Blick in die Zukunft keineswegs ein Hirngespinst


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Nutzlose Gedanken beschäftigten sie bereits am späten Abend, verschwenderische Zeit sei verstrichen, wie könne man nur so verbissen an einem Thema verharren, grübelte Melinda, während der Schlaf schließlich obsiegte an jenem Herbsttag, der wenige Minuten später sein Ende fand, das helle Glockenwerk der Uhr in der Diele kündigte Mitternacht an.

Irgendwann lag die Mittdreißigerin fast nackt im Bett, die Decke hatte ihren Weg auf den Parkettboden gefunden, der defekte Auspuff eines vorbeifahrenden Autos ließ das Schlafzimmer kurz erschallen, sodaß Melinda entsetzt um sich schlug, schnell ihr wärmendes Bettzeug fand und über sich zog.

Was für ein merkwürdiger Traum, schoß es ihr durch den Kopf. Mit gezieltem Griff nahm sie ihr stets auf dem Nachttisch liegendes Diktiergerät, um das Erlebte wiederzugeben. Eine graue, düster schreckliche Großstadt, vereinzelte Wesen ziehen umher, die eher Zombies ähneln als Menschen, ich selbst verharre in einem Hauseingang, besser gesagt, kauere zitternd dort, gerademal mit einem weißen Nachthemd bekleidet, obwohl es just zu schneien beginnt. Am Himmel, den man noch zwischen den Hochhäusern erahnen kann, schwirren Hubschrauber und die ein oder andere Beobachtungsdrohne. Ich muß mich in einem Science-Fiction-Thriller befinden, ansonsten macht das alles hier keinen Sinn.

Melinda hielt inne, weil ein seltsames Geräusch sie aufhorchen ließ. Was war das denn? Erschrocken kroch sie äußert vorsichtig aus dem Bett, schlich zur Schlafzimmertür, um im nächsten Moment einen Schatten am Fenster zu bemerken. Der Flügel öffnete sich wie von Zauberhand, nahezu gelähmt vor Schreck hielt sie den Atem an. Plötzlich war das geheimnisvolle Wesen ganz klein und stand mit fragenden Augen vor ihr, wenn man die beiden dunklen Höhlen in kopfähnlicher Erscheinung so zu deuten vermochte.

„Melinda Strawberry, tief durchschnaufen, wir sind in friedlicher Absicht zugegen, keine Panik, bloß die Ruhe bewahren“, begann das außerirdische Wesen, „ nenne mich Agabyr.“

Es dauerte einige Sekunden, die Melinda ewig vorkamen, bis sie einen Laut hervorbringen konnte.

„Aber wieso werde gerade ich von dir oder euch aufgesucht?“

„Um dir eine Botschaft für die Menschheit zu übermitteln, du scheinst reinen Herzens zu sein, hast wahrscheinlich die richtigen Kontakte. Hier kurz und knapp das Anliegen: Rettet euren Planeten, stoppt sofort jedwede Umweltzerstörung, verbannt die Kernkraft, seid wieder friedlich zueinander wie früher in Lemuria, ansonsten gibt es für euch keine Zukunft mehr, das Ende der Menschheit wäre besiegelt!“

Erstaunt, aber durchaus nicht abgetan, nickte Melinda verständnisvoll, wollte noch manches sagen, doch Agabyr war einfach weg, hatte sich in Luft aufgelöst. Erstaunt rieb sie sich ihre müden Augen, um im selben Moment sich im Bett liegend wiederzufinden. ‚Alles auch nur ein Traum?‘, rätselte sie.

Am nächsten Morgen weckte sie wie üblich der Radiowecker. Eine Meldung ließ sie grübeln. Heute Nacht berichteten etliche besorgte Bürger, sie wären von angeblichen Außerirdischen aufgesucht worden, die mahnende Worte an sie richteten, die Menschheit habe die Welt friedlicher zu gestalten. Allerdings fanden sich keine weiteren beweisbare Indizien, sodaß von Halluzinationen nur die Rede sein könne.

Mal wieder typisch, bloß nicht der Wahrheit ins Auge blicken, dachte Melinda. Welche Wahrheit soll das sein, fragte sie sich kurz danach, nicht mal ihre beste Freundin Bea könne sie einweihen, ohne Gefahr zu laufen, sie sei selbst ein Opfer jener Suggestion. Wortlos richtete sich Melinda für einen arbeitsreichen Tag, schließlich würde das Flugtaxi gleich heranschweben, um sie in die Redaktion zu befördern. Dort stand bereits auf ihrem Monitor ablesbar die Überschrift: Hirngespinste tyrannisieren die halbe Stadt.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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