Silhouetten zeigen die Konturen oftmals schärfer


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Warum Étienne de Silhouette gerade heute aus seinem Schattenumriß ans Licht geholt werden sollte

Wer kennt es nicht, die vor den Augen entstehenden Umrisse, die schattenhaft wahrgenommen werden, und dennoch direkte Figuren entstehen lassen? Entweder bringen diese Figurenformen einem zum Schmunzeln oder sie erwecken Ängste. Allein durch Schattenumrisse können reale Figuren wahrgenommen werden, denen man in der Vergangenheit so oder ähnlich begegnet ist oder, die man sich je nach Vorstellungsvermögen als möglich ausdenken kann.

Schattenspiele existieren bereits seit der Han-Dynastie (206 v. Chr. – 220 n. Chr.), nachweisbare Belege allerdings gibt es erst ab der Song-Dynastie (960- 1279), mit dieser Kunstform wurden Begebenheiten aus der Zeit der drei Reiche aufgeführt. Schätzungsweise kam das Schattenspiel über Asien nach Europa, im 18. und 19.Jahrhundert wurde Schattentheater besonders im ländlichen Raum gespielt, in Frankreich unter dem Namen „ombres chinoises“.

Ein anderer Begriff für Schattenbild, Umriß, Kontur ist das aus dem französischen übernommene Wort, Silhouette.

Die Silhouette, französisch silhouette, nach dem französischen Staatsmann E. de Silhouette (1709–1767), der aus Sparsamkeitsgründen sein Schloss statt mit kostbaren Gemälden mit selbst gemachten Scherenschnitten ausstattete (Duden).

Klingt ein wenig unglaubwürdig, oder? Zumal Schatten im französischen „ombre“ bedeutet. Wieso also nennt man einen Umriß, der sich von einem Hintergrund dunkel abhebt, Silhouette und nicht „ombre“, wenn es schon aus dem französischen entnommen wurde?

Étienne de Silhouette, (1709-1767) war von März bis November 1759 Generalkontrolleur der Finanzen unter Ludwig XV. Seine Hauptaufgabe in dieser kurzen Zeitspanne war, die durch den Siebenjährigen Krieg desolate Finanzsituation des Staates zu ordnen. Er verfügte deshalb, Steuern einzuführen für Ländereien und „andere Zeichen von Reichtum“, (Adel war zu dieser Zeit nicht steuerpflichtig, genauso wie die Kirche) Pensionen von Staatsbeamten wurden gekürzt, unter Kriegsrecht setzte er das Einschmelzen von Gold- und Silbergegenständen durch.

Wie nicht anders zu erwarten, war dies den Betroffenen nicht recht, so daß er nach heftigen Widerstand seinen Posten aufgeben mußte. Nun, dies ergibt noch keinen Grund, Schattenumrisse, Konturen, Profile, Silhouetten zu nennen, nur weil er den Finanzhaushalt mit den Geldern der Reichen und des Adels sanieren wollte. Allem Anschein nach doch, denn sein Name wurde sozusagen zu einem Begriff für eine Schattenexistenz und ein Synonym für Billigware. „Man sagte ihm nach, dass er sein Schloss aus Geiz nicht mit Gemälden, sondern mit Scherenschnitten schmücken würde, die damals als billige Alternative zu Gemälden aufkamen. Durch Kritiker, die das als billigen Abklatsch betrachteten und den Namen Silhouette darauf übertrugen, wurde der Begriff auch auf Schattenrisse (Silhouetten) übertragen.“ (Wikipedia)

Möglicherweise waren seine ökonomischen Grundgedanken nicht Geiz, die ihn veranlaßten, die Hauptlast zur Regulierung der Finanzen bei den wohlhabenden Bürgern einzufordern. Ihn dafür der Lächerlichkeit preiszugeben und zu verspotten, zeigt nicht nur die Arroganz der Reichen, sondern auch die des „kurzsichtigen“ Volkes, die damit ebenso ihre Unfähigkeit zeigten, sich ihres Verstandes zu bedienen. (Immanuel Kant 1724-1804)

Goethe, selbst ein berühmter Silhouettist, schrieb 1791: „Jedermann war im Silhouettieren geübt und kein Fremder zog vorüber, den man nicht abends an die Wand geworfen hätte, der Storchenschnabel durfte nicht rasten.“

Von Étienne de Silhouette spricht man heute nicht mehr, wohl aber wird sein Nachname „Silhouette“ täglich ausgesprochen. Vielleicht ist es an der Zeit, sein Schattenumriß, sein Profil wieder mehr in den Fokus derer einzureihen, die in den Jahrzehnten der Aufklärung gelebt haben. Ihn nur als „banqueroutier“, Bankrotteur, Geizhals und Synonym für Billigware anzusehen, dürfte inzwischen nicht mehr opportun sein.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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