Liebe ohne Melancholie


https://pixabay.com/de/vogelk%C3%A4fig-k%C3%A4fig-fensterbank-vogel-402205/

pixabay.com

Vielleicht gehören Sie bereits zu den Menschen, die morgens schon in einem Bus oder der Bahn saßen, um die Schule zu besuchen. Besuchen bedeutet wie übrigens generell, daß es nicht nur einer freiwilligen angenehmen Entscheidung entspringt, sondern ebenso einhergeht mit etwaigen Hintergedanken bezüglich eines guten Eindruckes, heute würde man sagen, must done. Es muß getan werden, so oder so. Und eben dieses must done findet man in den Gesichtern, die morgens, möglichst zu Zeiten in denen man das Vieh füttert, das man schlafwandlerisch erledigen kann, ohne große Fehler zu begehen, in den meist vollbesetzten Abteilen der Bahnen und auf den Sitzen der Busse in den Gesichtern nachttrunkener Heranwachsender.

Bertel, keine Ahnung wie man von dem Vornamen Frederick zu dem Spitznamen Bertel kommt, zumal sein Nachname Klüser lautet, hockte mit einigen Kameraden in den hintersten Bänken und diese versuchten sich mittels Aufzählungen, gestern die Show im Fernsehen, die Sängerin konnte nicht singen, aber ihr Minikleid, der Wahnsinn, hast du für die Mathearbeit gelernt, Mensch, ich habe den Atlas vergessen, sag mal, ist die Sabine immer noch mit Matthias zusammen, zu vergewissern, sie sind wach, weil gemeinsame Erinnerungen nur eine Fortführung vom bereits Erlebten sein können. Ein wenig mürrisch, weil er wieder mal zu wenig Zeit zum Frühstücken hatte, blickte Bertel über die Köpfe der Lachenden und von sich Überzeugten hinweg und bemerkte blitzartig, jedenfalls durchzuckte ihn dieser Gedanke so arg, daß er fast umkippte, ich sehe immer nur dieses Gesicht.

Sie heißt Liane, ist erst kürzlich in die Gegend gezogen, wohnt nicht in seinem Dorf, geht wie er aufs Gymnasium, steht in den Pausen schon mal bei den Jungs, quatscht mit ihren zwei Brüdern und kichert mit ihren Freundinnen, scheint ein Faible für Hippies zu haben, jedenfalls wirken ihre langen blonden Haare ungekämmt, fast zottelig und trägt fast jeden Tag ein anderes Stirnband. Treffen sich ihre Augen, blickt sie schnell weg wie ertappt, oder sie fixiert ihn so lange, bis er merkt, wie Röte sein Gesicht von der Stirn bis zum Hals überflutet. Keineswegs war er in sie verliebt, Liebe fühlte sich anders an, immerhin war er schon zweimal verknallt gewesen, daher wußte er Bescheid. Oder war es doch Liebe, die Liebe aus Erzählungen, Romanen, für die man stirbt, sich aufgibt, gemeinsam flüchtet und liebt bis ans Lebensende? Diese Liebe kannte er noch nicht, das mußte er sich eingestehen. Und empfand sie Liebe für ihn? Kein koketter Blick, kein Wimpernaufschlag, trau dich, mich anzusprechen, kein Versuch seine Nähe oder die seiner Freunde zu suchen, um an ihn ranzukommen, kein nervöses Kichern, aber diese Augen, die sich an ihn schmiegten, die in ihn anblickten, sie sich vor ihm schlossen, ohne das Gefühl zu hinterlassen, sich abzuwenden.

Während der Schulzeit hatten sie Gelegenheit, sich zu treffen, sich kennenzulernen, mit oder ohne Freunde dabei, sie konnten sich umarmen, ohne das verzehrende Verlangen sich aneinander zu verbrennen. Irgendwann in dieser Zeit schenkte er Liane einen Vogel in einem selbstgebastelten Käfig mit den Worten: „Du weißt schon.“

Und Liane nahm den Käfig entgegen, begutachtete den Käfig und den Vogel von allen Seiten, schien überaus angetan zu sein, öffnete den Käfig, und nachdem der Vogel fortgeflogen war, bemerkte sie lakonisch: „Wissen ist mehr.“

Bertel überreichte ihr jedes Jahr einen Vogel im Käfig, anfangs, zu Schulzeiten fing er sie allesamt selber, später konnte es auch vorkommen, daß er Vögel kaufte und sie ihr übergab. Selbstverständlich handelte es sich bei den Tieren um einheimische Vögel, das nur nebenbei, wer sollte es besser wissen als sie beide, Freiheit beginnt zuhause.

Studium, Beruf, Familie unterbrachen die persönlichen Gespräche manchmal auf Jahre. In all dieser Zeit war ein Vogel im Käfig die einzige Verbindung, die zwischen ihnen bestand. Manchmal wurde Liane unruhig, wenn ihr Geschenk nicht zu einem Zeitpunkt eintraf, den sie für rechtzeitig hielt, aber schließlich kam es auch vor, daß die Vögel knapp hintereinander eintrafen.

Woher ich das alles weiß, nun, sagen wir einfach, Moment mal. Es klingelt. Die Post kommt heute aber früh.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Kurzgeschichten abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.