Türöffner


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Lieber Jakob,

ich weiß, ich hätte den Umzug meiner Eltern in die entgegengesetzte Richtung unternehmen sollen. Hätte mit dir fliehen, deinem Herz folgen sollen. Ich schreibe, hätte, soll und ich, ich. Hätte ich mit dir eine gemeinsame Reise begonnen, würden dann meine Zeilen ohne hätte, soll und ich geschrieben werden? Würde ich von wir und uns schreiben, wenn ich es gewagt haben sollte, meinen Eltern zu schreiben, um sie wissen zu lassen, alles ist gut?

Jeden Morgen verlasse ich das Haus, um mich im Morgennebel zu verlieren. Abseits der festgetretenen Wege in der Stummheit neuer Gedanken vermag ich, die einsame Stelle in meinem Herzen zu finden, die von dir bewohnt wird. Stets lächelst du, und ich spreche in deine Fröhlichkeit. Sie weicht selbst dann nicht, wenn meine tränenerstickten Worte voller Mühsal meine Liebe zu dir als Eingangstür für mein Leben beschreiben wollen und ich damit deine Liebe beschränke, daß du der Türöffner für mich gewesen seist. Der Schlüssel zum Schloß all meiner Träume und diesen Schlüssel besitzt du heute noch, nach so vielen Jahren. Ohne dich hätte ich diesen Ort nie gefunden. Ich bewohnte ihn bereits, als ich mich entschloß, nicht mit dir die Flucht anzutreten.

Diese weiche Stille im Dunst der aufgehenden Sonne empfinde ich als das stärkste Glück, das ich jemals zu empfinden imstande bin, das zu erkennen, verdanke ich dir. Wir beide hätten zusammen niemals diese intensive Leichtigkeit der Schwere des Loslösens erlebt, zu fest war unsere Bindung, zu stark der Tritt auf dem flauschigen Grund. Wir wären gestürzt, gefallen, versunken in unser wir.

Hätte ich, oder würde ich nur den leisesten Zweifel an dieser Gewißheit hegen, liebster Jakob, wäre ich an deiner Seite geblieben, um dich davor zu bewahren, von den Klippen des Schicksals zu springen. Deine warme Hand in meiner, deine gerötete Wange an meiner, deine sanfte Seele bei meiner, morgens wenn ich das Haus verlasse, um nach dir zu sehen.

Wie immer verbrenne ich dieses Schreiben, puste die Papierasche zu dir. Wir hätten uns an uns selbst verbrennen können, mein Umzug und deine Fahrkarte an unbekannte Gestade hat es uns ermöglicht, die Glut unserer Herzen nie erkalten zu lassen.

Siehst du in der Ferne
deine Gefühle der Jugend
als brennende Fackel
im Dunkel der Zeit,
verweilst du im sicheren Hafen
auf deines Schicksals Boot,
umringt von stürmischen Phasen,
diese Insel nie kentern kann.

Erinnerst du dich, Jakob, an deine Zeilen? Der Schlüssel liegt bei dir.

Deine Elsa

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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