Silvio scheitert an Gipsy


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Stimmen im Hintergrund, eher flüsternd, nahezu ziellos miteinander tuschelten, während ich langsam zu mir kam aus einer schier endlos langen Nacht voller Unruhe. Ein heftiger Schlag gegen die Wand erschütterte sämtliche Gegenstände wie Tassen, Gläser, selbst das Besteck in der Schublande klapperte, eine Billiardkugel fiel auf den Parkettboden, rollte holpernd, ein wenig knirschend gen Glasvitrine. Ich erinnerte mich, daß Gipsy, so heißt mein Mitbewohner, ein graugetigerter stattlicher Kater, gestern abend noch seine fünf Minuten ausgelebt hatte, dabei die offene Cornflakes-Tüte umstieß, diese über den Boden verstreut ich hatte liegen lassen. Mein eigener Kater von der langen Feier ließ mich lieber ins Bett fallen.

Plötzlich ein lauter, verzweifelter Schrei, ich bemerkte endlich, wie die Gegenwart mich einholte vom Grübeln gestriger Ereignisse, hatte allerdings keine Gelegenheit mehr, mich aufzurichten. Zwei überaus starke Hände drückten mich nach unten auf die Matratze, zwei Federkerne ließen keine Zweifel daran, daß ich diese längst hätte mal erneuern müssen, deren Spitzen bohrten sich unterhalb der Nierengegend in meinen Rücken. Mit einem heftigen Ruck bei gleichzeitiger Drehbewegung Richtung Bettkante nutzte ich die Schrecksekunde, um im nächsten Moment meinem Angreifer mein linkes Knie in dessen Bauch zu rammen, sprang auf und rannte ins Wohnzimmer, ergriff den nächstbesten Stuhl. Kaum geschehen, stürzte der Hüne sich auf mich, aber der Stuhl hielt ihn fern, zerlegte sich in seine Einzelteile. Mit kurzem Aufstöhnen sackte er zu Boden und blieb die Augen verdrehend liegen.

Inzwischen wurde mir klar, welche Stimmen mich geweckt hatten. Im Hausflur hatten die Nachbarn das Eindringen jenes Mittvierzigers bemerkt, sich beraten, was zu tun sei, dennoch niemand es wagte, ihm zu folgen, wenigstens die Polizei angerufen hatten, die dann nach meiner erfolgreichen Gegenwehr auch eintrafen. Das übliche Prozedere ließ mich zunächst nicht zur Ruhe kommen. Fragen beantworten, der Angreifer wurde per Bahre abtransportiert, zwei Nachbarinnen meldeten sich als Zeugen, um bei der Gelegenheit neugierig meine Wohnung näher zu betrachten. Typisch, stets freundlichst grinsend bei Begegnungen im Hausflur, die Brünette aus der Parterre hatte mich mehrfach erfolglos angebaggert, Frau Reuter ein Stockwerk über mir war zwar geschickter, konnte aber gleichwohl nicht bei mir landen.

Nachdem der nächtliche Spuk vorbei war, suchte ich erst mal Gipsy, den ich schließlich kauernd unter der Vitrine fand. Sein Schnurren beruhigte uns beide, wobei er zugleich zum Freßnapf schlich, mich auffordernd anschaute, ich diesen natürlich gern füllte, das Trinkwasser erneuerte. Die Kirchturmuhr schlug zur vollen Stunde, es war fünfe, meine Müdigkeit verflogen, hellwach setzte ich Kaffee auf, als das Telephon klingelte. Quatsch, Klingeln war gestern, ACDCs Hells Bells rockte durch die große Küche.

„Hi, mein Bester“, begrüßte mich Manne, „was machst du denn für Sachen? Der Ronny hat mich angerufen, du seist überfallen worden?“

„Jou, ich konnte den langen Lulatsch aber abwehren, weiß der Teufel, was der von mir wollte“, erwiderte ich ein wenig genervt. Im nächsten Moment wußte ich urplötzlich warum.

„Sag mal, Manne, du kannst was für mich recherchieren“, bat ich ihn, „mit deinen Kontakten zur Polizei sollte das möglich sein. Der Hüne erinnert mich an vergangene Zeiten. Erinnerst du dich noch an Silvio Presco? Den Italiener, der eigentlich aus Bulgarien stammt?“

„Aber klar doch, logo! Dat war doch der Mafiosi, den sie letztes Jahr endlich festnahmen!“

„Genau den meine ich.“

„Kein Thema, mach ich gern, das sollte schnell erledigt sein. Das volle Programm, also alles über dessen Kontakte etc.?“, fragte Manne. Ich bejahte und drückte das Gespräch ab.

Silvio Presco hatte ich sieben Jahre lang immer wieder beobachtet, schließlich gehört das zum Geschäft eines Privatdetektivs, Mannes Kontakte als Chefredakteur war in jener Zeit des öfteren äußerst hilfreich, weil er auch seine Beziehungen zum Polizeipräsidium nutzen konnte, dort sah man mich eher ungern als vermeintliche Konkurrenz. Muß man nicht verstehen, weil ich dieselben Interessen verfolge, solchen Verbrechern das Handwerk zu legen. Drei Tage später erhielt ich die nötigen, erwünschten Infos. Meine Ahnung bestätigte sich, Silvio hatte aus dem Knast heraus diesen Hünen beauftragt, mich umzubringen. Gipsys fünf Minuten und die umgefallene Cornflakes-Tüte hatte mich mit aufwecken lassen und im letzten Moment bei rechtzeitiger Gegenwehr mein Leben gerettet.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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