Ehe ein Relikt zur gesellschaftlichen Anerkennung?


https://pixabay.com/de/braut-liebe-frau-hochzeit-3085841/

pixabay.com

Beziehungsalltag wider institutioneller Vorschriften

Dürfen wir davon ausgehen, daß eine Heirat nicht mehr ganz als zeitgemäß bezeichnet werden darf, zumal dies die Rückläufigkeit auch hierzulande besonders unterstreicht? Wir kennen bestimmt die Parodie von Wilhelm Busch: „Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich nicht was Bess’res findet“, die auf einen Vers aus Friedrich Schillers Gedicht „Lied von der Glocke“ stammt, in dem es lautet: „Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich das Herz zum Herzen findet!“

Pragmatisch betrachtet, heißt es ja nichts anderes, als sich ruhig die nötige Zeit zu lassen, bevor man den Hafen der Ehe ansteuert. Doch muß man schon die berechtigte Frage stellen, ob das Heiraten nicht viel eher als ein Relikt bezeichnet werden darf. Oder aber dient die Ehe heute noch der gesellschaftlichen Anerkennung?

Der Schutz der Ehe kein Garant für eine glückliche Beziehung

Als äußerst dramatisch gestaltet sich die romantische Vorstellung von einer sogenannten Bilderbuchhochzeit, wenn schon nach wenigen Monaten oder Jahren diese unglücklich geschieden wird. Es gibt eben keinerlei Garantie für eine glückliche Beziehung, sodaß ohne die Ehe ein Zusammenleben zwischen Paaren, auch gleichgeschlechtlichen, stets die völlig normale Herausforderung bedeutet, sich im Alltag zu arrangieren.

Dabei herrschen viele Varianten, um so möglichst friedlich miteinander auszukommen: von der freien Liebe, dem Leben in getrennten Wohnungen oder Schlafzimmern, der Ehe selbst, der wilden Ehe, mit oder ohne Kinder, in Patchworkfamilien. Diese Lebensliebesformen haben allesamt eines gemeinsam: Es sind Versuche, eine Beziehung zu meistern. Ob sie dabei Bestand hat, das spielt eigentlich keine Rolle, weil jeweils das Glück selbst stets hinterfragt wird und ein zwanghaftes Zusammenleben ohnehin zum Scheitern verurteilt ist.

Und dennoch meinen weiterhin viele Heiratswillige, die Ehe eingehen zu müssen. Das hat viel mit Tradition etwas zu tun, mit der Erwartungshaltung der jeweiligen Familien der zukünftigen Eheleute, also spielt die gesellschaftliche Anerkennung sehr wohl eine übergeordnete Rolle. Ein Trauschein für die Liebe? Was in Deutschland die bürgerlich-rechtliche Eheschließung von 1877-2008 als Bedingung knüpfte, um danach erst sich kirchlich vermählen zu dürfen, hat mit der Änderung des Personenstandsgesetzes dazu geführt, daß seit dem 01. Januar 2009 rein kirchliche Eheschließungen ohne Rechtsfolgen erlaubt sind.

Vom Bratkartoffelverhältnis zur wilden Ehe oder eheähnlicher Gemeinschaft

Ein Stück Papier bestimmt folglich eine Ehe. Trotzdem hat das mit der Wirklichkeit des Zusammenlebens rein gar nichts zu tun, denn die Paarbeziehung entwickelt sich im Laufe der Zeit gänzlich ohne rechtliche Zwänge, weil Gefühle sich eben nicht vorherbestimmen lassen. Was schon nach dem Ersten Weltkrieg zunehmend sich aus der Not heraus entwickelte, die „wilden Ehen“, gewann an noch wichtigerer Bedeutung gegen Ende der 1940iger Jahre, also nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem sogenannten „Bratkartoffelverhältnis“, wie es der Volksmund damals bezeichnete. Heimkehrende Soldaten und Witwen lebten zusammen, um den Verlust der Witwenrente auf diese Weise zu umgehen.

Heute hat sich der Begriff der wilden Ehe längst zum Positiven gewendet, wird nicht mehr, wie noch vor wenigen Jahren mit dem Finger auf solche Beziehungen gezeigt. Denken wir nur an den ersten Mann im Staat, schließlich führten Bundespräsident Joachim Gauck und seine Lebenspartnerin Daniela Schadt eine wilde Ehe. Dürfen wir das als ein Zeichen für eine tolerante, von Zwängen befreite Gesellschaft deuten? Vordergründig vorerst schon.

Auch zeigen die statistischen Zahlen sehr deutlich den augenblicklichen Trend: 1976 waren noch 510.318 Ehen geschlossen worden, 2006 dezimierte sich der Wert auf wesentlich geringere 373.681. Somit darf man feststellen, daß eheähnliche Gemeinschaften inzwischen sich in der Gesellschaft längst etabliert haben. Selbst wenn die sexuelle Befreiung, die mit der 1968iger Bewegung ihren Anfang hatte, ihre Fortsetzung zur Emanzipation vieles dahingehend bewegte in der Gesellschaft, und zwar hin zu mehr Toleranz und dem Ablegen bestimmter Vorurteile, muß dennoch beobachtet werden, daß weiterhin mittels Ausgrenzung und Mobbing weite Teile der Bevölkerung meinen, alte „Feindbilder“ hochhalten zu müssen. Alles, was nicht ins Bild einer selbstgefälligen Norm paßt, wird verunglimpft bis hin zu Übergriffen per Gewalt, denken wird dabei an Homosexuelle, Transsexuelle, Behinderte und an Migranten.

Kann man mit all dem Wissen von der Ehe, der Verunsicherung dennoch heiraten, obwohl bekanntlich hierzulande die Scheidungsrate im letzten Jahr bei knapp 38 Prozent lag? Das obliegt den Paaren selbst. Ob mit oder ohne Trauschein, letztlich zählt die Liebe, die wiederum den Alltag und somit auch über die Fortsetzung oder das Ende einer Beziehung bestimmt. Einzig und allein sie hat das letzte Wort.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gesellschaft

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.