Kladden


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Die Treppe ist auch nicht mehr das, was sie einmal war. Noch während sie in Gedanken den Satz formulierte, hielt sie die linke Hand vor ihren Mund. Wie jemand, dem gerade ungewollt ein Geheimnis über die Lippen kam, das er mit der Hand zurückhalten wollte, obwohl es längst ausgesprochen. Oder ein Versuch, den grinsenden Mund zu verstecken, weil eine Situation urkomisch sich anfühlte, man seine Regung nicht zeigen will, sie unangebracht erscheint. Oder, weil man seine Zähne nicht im Mund hat, antwortete sie sich. Die Zähne sind drin, das Grinsen ist da, und meine Gedanken sind immer noch genauso schlagfertig, wie mein Handeln schnell ist.

Schmunzeln zu können, obwohl man schnauft wie ein Pferd, das gerade mit der Gerte angetrieben wird, um als erster durchs Ziel zu laufen. Für einen Pokal. Für einen Preis. Fürs Ansehen. Zum Betrachten und geachtet werden. Sie beäugte die Treppe, ihre Stufen, ihren Handlauf, die Absätze oben und unten. Noch zwei Stockwerke und die Anstrengung liegt hinter ihr. Ihr Herz raste. Ihr Preis für diese Anstrengung war das Ankommen zuhause.

„Ich nehm’s zurück“, sagte sie und ihre Stimme kam ihr lauter vor, als sie sie ansonsten wahrnahm.

Sie setzte sich auf den Stuhl, der im Wohnzimmer nahe der Balkontüre stand. Neben ihm lagen mehrere Stapel Bücher. Es war der einzige Platz in der Wohnung, in dem Bücher zu sehen waren. Nein, nicht ganz, manchmal noch stapelten sich Bücher neben dem Kopfende ihres Bettes. Selten zwar, denn sie bemühte sich, nur eins, höchstens zwei Bücher dort abzulegen. Vor dem Einschlafen in mehreren Bücher zu lesen, hatte schon lange nicht mehr den Effekt, vom Schlaf übermannt zu werden. Das Alter verlangt nach einer gewissen Beständigkeit. Zu dieser Einsicht gelangte sie, nachdem sie sich vor die Wahl gestellt fühlte, entweder den Tagesablauf zu verändern, nur noch nach Lust und Laune, oder nach einem einigermaßen festgelegten Schema ihr Leben einzurichten.

Die gewisse Beständigkeit obsiegte gegenüber eines flatterhaften Umhertreibens. Schließlich hatte sie Termine. Zwar keine festgelegten, zeitlich eingeschränkte, aber wie sollte sie ansonsten ihre Kurzreisen bewältigen, ihre Einkäufe, ihr Schlendern durch Parks. Und sie war sich sicher, jeder Park zeigte ihr sein schönstes Gesicht, wenn sie nicht wahllos, ohne ihm die Möglichkeit zu geben, für sie sein Herz zu öffnen, die angelegten Wege beging. Sie sind so unterschiedlich in ihrer Art, mir ihre ganze Pracht zu zeigen. Der Luisenpark im Nachmittagsfrühling, der Klostergarten morgens im Sommer, Savigny-Park abends im Herbst, göttlich, unaussprechlich.

Die Wohnung war spärlich eingerichtet. Nicht ärmlich. Auf das Notwendigste beschränkt, ohne viel Firlefanz. Ein wenig Nippes. An den Wänden standen verglaste Vitrinen, gefüllt mit Kladden. Unterschiedliche Vitrinen, aus Holz, aus Kunststoff, aus Metall, aus Bambus, antik, modern, zu einer Stilrichtung zählend oder eher dafür geeignet, in einem Werkstattraum zu stehen. Wo ein wenig Platz übrigblieb, hingen Bilder, Gemälde, Ansichtskarten, sie folgten dem Anschein nach keinem Geschmack, der als Stil bezeichnet werden könnte.

„Kladden, natürlich führen Sie Kladden! Junge Frau, das Gestell hinter Ihnen ist voll davon.“

„Hier heißen sie Notizbücher oder Skizzenbücher“, entgegnete die Verkäuferin in einem spitzen, herablassenden Ton.

