Elke


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Elke. Edwin. Ludowig. Katharina. Elisabeth. Meine Großeltern. Katharina strich über meinen Kopf, so schön rund, soll sie gesagt haben. Was nützen Gefühlsregungen von Toten, wenn sie nicht aus dem eigenen Gedächtnis stammen? Sie war liebevoll, hieß es über meine Mutter. Sie nahm die ganze volle Liebe mit. Vater konnte nicht mehr lieben, er überließ seiner Schwiegermutter Katharina, mir ihre streichelnde Liebe zu schenken, ein halbes Jahr. Sie starb ein halbes Jahr, nachdem Mutter stürzte. Ab da war ich allein. Allein mit verlorener Liebe.

Beide haben sich sehr spät aus ihren Elternhäusern gewagt. Beide Einzelkinder. Mutters Mama, Katharina, wurde früh Witwe, und wer weiß, hätte sie nicht Papa getroffen, ob sie dann je geheiratet hätte, schließlich, vermutlich zog Großmutter bei ihnen ein, nachdem der Wunsch nach einem Kind unerfüllbar wurde. Papa. Papa, vielleicht wurde er verhätschelt, Ludowig und Elisabeth starben innerhalb eines Jahres, da war er gerade mit der Lehre fertig. Aber was weiß ich schon? Alles vom Hörensagen, Nachbarsgerede, Gefühlempfinden. Wie soll man die denn kompensieren ohne Worte, weil er Mutter seine Sprache ihr ins Grab legte?

War das euer Platz, euer Kuschelversteck in den Anfängen eurer Liebe? Nach meinem Gefühl ja. Und wenn nicht, du hättest es mir sowieso nie verraten. Schön ist es hier. Ein Blick bis zur Unendlichkeit. Liebe bis in alle Ewigkeit. Kinderwunsch. Erfüllte sich nicht. Mit neunundvierzig schwanger. War das ein Schock? Eine Freude? Das viele Geld habe ich gefunden, und ich weiß nicht, ob es mich geschockt hat oder gefreut. Ich weiß es nicht. Verbrennen wollte ich es. Asche regnen lassen, zusammen mit deiner. Edwin, Ludowig, Katharina, Elisabeth. Elke. Gebt mir mehr als nur einen Buchstaben, sagt einfach Elke, ich werde es schon fühlen, Elke ist da zum Fühlen.

Dreißigtausendundein Fünfmarkscheine. Glatt gestrichen, gepreßt in einer Holzkiste. Von wem? Schaut hinein, ich habe alle wieder an ihren Platz gelegt, den einen obenauf. Katharina? Papa? Hinter der schweren Truhe auf dem Dachboden, total verstaubt. Erst dachte ich, da seien Photos drin oder Briefe, irgendetwas, das mir antworten hätte können. Das Geld tut es nicht. Zuerst wollte ich es zusammen mit deiner Asche vom Kirchturm auf dem Platz regnen lassen, damit sich die Menschen bücken müßten, vor deiner Asche. Blöd. Genauso blöd wie verbrennen und die Asche mit deiner zu vermischen.

Kein Schock, keine Freude, einfach nur blöd. Gefühle sind blöd, wenn sie nur Unendlichkeit kennen, nie irgendwo einen Platz finden. Ewiglich durch einen Raum schwirren, ohne jemals berührt zu werden. Elke und meine Großeltern sitzen auf der erahnten Stelle, ich bin kurz davor, die Urne zu öffnen, Papa. Hier in der Nähe ist möglicherweise die Liebe in ihrer vollen Entfaltung in deinen Armen gelegen, so wie ich die Urne jetzt halte. Liebevoll. Liebevoll, Schmetterlinge im Bauch, drehe ich mich im Kreis. Es ist keine romantische Abendstimmung, kein Sonnenaufgang, der Himmel ist neblig blau, die Sonne zeigt sich ab und an zwischen den weißgrauen Wolken, windig ist es ein wenig, ein warmes Lüftchen. Tschau, Papa.

Elke. Edwin. Ludowig. Katharina. Elisabeth. Wenn ich das nächste Mal hier bin, bin ich Elke, das verspreche ich.

„Du sagtest doch, hier ist nie jemand! Allem Anschein ist dein tolles Plätzchen ein Ausflugsziel.“

„Verstehe ich jetzt nicht. Da war auch sonst nie einer.“

„Du mußt es ja wissen, anscheinend warst du ja schon öfter hier.“

„Monika, was soll das heißen?“

„Na, was schon, von wegen durch Zufall neulich entdeckt, sonst war hier nie einer. Das heißt, du warst öfter hier. Mit wem? Kenne ich die?“

„Hallo“, begrüßte Elke die beiden Teenager. „Schön hier, habt ihr euch auch verlaufen? Das kommt davon, wenn man querfeldein durch den Wald läuft. Wenn ich hierhergefunden habe, werde ich wohl auch zurückfinden, so schwer kann es ja nicht sein. Einfach seinen Gefühlen folgen.“

„Hey, Sie!“, rief der junge Mann ihr nach.

„Alex, die kann dich nicht mehr hören und sowieso, warum sollte sie einen alten Fünfmarkschein verloren haben. Der ist doch kein Zahlungsmittel mehr.“

Ich habe es gehört! Und mein Gefühl sagt mir, seine Herkunft wird euch auf andere Gedanken bringen und übrigens, ich heiße Elke, einfach Elke.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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