Pias Versuche, ihrem Leben einen Sinn zu geben – Teil 2


https://pixabay.com/de/itaparica-brazilien-insel-frau-1829727/

pixabay.com

Freund weg, Studiumwechsel durchaus möglich

Sting mit seiner genialen Stimme verleiht halt immer wieder das gewisse Etwas, sich dabei rundum wohl zu fühlen. Kein Wunder, daß Pia und Babette tänzelnd die Straße entlang schlendern, dabei im Takt zum Song den Kopf pendeln lassen, mit ihren Armen rudern. In einer Stadt wie Berlin mag das noch angehen, hier verwundern jedwede Exoten niemand mehr, ganz im Gegenteil, in der Hauptstadtmetropole treffen völlig unterschiedliche Welten aufeinander, ganz ähnlich wie in London, Paris oder Wien.

„Ach, meine Liebe, wir sind bereits angekommen, hier wohne ich seit geraumer Zeit“, betont Babette und weist auf ein sehr gut erhaltenes, mühevoll saniertes Jugendstilhaus, dessen Fassade in taubenblauer Farbe gestrichen, die Fenstersimse und Türrahmen in strahlendes Weiß gehalten, um sie dezent zu betonen.

„Wow, welch tolle Architektur, ich liebe Jugendstil, Omi“, erwidert Pia und folgt ihr. Das Treppenhaus mit seinem schwungvollen Eschenholzgeländer wirkt sehr einladend, die vesetzten, großzügigen Flurfenster lassen viel Licht eindringen, jede Wohnungstür ist extra individuell gestaltet, mit verspielten Messingbeschlägen.

‚Das schaut nach feudalem Lebensstil aus‘, denkt sich Pia, wundert sich allerdings nicht weiter darüber, sie weiß nur zu gut, daß Opa, der vor zwei Jahren urplötzlich eines morgens nicht mehr wach wurde, selig verstorben war, ihr eine sehr großzügige Witwenrente überließ. Und jetzt genießt ihre Omi das Leben trotzdem oder erst recht in vollen Zügen, spricht wohl nichts dagegen.

„Nun, laß mal hören, was macht dein Studium, das wolltest du doch im letzten Herbst beginnen, oder? Und wie heißt dein Freund nochmal? Robert oder so?“, fragt Babette ihre Enkeltochter ziemlich aufgeregt, schließlich hatten die beiden sich vor einem guten halben Jahr zuletzt gesehen, währenddessen nicht mehr miteinander telephoniert, irgendwie ergab sich dies nicht mehr, waren sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

„Aber Omi, den Robert hab ich doch vor acht Wochen vor die Türe gesetzt“, erwidert Pia ein wenig genervt, „der ging mir einfach zu dolle auf den Keks, dieses ständige an mir Kleben und vor allem die übertriebene Eifersucht, das wurde mir alles zuviel. Was das Studium anbelangt, bin ich just dabei, es eventuell zu schmeißen, bin mir nicht mehr sicher, ob ich es noch weitermache. Bevor du nachfragst: Hat nichts mit Resignation zu tun, aber Germanistik ist wohl doch nicht mein Ding!“

Babette tröstet sie, streicht ihr über die Haare, nachdem beide im Wohnzimmer zusammensitzen, einen Kaffee sich genehmigen. Dabei kommt ein wenig verschlafen Kater Florian um die Ecke geschlichen, schaut neugierig zu Pia, zögert einen Moment, um dann gezielt auf ihren Schoß zu springen, sich kurz zu räkeln und schnurrend zusammenzurollen. Mit breitem Grinsen streichelt ihn Pia und schaut ins Leere.

Reisen können Knoten lösen

Im Leeren doch so viele Dinge im Verborgenen liegen, jener Blick nichts anderes bedeutet, als genau diese zu ergründen, wobei keineswegs ein gezieltes Handeln dahintersteckt, vielmehr im Unterbewußten sich einiges abspielt. Babette ahnt längst, was ihre Enkelin beschäftigt, hält sich vorerst zurück.

Pia erinnert sich an die letzten zwei Jahre, läßt diesen Zeitraum kurz Revue passieren. ‚Was waren dabei nur für Momente voller Entbehrungen, gar nicht mal materieller Art, sondern ganz besonders jenes wage nicht Wahrhaben wollen zwischen Studium und Beziehungsproblemen. Per Ignoranz war es eben nicht getan, ganz im Gegenteil, je länger ich mich mit Händen und Füßen dagegen sträubte, Lösungen zu finden, desto mehr versank ich in eine Flut voller Widrigkeiten, verlor mich teilweise‘, grübelt sie, um im nächsten Augenblick aufzuspringen.

„Ach, Omi, nimm es mir nicht übel, ich denke, es ist besser, ich gehe“, bemerkt Pia mit fester Stimme, „du selbst hast mich auf eine Idee gebracht, bist der Stein des Anstoßes sozusagen!“ Babette schaut sie entgeistert aber lächelnd an.

„Na, wenn das so ist, ein schöneres Kompliment kannst du mir kaum geben, meine Liebe. Ich hoffe, es hilft dir weiter, dich zu finden“, erwidert sie und umarmt ihre Enkeltochter kurz. Abschließend verabschieden sich beide, und Pia verläßt das Jugendstilhaus. Unterwegs ist sie ziemlich in Gedanken vertieft, um eben die neuen Perspektiven sich auszumalen, vor allem wissend, was da alles auf sie zukommen möge.

Gleichzeitig wird ihr so richtig bewußt, daß sie ohne weiteres an ihr Studium anknüpfen kann, insofern dies nicht umsonst bisherig absolviert hat. Loslassen, das ist das Zauberwort der jetzigen Befreiung von bestimmten Zwängen, die sie einfach hinter sich lassen wird. Um so einfacher, eben weil keinerlei Verpflichtung sie anmahnt. Und was kann es schöneres geben, als lässig und unbedarft zu reisen.

Unterwegs würden ihr jede Menge Inspirationen begegnen, neue Eindrücke, Menschen, Kulturen und dafür sorgen, Vergangenes ruhen zu lassen. Mit Therapie hat dies nichts zu tun, aber mit erholsamen Abstand und der Aussicht auf eine Veränderung im Leben selbst allemal. Dessen ist sie sich sicher. Niemand anders als ihre Omi Babette hatte dies selber jahrelang durchlebt, in vielen Ländern dieser Erde Kontakte geknüpft, sich ausgetauscht, schöpft bis heute davon, wie ihr gerade eben noch bewußt geworden.

Als sie die Haustür ihrer kleinen Wohnung aufschließt, weiß sie bereits die nächsten Schritte, die sie einleiten wird, greift zielsicher zum Telephonhörer und bespricht sich mit ihrer besten Freundin Nicole. Lachend folgt eine vertiefte Auseinandersetzung, wohin die Reise zu Beginn gehen möge, während ihr Schutzengel sich entspannt zurücklehnt, mit einem breiten Grinsen nur zu genau weiß, daß jede Menge Arbeit schon bald auf ihn warten wird.

Lotar Martin Kamm

Das Märchen vom Gasbar ohne Furcht und Tadel – Teil 1

Erschienen im Buch „Hrabans geheimnisvolle Reise zum Kontinent des Lächelns“ (BoD)

Kategorie: Kurzgeschichten

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Kurzgeschichten abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.