Pfundig schaust aus


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Dunst von Abgasen vermischte sich mit den Düften und Gerüchen, die sich aus den Ladenlokalen und nicht zu vergessen aus den Schlaf- und Wohnräumen der Bewohner des Viertels auf die Straße und den Platz ausbreiteten. Es hatte bis in die Morgenstunden geregnet, Nieselregen, der es nicht schaffte, die Hitze der letzten Tage zu vertreiben. Von Abkühlung kann keine Rede sein. Habe ich auch nicht gemeint. Frisch ist es, das habe ich gedacht. Frisch. Frische Luft. Frische Luft angereichert mit Diesel, Teer, undefinierbaren künstlichen Duftstoffen, gebackenen Brot, angewärmten Plastikschuhen, abgestandenem Bier und von Kloakengasen. Frische Luft. Nimm dich zusammen, red´ nicht schon wieder alles schlecht.

Ella liebte diesen morgendlichen Zoff mit ihren Gedanken. Diese Gespräche, die nicht unbedingt leise vonstatten gingen, sondern ohne weiteres in handfesten Streitgesprächen enden konnten. Kaum richtig wach, überließ sie sich ihnen. Heute Zähneputzen ausfallen lassen. Du kannst es nicht sein lassen, dich vor Unangenehmen zu drücken. Ich drücke heute lieber ein Auge für mich zu als eine Zahnpastatube. Der Kaffee ist zu stark geworden. Wenn man es auch so eilig hat, sich kurz nach dem Aufstehen sofort wieder an einem Stuhl festzusetzen. Bist du gut gelaunt heute! Hatte Anne nicht gestern Geburtstag? Mist. Vergessen. Der Bornholm ist und bleibt ein geschniegelter Affe. Vielleicht stimmt es ja doch, daß er gekündigt hat und nur noch bis Monatsende seine idiotischen Anmachsprüche durch Büro wirbeln läßt. Man ist der lustig, dieser Bornholm. Ich wird heute nochmal in den Laden gehen und das blaue Kleid anprobieren. Mach dich nicht lächerlich. Du hast noch nie blau getragen. Dann wird’s Zeit. Rudolpho, deine schielenden Blicke verhindern nicht, daß ich jetzt zur Arbeit muß. Sonst kann ich kein Freßchen mehr für dich kaufen.

Pisse oder Wasser? Egal, nicht reintreten. Großer Schritt und schon vorbei. Es stinkt, Pisse. Schade, hätte auf Wasser gewettet. Ach, schau an, sehen meine Äuglein nicht dunkle Wolken am Himmel aufziehen? Wenn die frische Brise ein bißchen mehr Wind abbekommt, besteht die Hoffnung auf Wasser marsch! Und zwar noch diesen Vormittag.

Felix war es leid. Dieses „es“ war inzwischen zu vielen „es“ angewachsen, nein, nicht angewachsen, verknäult. Schon die kleinsten Gedankenfetzen zu einem Thema konnten ihn völlig aus der Puste bringen, Schweißausbrüche erzeugen, wie wenn er einen Berggipfel mit Tempo hochgerannt wäre. Seinen Job als Buchhalter empfand er nur noch als ätzend. Auch körperlich schien er sich aufzulösen, nicht mehr lange und sein Kopf würde alle seine Gedanken wegpusten. Inzwischen blieb ihm nur noch Sarkasmus, den er mit einer großen Portion Ignoranz allen und allem gegenüber anhäuft. Erstaunlicherweise konnte er mit diesen beiden Resten seine verfahrene Situation erst richtig erkennen, nicht als Spiegelbild, eher wie durch ein milchiges Fenster.

Dieses Wochenende ist er in seine neue Wohnung gezogen, Ortswechsel war angesagt, noch zwei Wochen und er kann seiner jetzigen Arbeitsstelle Adieu sagen, dann Urlaub, danach wieder Schule, erstmal Abi nachholen und dann, das wollte er offen lassen. Offen wie sein Mund gerade gefühlte Minuten blieb, als er Ella Sduny auf der gegenüberliegenden Seite am Zebrastreifen stehen sah.

„Die hier? Sag bloß, die wohnt in diesem Viertel!“

Nicht mal zu Ende konnte er denken, ob sie sich vielleicht nur zufällig hier aufhält, da hat sie ihn schon bemerkt und erst leicht mit dem Kopf genickt, gefolgt von einem grinsenden Gesicht und dem angewinkelten rechten Arm zum Gruß.

Der hier, schoß es ihr durch den Kopf, wie kommt der denn hier her? Wie wohl, zu Fuß! Dachte, er wohnt im entgegengesetzten Teil der Stadt? Hat wohl bei einer seiner Flammen übernachtet. Sie muß blind sein, wenn sie sich mit so einem abgibt. Bornholm erwischt beim One-Night-Stand. Felix, der Glückliche, hat eine abgekriegt. Wunder über Wunder!

„Guten Morgen, Herr Bornholm!“, begrüßte sie ihn fröhlich, eher höflich, aber der merkte den Unterschied sowieso nicht, als sie neben ihm an die Bushaltestelle stand.

Die frische Brise war inzwischen zu einer heftiger Brise angewachsen, erste kleine Papier-, Plastikstückchen wirbelten die Straße entlang. Ella Sduny und Felix Bornholm konnten sich nicht ins Wartehäuschen stellen, um diese Uhrzeit drängten sich Menschen zuhauf in dem Bushäuschen und an der Straße, um pünktlich zur Arbeit zu kommen. Während sie sich in Smalltalk übten, um nicht blöde nebeneinander durch die Gegend zu gucken, mußten sie ihre Stimmen nicht nur an den Straßenlärm anpassen, sondern auch an den plötzlich heftiger werdenden Wind, der die ersten Regentropfen über die Stadt herabwarf.

Hat er, pfundig schaust aus, gesagt? Was bildet der sich ein! Sag ja, Lackaffe!

Das Fräulein Ella, immer ein bißchen kratzbürstig und meistens ein bißchen geistesabwesend, ob die in dieser Gegend wohnt?

„Wie bitte?“, lautete ihre Antwort, nicht zu überhören mit einem schnippischen Unterton.

„Wuchtig schauts aus!“ Felix sah diesmal Richtung Himmel, und als Ella seinem Blick folgte, wurden über ihr Tausende von Eimern Wasser ausgeschüttet.

Für Sekunden schien alles starr vor Schreck, fest geklebte Zeit. Nichts schien sich zu bewegen.

„Lustig schaust aus!“ Felix starrte sie durch Wasserfontänen hindurch an.

Ella wollte sich gerade umdrehen und nach Hause laufen, als ein Lastwagen in eine vom Regen gefüllte Pfütze fuhr und ein Schwall von dreckiger Brühe über beide ergoß.

Zwei begossene Pudel am Straßenrand, die sich nicht leiden können, strahlten sich in diesem Moment an.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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