Pias Versuche, ihrem Leben einen Sinn zu geben –Teil 1


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Im Dschungel des Asphalts

Saufreundliche Gesten begleiten deinen Gang, die ohnehin nur zu deutlich aufzeigen, welch Hintergedanken sich in manchen Augenpaaren abspielen, während du völlig entspannt die Straße entlangschlenderst, sie mit keinem Blick würdigst, viel eher erhobenen Hauptes dein Handy aus der großen, knallroten Handtasche ziehst, um das Gespräch entgegenzunehmen.

In diesem Augenblick bröckelt deine schnippische Haltung in sich zusammmen, weil du den Hundekothaufen übersiehst, mit dem rechten Schuh hineinstackst, ein wenig zu lang beim nächsten Schritt entlangschlitterst, dabei dein Gleichgewicht verlierst und ziemlich tollpatschig auf den Allerwertesten landest. Schallendes Gelächter bietet eine entsprechende Beifallskulisse, die dir so gar nicht schmeckt.

Ratlos schaust du dich um, suchst dein Handy, welches im selben Moment erneut sich in den Klängen von „Let it be“ mit dem unverwechselbaren Beatles-Song meldet. Aber ergreifen kannst du es dennoch nicht, weil ein neunjähriger Lausebengel beherzt zugreift, zugleich von dannen läuft. Deine entrüsteten Hilferufe bleiben vollkommen ungehört, da der vorbeirauschende Berufsverkehr solch vergleichsweise leisere Töne einfach akustisch gierig schluckt.

Aber allein schon jener Autolärm läßt dir keine Gelegenheit, in Ruhe dich zu besinnen, was du als nächstes zu tun gedenkst. Nutzen wir den Moment der Verunsicherung und stellen dich ein wenig vor: Pia, eine gerade mal achtzehnjährige junge Frau, das ach so wichtige Abi in der Tasche, nach langem Einkaufstrip auf dem Weg nach hause. Wobei sie nichts finden kann trotz ausgiebiger Suche. Vielleicht sind ihre Erwartungen einfach zu hoch, oder aber die meisten Geschäfte entsprechen nicht ihrem Geschmack. Einerlei.

Pia zieht es vor, zunächst allein zu leben nach zwei gescheiterten Beziehungen. Was bedeuten solche problematisch zwischenmenschliche Auseinandersetzungen, fragt sie sich in letzter Zeit des öfteren. Meistens Ärger, Querelen, die sie eher ablenken. Jetzt mag der ein oder andere Leser sich fragen, wer denn hier von ihr spricht. Nennen wir es, daß ein Schutzengel sie begleitet, jemand, der sie auf Schritt und Tritt beobachtet. Niemand kann ihn sehen, aber seine Präsenz verleiht ihm im wahrsten Sinn des Wortes Flügel, um ihr überall nahe zu sein, durchdringt selbst Türen oder dickste Mauern. Was geistig inmateriell sich dennoch formiert, kennt keine Grenzen physischer Natur. Verlorene Seelen tummeln sich manchmal nicht weit entfernt lauernd, um selbst ihn ab und an zu nerven.

Was aber es mit seiner Gegenwart auf sich hat, wollen wir baldigst klären. Nichts geschieht zufällig, auch wenn ein übersehener Hundekothaufen Pia ausrutschen läßt. Im selben Moment der ratlosen Verunsicherung, ihres Innehaltens, hält wenige Meter entfernt ein Taxi, die Beifahrertür öffnet sich.

Lara Croft meets Babette

Mit allem hat Pia gerechnet, nur nicht mit ihrer Oma Babette, die grinsend dem Taxifahrer einen blauen Schein in die Hand drückt, noch in ihrer tiefen, eher rauhen Stimme ihm sagt, daß es so passe. Mit beherztem, leicht schaukelnden Schritt begibt sie sich direkt zu ihrer Enkeltochter, ergreift deren ausgestreckten Hände und zieht sie mit einem Ruck nach oben.

Die Achtzehnjährige fällt ihr erleichtert freudig um den Hals, gibt Babette einen Kuß auf die rechte Wange.

„Ach, Omi, wo kommst du denn auf einmal her, mit dir hätte ich nun gar nicht gerechnet?“, fragt Pia ohne jedweden Vorwurf in der Stimme, streicht sich ihren gelben, ziemlich kurzen Rock zurecht.

„Freut mich, dich zu sehen, ich war gerade auf dem Weg zu dir, als ich dich hier habe auf dem Bürgersteig sitzen sehen. Purer Zufall, denke ich. Mich machten die neugierigen Blicke, vor allem der Herren hier im Straßencafé stutzig. Irgendwie ahnte ich wohl, daß du der Anlaß sein würdest, womit ich wohl richtig lag“, erwidert Babette und fordert sie per Kopfnicken auf, ihr doch einfach zu folgen.

Vielleicht sollte ich dem Leser kurz verraten, was Pia für Qualitäten haben könnte, die eine dermaßen hohe Aufmerksamkeit nach sich ziehen würde. Zunächst sei an dieser Stelle betont, daß große Frauen generell stets sofort auffallen, wenigstens wenn sie über 1,80 m groß sind. Pia überragt viele junge Männer mit ihren 1,88 m.

Obendrein entspricht sie dem typischen Klischee vom begehrten Frauenbild etlicher Männerherzen: lange Beine, Puppengesicht und blond. Bei ihr jedoch kommt noch hinzu: ihre dunklenbrauen, mandelförmigen Augen und ein Selbstbewußtsein, welches eher an eine Lara Croft erinnert.

Lara Crofts…äh…Pias unerschütterlich autoritäre Ausstrahlung dabei verleitet halt einen gewißen Reiz in der gaffenden, erstaunten Männerwelt. Dabei entspricht gar Pia dem Attribut von knallharter Stärke, sie beherrscht gleich drei Kampfsportarten: Judo, Taekwondo und Kung Fu. Bisher legte sie gern dreiste Machos oder billig plumpe Annährungsversuche locker auf die Matte, die Herren der Schlöpfung hatten stets das Nachsehen.

Und Oma Babette? Von ihr hat sie die blonden, festen Haare, die hohe Stirn und die Augen. Die Körpergröße gab ihr Opa Marcel weiter, ein 2,11 m Hüne. Soviel zu ihren Großeltern, ihre Eltern waren vor zwei Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, was Pia beinahe aus der Bahn geworfen hätte, aber dank ihrem guten Verhältnis zu den Großeltern sie sich wieder fing.

Nun gehen die beiden Generationen nebeneinander her, eine ziemlich große, blonde junge Frau und eine zierlich kleine, immer noch wunderschöne Babette. Manch Passant schaut ihnen erstaunt nach, vielleicht auch weil sie sich Händchen halten, dabei gemeinsam ein Lied von The Police singen, nämlich Roxanne: „Roxanne, you don’t have to wear that dress tonight, walk the streets for money, you don’t care if it’s wrong or if it’s right…“

Fortsetzung folgt.

Lotar Martin Kamm

Erschienen im Buch „Hrabans geheimnisvolle Reise zum Kontinent des Lächelns“ (BoD)

Kategorie: Kurzgeschichten

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