Nach Chemnitz-Krawallen: Bestürzung grenzt nahezu an Heuchelei


Wer hat hier die politischen Hausaufgaben nicht gemacht?

Man hat leicht reden, hinterher, vor allem wer nicht zugegen war im Hexenkessel sich ausbreitender Gewalt, Frau übrigens auch, wie alsbald die Bundeskanzlerin anmahnend betont, solche Vorfälle wie in Chemnitz hätten keinen Platz auf unseren Straßen. Doch genau dies geschah, erst recht nach einer chaotischen Spontandemo am darauffolgenden Montag, wo spätestens die Polizei als Ordnungsmacht mit genügender Anzahl hätte für Präsenz sorgen müssen.

Dies blieb aber aus, es handelte sich schließlich nicht um einen G20-Gipfel mit vorprogrammiert vermuteten Krawallen seitens Linksautonomer, sondern um die Hochburg von Neonazis im Freistaat Sachsen, wo ohnehin die Uhren anders ticken. „Treudoof teutsch“ und einfach ignorierend, wenn Arme in gewissen Posen den Adi nachäffen, weil es jene rechtsextreme Nostalgie nicht geben kann. Aha, wegschauen ist aber keine Lösung, genauso wie anschließende Lippenbekenntnisse nichts nützen. Handfeste Taten und die direkte Umsetzung unseres so vollmundig gepriesenen Rechtsstaates sollten folgen.

Insofern grenzt jene verkündete Bestürzung nahezu an Heuchelei. Denn im Vorfeld gab es abertausende Anlässe, die eine derartige Entwicklung erst möglich machten. Vor allem jenes Dulden rechtsradikaler Parteien, die freundlichst, wenn überhaupt, vom Verfassungsschutz beäugt werden, ohne irgendwelche echten Konsequenzen. Die greifen stets beim geringsten Verdacht oder gar bei lächerlichsten Vermutungen, wenn es um „linkes Gedankengut“ geht.

Immer dann, wenn Mensch asoziale Politik zu Recht anprangert, Mißstände hinterfragt, steckt man jene Klientel in die „linke Ecke“, weil das simpel und bequem erscheint, während rechtsradikale Haßbotschaften bishin zu dem daraus entstandenden Terror man gewähren läßt, jüngstes Negativbeispiel: die unaufgeklärten Verbrechen des NSU. Dazu schweigt Politik besser, werden Akten jahrzehntelang einfach mal geschlossen.

Verlogene Mitgefühle lassen sich trotzdem leicht durchschauen, wenn keine wirklichen Taten folgen, die einfach ausbleiben. Vollmundige Reden nützen niemand, vor allem nicht ausländischen Mitbürgern sowie allen anderen, die tatsächlich selbst Deutsche sind, halt nur nicht dem Bild des „deutschen Recken, der deutschen Eva“ entsprechen. Schließlich sind in ganz Europa, erst recht in Deutschland über Jahrtausende etliche Volksgruppen gezogen, kriegerisch, plündernd, fliehend. Es gibt de facto nicht den Arier, den Germanen, den jene Neue Rechte sich erwünscht, sondern dies entspricht einem willkürlichen Ammenmärchen ohne Hand und Fuß! Jede wissenschaftliche Genstudie widerlegt deren Hirngespinste.

Aber die verantwortliche Bundespolitik muß sehr gezielt handeln, will sie jenen rechten Mob langfristig stoppen. Der hat längst seine Ventile gefunden mittels Haß auf Flüchtlinge, Ausländer und Frau Merkel. Dazu lenken ihn dessen geistigen Brandstifter wie eine Pegida, eine AfD und die gesamte Neue Rechte hierzulande und im europäischen Ausland bis hin zu diesem Donald Trump, der seinen Nationalismus unverblümt auslebt.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Meinung

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