom linken auf den rechten Fuß, um plötzlich wegzurutschen, verlor seinen Halt und purzelte den staubigen Hang hinab. Dabei entfuhr ihm ein kurzer, aber lauter Schrei.

„Ach, wen haben wir denn hier? Aus welchem Märchenbuch bist du denn entwichen?“, fragte lachend ein zierliches Mädchen und wollte ihm schon aufhelfen, doch Frikuloor war sehr schnell wieder auf den Beinen und konnte gerade noch entweichen.

„Bloß nicht anfassen, das bringt Unglück! Woher kommst du auf einmal, ich habe dich viel zu spät gehört, und vor allem, wieso bist du allein, ihr seid hier immer in Gruppen unterwegs, ich verstehe das jetzt nicht?“, erwiderte er fast schon in einem Jammerton und klopfte die Erde von seinen Klamotten. Erneut lachte das Mädchen hell auf und tanzte fröhlich um ihn herum.

„Wie heißt du denn, du lustiges, kleines Wesen? Bist du ein Zwerg, ein Gnom oder ein Troll?“, wollte sie von ihm wissen, und bevor er antworten konnte fuhr sie fort, „ich heiße Valerie und habe mich ein wenig verlaufen.“

„Normalerweise darfst du gar nicht wissen, daß es mich gibt. Aber nun ist es halt geschehen. Ich heiße Frikuloor, und hier bist du in Wirklichkeit im Tal der Elfen. Das mußt du aber unbedingt für dich behalten. Versprich es mir hoch und heilig“, bat er fast schon weinerlich, worauf sie schallend lachen mußte. Sie umarmte ihn völlig überraschend, und diesmal ließ er es zu.

„Keine Sorge, das bleibt gewiß bei mir. Meine Freunde würden mir ohnehin nicht glauben, wenn ich ihnen erzähle, einem Elfenmann begegnet zu sein. Zeige mir doch einfach den Weg zurück, so langsam befürchte ich, sie werden mich suchen, viel zu lange schon bin ich jetzt unterwegs, wie gesagt, ich habe mich ja verlaufen.“

Wortlos nahm Frikuloor sie an die Hand und schritt beherzt voran. In diesem Wald und Tal kannte er doch jeden Stein, jeden Halm. Natürlich hatten die anderen Elfen längst bemerkt, daß da ein Menschenkind in ihrem Reiche sich verirrt hatte, jedoch hielten sie sich geschickt zurück, es sollte vollkommen ausreichen, wenn Valerie einen von ihnen zu Gesicht bekommen hatte. Nach einer Weile erreichten sie eine Anhöhe, von der aus man gleich in zwei Täler blicken konnte. Hinter ihnen lag das ihm vertraute, vor ihnen ganz weit am Horizont konnte man gerade noch einen feinen Lichtschein erkennen.

„Schau mal, dort, ganz weit da hinten muß eine Straße sein. Gehe einfach drauf zu. Weiter kann und darf ich nicht gehen, weil wir unser Tal niemals verlassen“, erläuterte er ihr fast schon flüsternd. Die Elfen wußten nur zu genau, daß bereits viele Tiere ihren wohlverdienten Schlaf begonnen hatten.

„Vielen lieben Dank, lieber Frikuloor, du hast mir sehr geholfen, ohne dich hätte ich das wahrscheinlich zumindest heute Nacht nicht geschafft“, bedankte sie sich ganz herzlich und umarmte ihn noch einmal. Danach trennten sich ihre Wege.

Ganz vorsichtig entfernte Valerie sich und war im Dunkel der Nacht nicht mehr zu sehen. Noch lange horchte Frikuloor, um sicher zu gehen, daß sie die Richtung nicht verfehlte. Doch nach einer Weile wußte er, daß sie ihr Ziel erreichen würde und kehrte zurück ins Tal der Elfen. Würde sie auch Wort halten und den Menschen nichts erzählen? Ach, einerlei, dachte er, selbst wenn, sie hatte ja keinen einzigen Beweis, außer ihn gesehen zu haben. Und auch klang sie sehr glaubwürdig, das sagte ihm sein Instinkt, auf den er sich stets verlassen konnte. Inzwischen waren dunkle Wolken aufgezogen, und es begann zu regnen. Nein, auch jetzt sollte keine Spur von Winter sich zeigen, Regen am ersten Weihnachtstag, besser in der Nacht zum zweiten. Aber selbst Elfen haben keinen Einfluß auf das Wetter. Und so erreichte Frikuloor ein wenig durchnäßt sein zuhause, unterhalb der mächtigen Fichte und freute sich auf einen warmen Tee.

Lotar Martin Kamm

Erschienen im Buch Hrabans geheimnisvolle Reise zum Kontinent des Lächelns“ (BoD)

Kategorie: Kurzgeschichten

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Eine Antwort zu Weihnachten im Tal der Elfen

  1. wolfgang fubel schreibt:

    In dieser widerwärtigen, perversen und gnadenlosen Welt, in der wir leben müssen, sind diese wunderbaren Erzählungen und Märchen wie Balsam auf die Wunden einer Welt, die wir leider so gemacht haben, wie Sie ist! Die Flucht aus einer bösen realen Welt in eine virtuelle Welt der wundersamen Begebenheiten! Wenn wir lange genug in ihr verweilen, könnten wir lernen, unsere reale Welt zum Besseren zu führen.

    Gefällt 1 Person

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