Als Mutter Erde den Atem anhielt – Teil 2


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‚Ob die Batterie noch funktioniert?‘, überlegte Steven, entschied sich im gleichen Moment, es auszuprobieren, drückte auf „Power“ und drehte den Lautstärkeregler nach rechts. „There’s a giant doing cartwheels, a statue wearin‘ high heels.”, erklang da. ‚Wow, ein Song von Creedence Clearwater Revival, nur welcher?‘, grübelte der zwei Jahre ältere Bruder, fand die leere Cassettenhülle im Handschuhfach. Das mußte sich um den 1970 erschienenen Song „Lookin‘ Out My Back Door“ handeln, erkannte er zugleich mit kurzem Blick auf die Songliste. Sein Vater hatte jene Musik oftmals laut angehört, wenn ihre Mutter nachts gerarbeitet hatte. Amelie schwang rhythmisch ihre Hüften zur Musik.

Plötzlich vernahmen die Geschwister ein sehr laut näher kommendes Brummen, Steven warf sich erschrocken auf den Beifahrersitz, duckend nach unten, während seine Schwester unter den Kadett kroch, dabei ihr linker Jackenärmel bis zum Ellenbogen aufriß. Dann stürzte ganz hinten irgend etwas schweres aufs Schuppendach, kullerte lautstark herunter und schlug scheppernd auf einen Schrotthaufen. Gleichzeitig wurde das Tor aufgerissen, zwei Uniformierte stürmten hinein. Ein Lichtkegel von einer großen Stabtaschenlampfe durchbrach den Raum, die beiden entdeckten die Geschwister aber nicht.

Der größere der Uniformierten schrie seinem Kumpel zu, hier sei wohl nichts, besser sie würden wieder verschwinden, außerdem sollen gleich die nächsten Bomben fallen. Daraufhin verließen sie den Schuppen wieder, Amelie und Steven atmeteten zunächst erleichert auf.

„Setz dich zu mir, Amelie“, forderte sie ihr großer Bruder auf. Kaum geschehen, startete er den Motor, der Kadett sprang erstaunlicherweise sofort an. Ohne zu zögern, legte Steven den ersten Gang ein und gab Vollgas. Laut aufheulend, mit quitschenden Reifen durchbrach Sekunden später der orangefarbene Wagen das Tor des Schuppens, die Geschwister befanden sich mitten im Krieg, rechts und links fielen irgendwelche brennende Teile vom Himmel, Amelie schrie nur noch, ihr großer Bruder fuhr ziemlich geschickt über den Hof.

Ein Ticket in eine ungewisse Zukunft

Der gesamte Horizont schien in Flammen zu stehen, wie Tanja unschwer bemerkte, als sie einen kurzen Blick beim Kochen aus dem Küchenfenster warf. Erschrocken zuckte sie zusammen, weil just in diesem Moment ein Feuerschweif übers Haus zurauschte. Sie dachte noch panikartig an ihre beiden Kinder, wo sie denn so lange blieben, entschied sich aber, nicht weiter zu grübeln.

‚Nichts wie weg hier‘, dachte sie nur noch, schlüpfte in Windeseile in ihre Stiefel, schnappte sich ihre Jacke, die Handtasche und stürzte durchs Treppenhaus nach unten. Ganz nah krachte es ziemlich laut, der Schall drang durch sämtliche Mauern, das Glas der Scheibe im zweiten Flurfenster zerbarst, Splitter flogen ihr entgegen, doch Tanja lief einfach weiter.

Sie riß die Haustür und nicht die Hoftür auf, was sie selbst verwunderte, sah den kurz scharf bremsenden, organgefarbenen Kadett, Amelie sprang aus dem Wagen, klappte den Beifahrersitz nach vorne, schwang sich nach hinten auf die Rücksitzbank, damit Tanja vorne Platz nehmen konnte. Sofort beschleunigte Steven den Opel, der natürlich aufheulte, was dennoch im Lärm des Bombenhagels kaum störte.

„Ihr fragt euch sicherlich, wem der gehörte, oder? Ich nehme mal an, ihr wißt es schon. Euer Vater konnte sich nie von ihm trennen, sein alter Kumpel, der Thorsten, hat ihn all die Zeit in meinem Auftrag gewartet, wollte ich irgendwann einmal als Oldtimer verkaufen“, berichtete sie ihren Kindern, freute sich zugleich, daß Steven so zielsicher den Wagen lenken konnte.

„Bevor du mich mit Vorwürfen überschüttest, Mama, genau dieser Thorsten war es, der mich ab und zu mal mit seinem Auto fahren ließ, stets dabei war. Jetzt kommt es uns zugute“, bemerkte ihr Sohn grinsend um sich schauend. Amelie lächelte ihn kurz an und drückte erleichtert die linke Hand ihrer Mutter. Alle drei wußten nunmehr, daß ihr Leben einen gänzlich anderen Verlauf nehmen würde.

Jedwede Verbindung zu alten Freunden oder entfernten Verwandten verloren in jener Nacht an Bedeutung, es galt, irgendwie weg zu kommen vom Krieg, der sie eingeholt hatte. Wie gut, daß sie sich hier sehr genau auskannten. Binnen weniger Minuten verließen sie bereits die Stadt, im Rückspiegel konnte Steven das Aufflackern brennender Straßenzüge erkennen, vor ihnen lag die tiefe schwarze Nacht, ein Ticket in eine ungewisse Zukunft. Niemand konnte vorherbestimmen, was jene Kriegstreiber noch alles an Bösartigkeiten den Menschen antun wollten.

Lotar Martin Kamm

Als Mutter Erde den Atem anhielt – Teil 1

Erschienen im Buch Hrabans geheimnisvolle Reise zum Kontinent des Lächelns“ (BoD)

Kategorie: Kurzgeschichten

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