Im Land der einsamen Wölfe


https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/1/11/Wolf_598.JPG/640px-Wolf_598.JPG

Wikimedia Commons CC BY-SA 2.5

Eine Parabel ganz im Zeichen unruhiger Zeiten

Stundenlanges Verharren lag hinter ihm, ganz allmählich fühlte sich sein Körper wieder lebendig an, während die Gliedmaßen reflexartige Dehnübungen vollzogen, er verwundert umherblickte. Was war nur geschehen, grübelte der Endzwanziger, ein Auto fuhr irgendwo in der Ferne vorbei, die Reifen quitschten kurz im Morgengrauen, ein Fensterflügel wurde ziemlich heftig geschlossen.

Am Horizont stieg plötzlich Rauch auf, kein gewöhnlicher aus irgendeinem Schornstein, sondern pechschwarzer, wobei leise Verpuffungen den dämmrigen Himmel erschallten, Felix reflexartig in Deckung ging. ˈKann nicht schadenˈ, dachte er noch, als im nächsten Moment etwas Pfeifendes an ihm vorbeihuschte, er zugleich genau wußte, daß es sich um ein Projektil einer Pistole handeln mußte und schon der Länge nach auf dem Boden lag.

Keine zehn Meter von ihm entfernt sah er ihn, in geduckter Haltung schaute der Polarwolf Felix direkt in die Augen, während es langsam wieder zu schneien begann. Keinerlei Angst oder Unsicherheit war beiden anzumerken. ˈOb diesem Prachtexemplar die Kugel galtˈ, überlegte noch Felix, als erneut ein Geschoß ganz in der Nähe vorbeisauste, diesmal aber der Wolf sich in den Schnee schmiß, sich einmal um die eigene Achse drehte und sofort unter einem Holzverschlag Schutz suchte.

In den letzten Wochen hatten tumultartige Versammlungen begonnen, die Bevölkerung war kaum noch zu halten, selbst herbeigerufene Eurogendfor-Einheiten vermochten nicht die schnell anwachsende Volksmasse in Schach zu halten. In den ersten Reihen starben die Menschen, doch anschließend überrannte die nachrückende Überzahl die verhaßte europäische Staatsmacht. Es herrschte ein grausames Gemetzel, in der nur noch das eigene Leben zählte, den ausgemachten Feind zu besiegen. Selbst eiligst herbeigerufene Folgeeinheiten vermochten nicht, die aufgebrachte Menge zu stoppen. Später stellte sich heraus, daß überall in Europa den unruhigen Zeiten kriegerische Auseinandersetzungen gegen das eigene Volk folgten, die Menschen jedwedes politisches Vertrauen gänzlich verloren hatten.

Nun lag pochenden Herzens Felix ein wenig geschützt hinter einer kleinen Mauer, und der Polarwolf befand sich unter dem Holzverschlag. Gleichzeitig wußte er, daß jetzt Eile geboten war, denn die Schützen würden das Tier mit Sicherheit suchen. ˈNur wie sollte man einem Wolf begreiflich machen, ihm zu folgenˈ, grübelte Felix zunächst. Doch dann hatte er eine Idee. Ohne lange zu zögern, lief er mit gesenktem Haupt auf allen Vieren zu ihm rüber, er wußte ja, daß die Höhe der Mauer ihn schützte, stubste das erstaunte Tier laut knurrend heftig mit dem Kopf in die Seite und lief sehr selbstbewußt vorneweg. Der Polarwolf verstand die eindeutige Geste und schlich vorsichtig hinter ihm her, die Alpha-Rolle hatte sich durchgesetzt.

Nach ungefähr hundertfünfzig Metern erreichten sie einen nahegelegenen Wald, als sie die verwilderten Gärten durchquert hatten, die ihnen einen gewissen Schutz boten vor den feindlichen Augen der jagenden Schützen. Erst im dichten Fichtenwald richtete Felix sich langsam auf, weil das Laufen auf allen Vieren schon völlig ungewohnt war, seine Hände und Knie ein wenig schmerzten. Hier roch es wieder wesentlich angenehmer weiter unten sowohl im Garten als auch längst überall in der Kleinstadt der beißend schwarze Rauchgeruch sich ausgebreitet hatte.

Felix überlegte, wie es weitergehen sollte. In Gedanken versunken bemerkte er zunächst nicht, wie der Wolf sich positionierte. Wer kennt es nicht, diese Stille des Waldes, in der jeder Ton im selben Moment verschluckt wird, erst recht, wenn dichter Schnee den Boden und die Bäume bedeckt. Um so deutlicher dringt jedes Geräusch an unser Ohr. Daher fuhr Felix erschrocken zusammen, weil der Polarwolf kurz ganz tief knurrend auf sich aufmerksam machte.

„Von ganzem Herzen möchte ich dir danken, Felix“, begann der Wolf zu sprechen. Felix selbst erstarrte, schaute ziemlich erstaunt, „nicht wundern, daß ich reden kann. Das hat schon seine Richtigkeit. Ich heiße übrigens Asogheiras. Hast du dich nicht gewundert, daß kein Rudel in meiner Nähe sich befindet?“ Doch Felix konnte nicht antworten, und so fuhr Asogheiras fort.

„Nachdem vor wenigen Wochen eine Menschenmeute uns verfolgt hatte, alle meine Gefährten niedergeschossen und umgebracht worden waren, ich als einziger überlebte, zog ich seitdem allein durchs Land. Manchesmal traf ich einen Leidens- und Artgenossen. Doch wir beschlossen, unbedingt nicht zusammenzubleiben, weil ein Rudel viel gefährdeter sei. Und so treffen wir uns von Zeit zu Zeit, tauschen uns aus über die Zerstörungswut von euch Menschen. Dich habe ich lange schon beobachtet, du bist nicht so wie die anderen. Auch lauschte ich ab und zu unterm offenen Fenster, wenn deine Leute dich aufsuchten, weiß somit sehr genau, was dich bewegt.“

Asogheiras unterbrach seinen Redefluß und schaute freundlich in Felix Augen. Diesem liefen einige Tränen die Wangen herab, die er etwas beschämt mit dem Hemdsärmel abwischte.

„Selbst in meinen kühnsten Träumen hätte ich niemals gedacht, real einem so wunderschönen Polarwolf zu begegnen wie dir, Asogheiras. Geschweige denn mit ihm gar zu sprechen. Du hast vollkommen Recht. Im Gegensatz zu den meisten Mitmenschen habe ich einen tiefen Respekt vor deiner Tierart, verehre sie sogar. Ich danke dem Schöpfer, daß wir uns begegneten. Kannst du mir einen Rat geben, wie es weitergehen, wohin ich gehen sollte?“

„Begebe dich nach Nordwesten von hier aus, und du wirst wunderbare Orte der Stille finden, in denen noch Menschen friedlich und liebevoll zueinander sind, im Einklang mit der Natur leben. Ich werde dich gedanklich führen, kann dir nicht folgen, zumal ich noch andere aufsuchen muß, um sie zu leiten. Wir werden uns aber wiedersehen, wenn es sein soll.“

Mit diesen Worten nickte Asogheiras noch kurz und verschwand im Dickicht. Felix saß noch eine ganze Weile auf einem Baumstumpf, ehe er sich erhob, um sich auf den langen Weg zu begeben.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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