Wenn Enthüllungsjournalismus Grenzen überschreitet


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Wikimedia Commons CC BY-SA 2.0

Wo beginnt oder endet ein fragwürdiger Kompromiß?

Geld regiert die Welt. Diese einleuchtende, allseits bekannte Phrase hat sich längst nicht nur als traurige Wahrheit bestätigt. Jede Menge Erfolgsmeldungen stehen in unmittelbarer Abhängigkeit zum entsprechenden Geldhahn. Daher kann Enthüllungsjournalismus erst dann wirklich nachhaltig agieren, wenn er finanziell unabhängig gefördert wird.

Größte Gefahr dabei, wenn er Grenzen überschreitet. Wo beginnt oder endet ein fragwürdiger Kompromiß? Eine Gratwanderung ganz im Sinne der Aufklärung steht gewissen Interessen gegenüber, die wiederum gezielt manipulativ im Hintergrund wirken.

Anprangern mittels nüchterner Enthüllung – ein beherztes Ideal

Wer mit kleinstem Budget versucht, Widrigkeiten aufzuspüren, ist letztlich zum Scheitern verurteilt. Einzige Ausnahme: Man ist mittendrin als Betroffener bzw. Beobachter und gibt seine Erkenntnisse selber zum Besten oder wendet sich vertrauensvoll an jemand, der das übernimmt. Whistleblower erfüllen dies ständig, während investigative Journalisten über die aufgearbeiteten Informationen berichten.

Jene nüchterne Enthüllung entspricht im ursprünglichen Sinn einem beherzten Ideal, sich der Wahrheit und Aufdeckung verpflichtet zu fühlen, denken wir an die US-Journalisten Carl Bernstein und Bob Woodward, die entscheidend die Watergate-Affäre ins Rollen brachten, an weniger populäre investigative Journalisten wie Ulrike Holler, die sich eher sozialen Themen widmet, die Mißbrauchsfälle an der sozialpädagogischen Einrichtung Kalmenhof in Idstein aufdeckte. Oder halt an den Undercover-Journalisten Günter Wallraff, dessen Kritik an der Bild-Zeitung unvegeßlich bleibt.

Wenn Privatsender im Spiel wird es ziemlich subtil

Jede Kritik hat ihren berechtigten Ursprung, ganz besonders, wenn man äußerst akribisch über den Sinn und Zweck bestimmter Zielsetzungen nachdenkt. Was war das für ein Aufschrei bei zeitkritischen Menschen, als mit dem Privatfernsehen die nervtötenden Werbeblocks dem Zuschauer zugemutet wurden, die mitten in spannenden Filmen Zwangspausen zwecks Konsumberieselung diktierten. Heute scheint es lästige Notwendigkeit zu sein, in der man schnell seine aufgewärmte Pizza aus dem Herd holt, auf dem Balkon sich die Zigarette gönnt oder aufs Klo geht.

Erinnern wir uns an Günter Wallraff, als er sich mit RTL zusammentat, selbst wenn berechtigterweise man die Fast-Food-Kette Burger King sehr kritisch betrachten muß. Da konnte selbst ein Spiegelreporter nicht viel ausrichten mit dem kläglichen Versuch der Rechtfertigung, eine Kritik der Sendung wäre geschmäcklerisch, es ginge doch um Aufklärung für die Massen beim „Team Wallraff“. Als ob ausgerechnet die sogenannten RTL-Zuschauermassen sich dadurch beeindrucken lassen würden, ihre liebgewonnenen Essensgewohnheiten ernsthaft zu hinterfragen.

Das hat schon bei Filmberichten über das Elend in der Massentierhaltung nicht gefruchtet. Selbst mit kontinuierlich zunehmender Anzahl an Vegetariern wird in „Grillorgien“ sich die Wurst, das Steak oder Schnitzel gegönnt, egal welches Leid dem Tier vorher widerfahren.

Insofern ließ sich Wallraffs Sinneswandel allerhöchstens mit entsprechend schmalen Geldbeutel erklären, weil eventuell keine anderen Sponsoren sich fanden, diese Enthüllung finanziell zu unterstützen. Schade nur, daß mit solchem Kompromiß ausgerechnet Privatsender ein Podium erhalten, was einer nachhaltig kritischen Auseinandersetzung mit den vielen trügerischen Konsumgütern nicht im geringsten standhält.

Das würde nämlich Abschied von gewissen Firmen bedeuten, die aber für Einnahmen über Werbung sorgen. Somit aus geschäftlicher Sicht ein NoGo. Dem Enthüllungsjournalismus schaden solche Aktionen viel eher, wenn man denn eine bestimmte Grenze ziehen möchte, man infolge bereit ist, auch mal Nein zu sagen.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Medienschelte

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