Chantal läßt sich nicht zweimal bitten – Teil 1


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Nur ein fragwürdiges Angebot?

„Brandheiß, das muß ich ebenso haben, wow, welch geile Ware, allein schon die technischen Möglichkeiten, einfach fett, sach ick’ dir, Alter.“ – Mit solch ähnlichen Worten begrüßten sich zwei Kumpels am Bahnhof Zoo, schlenderten langsam Richtung Innenstadt, zumindest nach den Maßstäben des alten West-Berlins, heute ist ja Berlin-Mitte das Zentrum der Metropole an der Spree.

Doch was interessieren vergangene Zeiten, als noch die Mauer stand, die olle U-Bahn-Linie 6 von Tegel über die drei Geisterbahnhöfe und Friedrichstraße bis hin zum Endbahnhof Alt-Mariendorf führte, hinterm Alex die Spuren des Zweiten Weltkriegs an mancher Hausfassade noch zu sehen waren, als ob dieser just geschehen? Ne ne, laß man, dat is Schnee von jestern, heute zählt, daß du schnieke bist, bloß deine Pferdchen am Laufen hast, schließlich ist in Hartz-IV-Zeiten nicht damit zu spaßen.

Überall Kontrolle, soweit das Auge reicht. Andererseits, wer nichts zu verbergen hat, sollte och nüscht befürchten, oder? Denkste! Allein dieses unter Generalverdacht stehen, kann bei dem ein oder anderen eine gewisse Paranoia hervorrufen, erst recht bei Suchtmenschen. Das treibt jene geradewegs in immer neuere Flucht vor der grauen, kalten Realität. Versteht sich von selbst, daß dabei eine schier unendliche Vielfalt an krimineller Energie sich tummelt. Aber was soll’s, genau so will sie es haben, diese janze politische Mischpoke, wie einst Tucholsky oder Zille sie nannte.

Zurück zu den beiden Kumpels Freddy und Mike. Angekommen in irgendeinem Café in der Lietzenburger Straße, keineswegs in der Absicht, ein Edel-Bordell um die Ecke aufzusuchen, sondern einfach ungestört zu plaudern, sollte es nicht lange dauern, bis sie jäh unterbrochen wurden. Eine reife Frau mit Sonnenbrille setzte sich unaufgefordert zu ihnen, winkte der Kellnerin und bestellte sich einen Café au Lait. Kaum rührte sie bedächtig mit einem langstieligen Löffel, schlüfte genüßlich den ersten Schluck, fand Mike zuerst den Mut, sie anzusprechen.

„Welch entzückende Gesellschaft sich zu uns gesetzt hat, Gnädigste. Mit wem haben wir hier das Vergnügen?“, fragte er und steckte sich ein wenig umständlich eine Zigarette an.

„Meine Herren, wie Sie sich vielleicht denken können, setze ich mich bestimmt nicht zufällig zu Ihnen, so interessant und vor allem wichtig sind Sie mir mitnichten“, erwiderte die langhaarige Brünette, „nennen Sie mich einfach Chantal, das soll reichen. Und bevor Sie mich unterbrechen, nein, ich habe keine sexuellen Absichten oder gar Wünsche.“

Das saß, die beiden schauten sich ein wenig ratlos an, und sie fuhr mit fester Stimme fort.

„Aufgrund Ihrer Freundschaft und vor allem Ihrer be-ruflichen Erfahrung kommen wir auf Sie zu, nutzen einfach mal die Gelegenheit, um ein wenig mit Ihnen zu plaudern, ob Sie überhaupt ein Interesse haben könnten, mit uns ins Geschäft zu kommen.“

Diesmal war es Freddy, der als erster nach rascher Überlegung geistesgegenwärtig reagierte.

„Das setzt ja voraus, daß Sie, wer auch immer sich hinter Ihnen verbergen mag, und Ihre Leute uns im Vorfeld einige Zeit beobachtet und ausgekundschaftet haben müssen, oder? Und falls ja, dann sicherlich nicht zufällig, sondern ziemlich zweckdienlich, stimmt’s?“

Mike überraschte das gezielte Vorgehen seines Freundes nicht im geringsten, war dies doch seine Art, paßte nur zu gut zu ihm. Er selbst hingegen, zog es meist vor, ein wenig abzuwarten, sich zurückzulehnen, zu beobachten, zu reflektieren, zumindest wenn genug zeitliche Gelegenheit sich ihm bot.

Eine verhängnisvolle Entscheidung

Ziemlich schnell schlich sich bei Mike der Verdacht ein, daß Chantal gründliche Recherche betrieben haben mußte, von Zufall konnte daher keineswegs die Rede sein. Der 38-jährige Informatiker hoffte, sein alter Freund würde ebenso ihr Ansinnen erkennen, stieß kurz unterm Tisch an Freddys Schienbein, der sich glücklicherweise nichts anmerken ließ, lediglich kurz zusammenzuckte.

„Oh ja, wir arbeiten stets sehr gründlich, Herr Schrill. Oder darf ich Sie einfach duzen, dies erleichtert erheblich, trägt zu einem vertrauensvolleren Umgang bei?“, antwortete Chantal, beugte sich ein wenig vor und schaute auffordernd in dessen grüne Augen, ohne auf seine Zustimmung zu warten und fuhr fort, „dann hätten wir dies ja geklärt, lieber Freddy. Wie ich schon erwähnte, haben wir Euch beide nicht zufällig auserwählt, uns behilflich zu sein.“

Jetzt erst reagierte Mike, nachdem er sicher sein konnte, sein Freund würde den Tritt ans Schienbein verstehen.

„Okay, alles klar, wir haben verstanden, Chantal. Ich nehme an, Ihr arbeitet mit der CIA zusammen bzw. der NSA, oder? Und jetzt wollt Ihr die Gelegenheit nutzen, uns für Euch zu rekrutieren, schließlich haben wir ja genug Vertrauen im gesamten Osten über die Jahre erwirken können, vor allem beruflicherseits, stimmt’s?“

Chantal stieß einen leisen, kurzen Pfiff aus, der die Freunde erstaunen ließ, paßte dieser doch kaum zu ihrer äußeren, eher vornehmen Erscheinung. Chantal grinste ziemlich breit daraufhin, winkte die Kellnerin zu sich, um einen zweiten Café au Lait zu bestellen, Mike und Freddy gönnten sich ihren zweiten Cappuccino.

Fortsetzung folgt.

Lotar Martin Kamm

Erschienen im Buch „Hrabans geheimnisvolle Reise zum Kontinent des Lächelns“ (BoD)

Kategorie: Kurzgeschichten

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