Als Mutter Erde den Atem anhielt – Teil 1


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Zu Beginn einer ahnungsvollen Kälte

Grauzonen überragten den noch jungen Tag, der nicht im geringsten vielversprechend ihnen entgegenblickte mit seinen dunklen Wolkenpaketen, die nahezu bedrohlich unheimlich vom fernen Horizont ziemlich rasch ihnen lautlos entgegenschwebten. Trotzdem wagten sie einen schnellen Spurt über den Hof, obwohl ihnen Mama dies eindringlich verboten hatte. Aber die stets forschende Neugier hatte die beiden dazu angetrieben, die strengen Worte von Tanja, ihrer Mutter, einfach zu mißachten, zumal Amelie und Steven alles andere als stille Jugendliche waren.

In den letzten Tagen rumorte es erneut im ganzen Land, eigentlich fast überall in Europa, nachdem schreckliche Kriege im Osten des Kontinents die jahrzehntelang verwöhnte westeuropäische Bevölkerung aus ihrem arglos konsumorientierten Dornröschenschlaf schlagartig geweckt hatte. Bis auf einige wenige, die rechtzeitig in wacher Vorahnung das Weite gesucht hatten, weltweit verstreut Schutz suchten und fanden. Jenen galt kaum noch Aufmerksamkeit, zumal vor einigen Monaten das gesamte Nachrichtennetz seitens hintersinniger Politik einfach gekappt wurde nebst der Möglichkeit, sich per Internet zu informieren. Andere Kommunikationsstrategien waren plötzlich gefragt und begehrenswerte Wunschträume innerhalb der alleingelassenen Bevölkerung, die da ausharrte, was noch geschehen vermochte.

Die Photographin hatte sich erst in der vergangenen Nacht gefragt gehabt, ob es das schon gewesen sein könne, als vierzigjährige Alleinerziehende mit zwei jugendlichen Kindern dem nahen Tod entgegenzublicken. Niemand in ihrer Nachbarschaft wußte genaues, Gerüchte verbreiteten eine schreckliche Gewißheit, daß wohl überall Gewalt toben mußte, zumal in ganz weiter Ferne ebenso das Grollen schwerer Waffengefechte zu vernehmen war. Darüberhinaus hatte vor zwei Wochen des nachts ein extrem grell aufleuchtender Blitz, der obendrein ewiglange Sekunden anhielt, alles erleuchtet, war durch sämtliche Ritzen und Nischen gedrungen, wobei gleichzeitig eine spürbare Wärme sich im selben Moment ausbreitete, ganz ähnlich wie dies Höhensonnen taten, erinnerte sich Tanja.

Und ihre Kinder? Die verstanden die Welt nicht mehr, zuvor spielte sich das Leben fast sorglos ab, obwohl manch warnende Stimmen in der Schule, im Freundes- und Bekanntenkreis ihrer Mutter von einem bevorstehenden Krieg sprachen, wollte niemand wahrhaben, daß er jemals eintreten würde. Verständlicherweise. Bedenkt man, daß ein himmelweiter Unterschied darin bestand, irgendwelches Leid auf den Mattscheiben von Monitoren zu betrachten, über Kriegsschauplätze, als wenn eine schreckliche Realität urplötzlich sie heimsuchte.

Die ersten schweren Regentropfen fielen vom Himmel, trafen sie eigentlich nicht unbedingt unerwartet, und doch erschraken beide etwas, konnten dennoch rechtzeitig den alten Schuppen erreichen. Laut quitschend ächzte der schwere Torflügel, den Steven mit aller Kraft aufriß, dabei ein Holzsplitter jäh in seinen rechten Handballen stieß, er kurz aufschrie. Amelie ergriff zielsicher das Ende des Splitters und zog ihn heraus, stemmte sich dabei gegen das Tor, welches den Raum wieder verdunkelte, nachdem es knarrend sich wieder geschlossen hatte Da standen die beiden Geschwister nun, schauten erwartungsvoll ins dämmrige Chaos scheinbar wahllos abgestellter Kisten, Kartons, Schrott, alter Möbel und so-gar einem Oldtimer.

Und brennende Teile vom Himmel herabfielen

Ein dunkelgraues Mäuschen huschte panikartig an ihnen vorbei, besser gesagt zwischen den Füßen der wie gelähmt verharrenden Amelie, die zwar kurz aufschreien wollte, allerdings keinen Ton herausbekam. Stattdessen krampfhaft Stevens Jackenärmel ergriff und sich zitternd festkrallte.

„Aber Schwesterherz, die Maus hat viel mehr Angst vor dir, ist doch nichts passiert. Schau hin, sie hat sich längst zwischen den Kartons verkrochen“, raunte ihr leise der ältere Bruder zu. Langsam faßte die Zwölfjährige wieder Mut, ließ los und ging vorsichtig, immer noch ver-unsichert zu dem Oldtimer. Es handelte sich um einen orangefarbenen Opel Kadett C, wahrscheinlich Baujahr 1972 wie ihr Steven flüsternd erklärte, zielsicher die Fahrertür öffnete und sich ans Steuer setzte. Dabei fiel ihm sofort das Tapedeck des Autoradios auf, auch daß eine Cassette sich dort drin befand.

Fortsetzung folgt.

Lotar Martin Kamm

Erschienen im Buch „Hrabans geheimnisvolle Reise zum Kontinent des Lächelns“ (BoD)

Kategorie: Kurzgeschichten

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