Zu viel des Guten


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„Die Wahrheit ist zweifelsohne“, da war es wieder dieses Gurgeln in der Stimme, das absonderliche Geräusch im Abfluß, als ob sich das Wasser dagegenstemmt nach unten zu fließen, ein Aufbäumen, ein Wehren, als Waffe verdrängte Luft, manchmal versetzt mit dem Geruch eines moorigen Tümpels. Oft höre ich dieses Geräusch, befreiend und beängstigend zugleich, und mit Sicherheit höre ich es ziemlich oft, nur nehme ich es nicht immer bewußt wahr.

Seit ich in dem rosafarbenen Haus lebe, ist es mir, als ob ständig durch die Wasserrohre das vergessene Leben der Wildnis auf der Suche nach einem neuen Wirkungskreis sich befindet. In dem blauen, grünen und lilafarbenen Haus, sie sind nicht wirklich blau, grün und lilafarben, genausowenig wie das Rosa meines Hauses rosa ist, die Farben sind bis fast zur Unkenntlichkeit ihrer Farbe beraubt worden, sie müssen vorliebnehmen mit einem grauweißen Gemisch, dem nur ein Hauch Farbe beigemischt wurde, damit der Eindruck entsteht, die Häuser wären ohne diese Farbblässe nicht zu unterscheiden, jedenfalls werden in den drei anderen Häusern die Wasserrohre nicht so dermaßen von Gurgelgeräuschen heimgesucht, das weiß ich deshalb, weil ich hin und wieder eine Gelegenheit nutze, um die Treppenhäuser auf- und abzugehen. Nicht, weil sich die Treppenhäuser dieser vier Häuser unterscheiden würden, bis eben auf die jeweils andere Farbe, sondern um mich zu vergewissern, in diesen Häusern ist die Ursuppe noch nicht so aktiv.

Der Weg ist das Ziel, so sagt man allgemein, und genau deshalb wohne ich seit ein paar Wochen hier am Stadtrand, in dieser Siedlung mit ihren vier mehrgeschossigen Häusern mitten auf einem großen Feld. Das Praktische daran, morgens fahren von hier alle halbe Stunde Busse in die Stadt und abends ebenso. Zu anderen Zeiten ist es zwar genauso schwierig wie an meinem alten Wohnort, ohne Auto beweglich und flexibel zu sein, aber schließlich kommt es nur darauf an, pünktlich bei der Arbeitsstelle zu sein, ohne vorher bereits vier Kilometer Fußweg in Kauf nehmen zu müssen bis zur nächsten Haltestelle. Dieser kurze Weg von meiner Wohnung zur Bushaltestelle war mein Ziel, damals dachte ich doch nicht daran, zum Entdecker der schleichenden Eroberung durch die zurückgelassene Wildnis werden zu wollen. Bei weitem nicht. Solche absurden Gedanken wären mir nie in den Sinn gekommen. Entdecker. Natürlich hätte ohne weiteres die Möglichkeit bestanden, schon früher Entdecker zu werden, schließlich war mein Großvater Jäger, von seinen Erfolgen zeugten die vielen Geweihe bei uns zu Hause im Wohnzimmer, die von Oma wöchentlich gewissenhaft von Staub befreit wurden und später die Arbeit meiner Mutter wurde, die sogar ein besonderes Tuch zum Reinigen benutzte, das vorher vom Pfarrer gesegnet worden war.

Vielleicht hätte ich dieses Tuch nicht heimlich mit in die Kirche nehmen sollen, um es im Weihwasser zu tunken und danach so kräftig auszuwringen, daß es fast wieder trocken war, damit keine Spuren auf Resis Jacke zu sehen sind, wenn ich sie mit dem Tuch kurz anfasse. So heimlicher Zauber darf nämlich nur der wissen und verstehen, der ihn anwendet. Vielleicht hat nämlich Großvater gewußt, daß der Oma beim Saubermachen das größte der Hirschgeweihe runtergefallen ist, und es seitdem nur an einem Nagel hing, als er am nächsten Tag auf dem Sofa lag, um seinen Mittagsschlaf zu halten, und vom Zehnender erschlagen worden ist, hätte sie sonst gerufen, der Herr hat es gewußt und zugelassen. Aber ich bin eher wie meine Mutter, bin auf Sicherheit bedacht. Die Resi sollte nicht vom Herrn Bescheid kriegen, daß ich sie liebe, noch nicht, und der Horst, der ihr das erzählt hat, und sie hat es zugelassen, daß er sie küssen darf, der hat dafür im Krankenhaus gelegen, auf seinem Feld ist er mit dem Traktor in ein riesiges Loch reingefahren, das vorher noch nie jemand gesehen hatte, nur der Herr hat es gewußt, denn es war nicht mit Weihwasser besprüht worden, nur mit Mist.

„Die Wahrheit ist zweifelsohne schwerer zu ertragen als eine Lüge.“ Genau diesen Satz hat mir meine Mutter beim Abschied, ach, schon lange bevor ich gewußt habe, der Weg ist das Ziel, an die hundertmal zugeflüstert. Sie ist eine kluge Frau, meine Mutter. Sie weiß so viel, aber sie will nichts zulassen, deshalb geht sie jeden Tag in die Kirche, um mit frischem Weihwasser ihr Gesicht zu waschen, damit der Herr die Wahrheit nicht erzählt und zuläßt, es geschehe etwas, bevor sie einwilligt, daß es geschieht. Als wir zusammen die Wohnung im rosafarbenen Haus angesehen haben, hat sie vergessen, mit ihrem Tuch die Klinke anzufassen, wie sie das bei den anderen Wohnungen gemacht hat. Und weil sie das vergessen hat, können jetzt ungehindert die vielen Stimmen der vergessenen Leben, die nichts anderes wissen als die Wahrheit, durch die Rohre in meine Wohnung gurgeln.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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