Schotterweg


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Die Höfe lagen wie verstreute Kuchenkrümel, einladend jedes einzelne mit dem feuchten Zeigefinger zudrücken, um sie dann genußvoll zu genießen, so als ob diese Krümel das Beste vom ganzen Kuchen seien, das Allerbeste, das man je geschmeckt hat, dies kann man erst verstehen, wenn man über den Schotterweg hoch durch das kleine Waldstück geht und seinen Blick ins Tal werfen kann, genauso wie auf die leckeren Krümel.

Auf Anhieb, leicht zu sehen, waren die Häuser von Johann, Bärbel, Sigmund, Evi, Samuel, Tine, Robert, Seraphina, die alle nur Fina riefen, Arthur, Bombe Bastian, in der kalten Zeit durch den rauchenden Schornstein erkennbar, ich wußte natürlich, daß hinter diesen Hügeln Häuser stehen, aber Fremde konnten nur an den Rauchschwaden erkennen, dort leben auch Leute. Also die Frieda und ein bißchen weiter weg der Hannes. Die Häuser gehörten den Eltern, manche gehörten Reichen, und die Eltern zahlten Geld, damit sie dort wohnen konnten. Die Häuslers, die Brunners und die Frickens, die wohnten natürlich ebenso im Tal, hatten aber keine Kinder, zumindest gingen die nicht im Dorf in die Schule. Ich kannte die nicht.

Die Häuslers, Brunners, Frickens, die kannte ich wohl, der Häusler war oft im Dorf, der hatte ein Händchen für Holz, davon waren alle überzeugt, bis auf den Pfarrer, der behauptete, der Häusler hätte absichtlich das Wegkreuz am Hohentann und der Brunnen, der dort stand, mit minderwertigen Holz gebaut, dabei war er selbst schuld, wenn das Kreuz immer wieder erneuert werden mußte, er wollte einfach nicht haben, daß das Kreuz auf einem Eisensockel steht, also ist es vom Boden her immer gefault. Die Brunners, die Frau Brunner schenkte jedem, wirklich jedem ihr Obst oder Möhren, wenn man an ihrem Garten vorbeiging. Und die Frickens, die haben jeden Sonntag im Gasthaus zu Mittag gegessen, nachdem sie von der Kirche kamen. Die hatten dort einen Stammplatz, wo die immer saßen.

Alle mußten über den Schotterweg, um ins Dorf zu gelangen und zurück oder andersrum. Im Winter sind Johann, Bärbel, Sigmund, Evi, Samuel, Tine, Robert, Fina Arthur, Bombe Bastian, Frieda und Hannes oft mit dem Schlitten zur Schule gefahren. Haben wir die bewundert, morgens schon rodeln. Und mittags nach der Schule gleich nochmal, weil es einfach schade gewesen wäre, nicht noch einmal runterzufahren, bevor man zu Hause seine Aufgaben erledigen mußte. Als Bastian nach den Sommerferien bei seinem Onkel wiederkam und eine Kiste mit vier Rädern mitbrachte, auf der man den Schotterweg runterfahren konnte, sehnte sich jedes Kind danach, auch auf einem der Höfe zu wohnen. Weil der Bastian alle mitfahren ließ, das war richtig bombig von ihm, hat er zu Recht seither Bombe Bastian geheißen.

An manchen Tagen war der Schotterweg von johlenden Kindern beschlagnahmt, die entweder gerade den Weg runterfuhren oder den Fahrer anfeuerten, aber auch um dem Kraft zu verleihen, der die Kiste wieder nach oben zog. An so einem Nachmittag, als ich gerade kurz vor der einzigen Kurve ankam, löste sich eines der Räder. Es rollte über den Weg und kurz bevor es durch das Gras gebremst hätte werden können, schlug es an einen Stein, schnellte hoch und traf Bombe Bastian mitten auf der Stirn. Genau die Mitte. War das Loslösen des Rades in Zeitlupe zu sehen gewesen, so war die Beule in Sekundenbruchteilen auf seiner Stirn gewachsen.

Bombe Bastian fiel längs auf den Schotterweg und rührte sich nicht mehr. Tine und Robert waren die ersten, die sich näher an den leblosen Körper trauten, und überhaupt diejenigen, die sich im Gegensatz zu den anderen als erstes wieder bewegten. Der ist bewußtlos, schrie Robert und Tine brüllte, wir müssen ihn auf die Seite legen. Fina meinte, ich glaube, man sollte ihm den Arm unter den Kopf legen, dann kann er wieder aufwachen. Quatsch, ein Arzt muß kommen, der stirbt, seht ihr das nicht, diese kreische Stimme kam von Samuel und machte uns allen bewußt, daß wir uns im Gegensatz zu Bombe Bastian bewegen konnten.

Ich saß noch immer in der Kiste, der einzige mit einem fahrbaren Untersatz. In dem Moment griff ich nach einem Stein, schlug das andere hintere Rad ab und raste mit nur den beiden Vorderrädern den steilen Schotterweg ins Dorf, die anderen sahen nur noch einen riesigen Stein- und Staubwirbel. In unserem Dorf gab es keinen Arzt, aber der Fred Keßling, das wußte ich, wurde gerufen, wenn es einer Kuh schlecht ging, der müßte Bombe Bastian helfen können, zudem war er ein großer, starker Mann.

Fred Keßling ließ alles stehen und liegen, seine Frau rannte los, ich rufe Dr. Brunner, das einzige Telefon gab es in der Gastwirtschaft, und so kamen kurz nachdem er und ich bei Bombe Bastian eintrafen, noch ein ganzes Duzend Dörfler, die sich den schon totgesagten Bombe Bastian ansehen wollten. Bombe Bastian grinste mich an, die sagten, du hättest die Flucht ergriffen, so ein Hosenschisser, sagten sie. Ich habe das letzte Stück deiner Fahrt runter gesehen, kolossal, kolossal, sag ich, Karl. Obwohl Bombe Bastian fast in Feierlaune war, befahl Fred Keßling ihm, sich hinzulegen, der Arzt wäre schon unterwegs und mit so einer Beule am Kopf sei nicht zu spaßen.

Den Schotterweg gibt es schon lange nicht mehr, die enge Kurve wurde verbreitert, der Steilhang ist inzwischen in mehrere Straßenschlaufen umgebaut und alles seit Jahren geteert. Nicht weit von der Kurve steht eine Bank, da sitzen Bombe Bastian und ich, Kolossal Karl, die einzigen vom Tal und aus dem Dorf, die ihren Beinamen dem Schotterweg verdanken und bis jetzt damit angesprochen werden, Bombe Bastian schlendert von oben runter, ich steig hinauf und gegen Nachmittag geht es andersrum.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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