Sanftes Grauen


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„Iris, könnten wir vielleicht eine kleine Pause einlegen, immerhin geistern wir hier bereits mindestens eine Stunde durch Dickicht, das wäre doch gar nicht schlecht, könntest du doch ganz in Ruhe überdenken, ob wir in der Nähe des Platzes sind.“

In seiner Stimme war ein leichtes Keuchen zu hören, bei Arash kein Wunder, ist er eher der Lazy- Bones-Typ, der lieber seine Zeit im Sitzen oder Stehen verbringt, als sich durchs Unterholz zu schleichen, um den sagenumworbenen Weiher zu finden, den Iris irgendwann vor fünfzehn Jahren, oder war sie bereits sechszehn, na, jedenfalls für sie der Ort, der wie keiner es vermag, ein sanftes Gruseln zu vermitteln, das sie unbedingt, weil ihr die Sprache nicht ausreicht, dieses prickelnde Schaudern nur annähernd so zu beschreiben, Arash endlich zeigen will und vor allen Dingen ihn dazu verleiten, dies wohliges Grauen nachzuempfinden.

In ihrer Kennenlernphase, sind es tatsächlich schon drei Jahre, hat er schallend gelacht, später ein gönnerisches Grinsen ihr zugestanden, und jetzt hat er ein Schmunzeln auf den Lippen, und das ärgert sie. Um diese Verärgerung nicht stets als Anlaß zu spüren zu bekommen, die in andere Meinungsverschiedenheiten münden und er es leidlich satt hat, von ihr als Gefühlsbanause tituliert zu werden, hat er ihr den Vorschlag gemacht, wenn sie sich noch an den Platz erinnern könnte, der ihr so einen tiefen Eindruck hinterlassen hat, um ihn immer wieder anzupreisen, dann sei er bereit, mit ihr dort hinzufahren.

„Also, die Jenny, die hat in Bleichstett gewohnt, der Timo kam aus Unterbach, und wir sind vom Campingplatz zuerst in Richtung Weilerstadt gefahren, um die Jori und den Konny abzuholen, ab da ging es nur noch über Feld- und Waldwege zum Weiher. Privatbesitz hat Jori gesagt, sei er, und wir müßten leise sein, weil der Besitzer manchmal des nachts hier rumspazieren würde. Weilerstadt liegt da, Unterbach da, und so falsch können wir nicht gegangen sein. Die Wiese am Waldrand kommt mir bekannt vor. Timo ist zwar mit dem Auto hier langgefahren ohne Scheinwerfer, weil, es war Vollmond, und er ist hier aufgewachsen“, mit weit ausholenden Armbewegungen zeigte sie die verschiedenen Richtungen an, wobei sie die Stimme immer etwas erhob, wenn sie sich ihres Orientierungs- und Erinnerungsvermögens sicher war.

„Ich bin ganz sicher, wenn wir diesen Waldweg, schau doch mal her, anstatt dich im Kreis zu drehen, gehen, dann müßten wir direkt zum Weiher kommen.“

„Hast du eigentlich bemerkt, daß es in spätestens in einer halben Stunde dunkeln wird, und in diesem Waldstück scheint bereits die völlige Dunkelheit zu herrschen Vielleicht wäre es besser, in dieses Dorf, wie hieß es nochmal, da wo dieser Timo herkam, nach ihm zu fragen. Irgendjemand wird doch wohl diesen Timo kennen. Und dann fragen wir ihn, ob er uns nicht den Weg zeigen kann, wär das nicht eine super Idee, du siehst ihn nach so vielen Jahren wieder.“ Arash war anzumerken, es widerstrebte ihm total, durch die dunklen Fichten ihren Trip fortzusetzen.

„Ach ja. Ich klingel so in der Gegend herum, frag nach Timo. Timo wer? Vielleicht hieß er gar nicht Timo, sondern Thomas, Torsten oder wie auch immer. Schon vergessen, Spitznamen, die kannten mich zudem auch nur unter Ira. Und selbst wenn jemand wüßte, wer gemeint ist mit Timo, möglicherweise ist er verheiratet, weggezogen, kann sich an mich nicht erinnern. Mensch, wir waren Jugendliche, haben uns nur eine Woche lang gekannt. Eine Woche Camping, ich bin mit denen nur vier Tage lang rumgehangen. Und Nächte. Schau mich nicht so an, laß uns weitergehen, oder hast du Muffensausen, alleine im Wald. Dunkel, dunkel. So dunkel kann es heute nicht werden, Vollmond, schon vergessen“, ihre Arme fuchtelten nun vor seinem Gesicht herum und obwohl sie ohne Atem holen zu müssen redete, schien in ihren Lungen noch genügend Luft vorhanden zu sein, um mit Leichtigkeit einen Hundertmeterlauf hinlegen zu können.

„Ira?“

„Auf dem Gymnasium gab es in meiner Klasse noch eine Iris. Allerweltname, halt. Also wurde ich eine Zeitlang Ira, was dagegen?“, sie sah in herausfordernd an und er ahnte, noch ein falsches Wort und ihr würden tausende Ideen einfallen, um mit ihm in eine lebhafte Diskussion zu verfallen, die in einem handfesten Streit enden könnte.

„Dann laß uns mal durch diesen Waldtunnel gehen, wenn wir jetzt so kurz vor dem Ziel sind, hast ja Recht, warum sollten wir zurück, uns die Mühe machen, uns im Dorf durchzufragen, vielleicht kriegen wir sogar Ärger, sollten die herausfinden, wir wollen zu dem Weiher“, zwar klang es ein bißchen nach Verzeihung, aber Arash nahm eine Schmuseeinheit lieber in Kauf, als eine Konfrontation. Iris lächelte ihr Erfolgsgrinsen, umarmte ihn inniger, als ihr zumute war, was zur Folge hatte, sie knutschten sich wild und ausgezehrt, so als ob ihr Sexualleben wochenlang nicht existiert hätte.

„Weißt du, der Weiher ist mitten zwischen Bäumen, der Mond erhellte das trübe Wasser so stark, daß er durchsichtig wirkte, nachdem die Sonne untergegangen war, tausende Libellen flogen herum, ihre Körper spiegelten sich im Wasser, Frösche und Fische spritzen kleine Wasserfontänen in die Luft, die war wie geladen von Millionen von Lichtpunkten, krisselig war das Licht wie im Nebel, die Geräusche wie hinter einer isolierten, gedämmten Wand, ich hatte das Gefühl zu schweben, wenn ich in den Nachthimmel schaute, kam es mir vor, als ob ich mich auflöste und von ihm umschlossen werde. Es war schwül warm und dennoch spürte ich eine zarte Kälte in meinem ganzen Körper. Oh, Arash, es war grausig schön!“, flüsterte Iris, eng an Arash geschmiegt. Arash drehte seinen nackten Körper auf den Rücken, ohne sich aus der Umarmung zu lösen, schaute in den gedunkelten Himmel und seufzte: „Ja, jetzt kann ich das total nachempfinden.“

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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