„Kladde steht für Schmutz, Schmiererei. Sie dienten als vorläufige Geschäftsbücher. Es war eine mühsame Arbeit, sie ordentlich zu führen, dazu gehörte Konzentration und ein gutes Schriftbild. Wissen Sie was? Behalten Sie Ihre Schmierbücher, so einen Dreck will ich nicht kaufen“, sprach’s und verließ den Laden in der Gewissheit, ihn nie wieder zu betreten, nie wieder Kladden zu kaufen, sondern sie selbst anzufertigen.

So jedenfalls ist die Szene in ihrem Gedächtnis präsent. Vielleicht ist dies auch der Grund, warum viele der Kladden unförmig wirken, schief, gequetscht, zerfranst, keine einheitliche Größe und Dicke zu erkennen sind. Angefangen, Kladden zu bekleben, später gelernt, sie zu binden, hat sie am 26. Juli, das Jahresdatum weiß sie nicht mehr. Sie hatte aufgeräumt, ihre Tagebücher der Kindheit gefunden, alte Bücher von damals, und sie konnte sich nicht so recht davon trennen. Also riß und schnitt sie einzelne Seiten aus den Tagebüchern, aus den Büchern meistens die dritte Seite, auf der der Titel und Autor zu lesen sind, klebte die Seiten in ein Notizbuch.

Das war der Beginn ihrer Kladdensammlung. Ab diesem Tag schnitt sie aus jedem Buch, das sie gelesen hat, eine Seite, anfangs nach strikten Auswahlkriterien. Etliche Kladden waren beklebt mit aufsteigenden Seitenzahlen, weil sie aus den Büchern die Seiten herausschnitt, die nötig waren, um in der Kladde von eins zu fünfhundertsechs oder achthundertdreiundneunzig zu blättern. In einigen Kladden gab es nur DIN A5-Seiten, in anderen stets dieselbe Seitenzahl, manche Kladden bestanden nur aus zusammengefalteten Seiten, bei den meisten konnte man keine Systematik erkennen.

Sie hatte mehrere Bibliothekkarten, nicht nur aus den umliegenden Städten, landesweit. So reich, alle Bücher zu kaufen, die sie gerne lesen wollte, war sie nicht, obwohl sie als Sekretärin gearbeitet hatte. Anfangs kostete sie es Überwindung, aus diesen geliehenen Büchern Seiten herauszuschneiden, aber entdeckte sie nicht selbst immer wieder Seiten in diesen Büchern, die verschmiert oder bekritzelt waren? Was macht es schon, wenn eine Seite fehlt. Schließlich kann kein Mensch alle seine Tage lückenlos wiedergeben. Wird nicht ständig Leben beschönigt, ausradiert, hinzugedichtet, herausgestrichen, verändert, um bestaunt zu werden wie Pokale? Selbst die Geschichtsbücher sind oftmals dem wahren Zeitgeschehen entfremdet, sind nur Kladden. Zeitkladden. Wenn sie die Kladden durchsah, und das tat sie genauso oft wie neue Bücher lesen, erinnerte sie sich an Tage, Stunden, die in ihrem Leben bedeutsam waren. Als sie mal wieder Rilkes Malte Laurids Brigge las, erfuhr sie auf Seite 51, „Und wehrte sich nicht mehr. Und ich wehre mich noch.“, durch einen Anruf, das eine liebste Freundin verstorben ist. Dies birgt auf ewig Erinnerung.

Heute Abend wird sie die letzten Seiten von Márquez, Die Liebe in Zeiten der Cholera, lesen. Sie kennt das Ende. Es wird morgen nicht das erste Mal sein, daß sie eine Seite aus diesem Buch herausschneidet wie bei vielen anderen Büchern auch. Morgen würde sie die letzte Seite, die, auf der in dieser Auflage keine Seitenzahl gedruckt wurde, ausschneiden und in die neu gefertigte Kladde legen. Eine Erinnerung mehr. „Das ganze Leben“, sagte er.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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