Glauben: Suche zwischen Religion, Esoterik und Befreiung von Dogmen


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Der Sinn hinter allem?

Im Indogermanischen steht Glauben für leubh, was soviel wie „gutheißen, loben, begehren, lieb haben“ oder „für lieb erklären“ bedeuten soll. Wenn wir uns aber mit dem landläufigen deutschem Wort Glauben beschäftigen im Sinne einer Überzeugung in Anlehnung an eine Religionsgemeinschaft, trifft die griechische Übersetzung von pistis für „Treue oder Vertrauen“ wohl am ehesten zu.

Solange wie der Homo sapiens auf Erden wandelt, dürfte auch die Sehnsucht und somit der Glauben nach etwas „Höherem“ sein, was den Menschen schützen solle im alltäglichen Überlebenskampf. Die Entwicklung der verschiedenen großen Weltreligionen sowie andere Naturreligionen werden hier mal nicht näher betrachtet. Viel eher sollte die eigentliche Suche kritisch hinterfragt werden. Was veranlaßt uns Menschen, stets einen Sinn hinter allem zu vermuten?

Vom Ursprung westlicher Esoterik bis hin zu ihrer Instrumentalisierung

Pythagoras war es, der an die Unsterblichkeit der Seele und die Vorstellung einer Seelenwanderung glaubte, was ebenso unterschiedliche Mysterienkulte, aber auch die Orphiker taten. Doch als Mathematiker erkannte er die Erhebung der Zahlen als das Urprinzip allen Seins, wobei selbst durch den Vergleich der Planetenbewegungen und den gefundenen Zahlenverhältnissen der musikalischen Intervalle der Ursprung zur Sphärenmusik seitens der Pythagoreer begründet wurde.

Der Musikjournalist Joachim-Ernst Berendt hat das eindrucksvoll in seinem Werk „Nada Brahma“ bestätigt. Ob etwas später Platon, die Essener oder am Ende der Antike der römische Philosoph Plotin, für den das Endziel der Seele das „Eine“ (Göttliche) sei, den Urgrund aller Dinge in uns selbst zu finden, – die Reinkarnation wurde keineswegs von ihnen angezweifelt.

Natürlich gab es im weiteren Verlauf jede Menge Berührungsängste bis hin zu Verfolgungen seitens der großen Religionen mit ihren „Abtrünnigen“, den Esoterikern, besonders dann, wenn ihre „Geheimlehren“ trotzdem bekannt wurden. Es durfte nicht sein, was nicht geschehen sollte: das Anzweifeln der dogmatischen Grundsätze. Und dennoch trotzten Esoteriker letztlich erfolgreich, konnten ihre Lehren weiterverbreiten, weil eben die Religionen mit Angst, Macht und purer Gewalt die Menschen zum rechten Glauben zwingen wollten. Daher entstanden u.a. die Rosenkreuzer, aber auch die geheime Bruderschaft der Freimaurer. Obwohl Emmanuel Swedenborg die Überzeugung vertrat, unser Unbewußtsein lebe in einer jenseitigen geistigen Welt, was wiederum Immanuel Kant mit seiner Streitschrift Träume eines Geistersehers ins Lächerliche zog, ließen sich Novalis, Johann Wolfgang von Goethe oder ein Justinus Kerner nicht davon beeindrucken, floß ihre esoterische Haltung in den Texten mit ein.

Doch was ist aus den teilweise tollen Erkenntnissen der Esoterik bis heute entstanden? Wer bedient sich dieser interessanten Strömung? Während der Journalist Rainer Fromm bemerkt, daß Karma, Irrationalismus, Rassismus, Gurus und dogmatische Heilslehren zentrale Bestandteile des esoterischen Glaubens seien, ihn anfällig für autoritäre und rechtsextremistische Ideologien machen würden, offener Neonazismus, Ariosophie und antisemitische Verschwörungsliteratur nur eine Minderheit der esoterischen Bewegung abdecke, widerspricht ihm kurzerhand der Strafrechtler Alexander Niggli in seiner Expertise, Esoterik sei grundsätzlich nicht mit Rassendiskriminierung verknüpft. Nun, wer sich einmal die Mühe macht und über einen längeren Zeitraum die Esoterikszene beobachtet, der kommt wohl eher zu dem Ergebnis des Herrn Fromm.

Ein Leben ohne Glauben möglich?

Für Atheisten und Agnostiker stellt sich diese Frage keineswegs, sie leben gänzlich, ohne einen Gott, Schöpfer oder gottgleiche Wesen mit einzubeziehen. Aber dennoch gibt es eine grundlegende Differenzierung: Der Atheist negiert einen Gott, für ihn existiert er nicht. Hingegen der Agnostiker lediglich bekennt, von einer Existenz Gottes nichts zu wissen, der somit nicht grundsätzlich bestreitet, daß es gleichzeitig transzendente Wesen oder Prinzipien geben könnte.

Hier in Deutschland sind die meisten Menschen von den beiden christlichen Kirchen geprägt neben den Gläubigen anderer Weltreligionen. Und doch wächst die Zahl derer, die nicht nur der Kirche den Rücken kehren und austreten, in dem immer mehr an Gott oder dem Schöpfer zweifeln. Die Gründe sind vielschichtig: Politikverdrossenheit, sozialer Abbau, Zukunftsängste spielen eine große Rolle. Die Kirche nimmt die Menschen nicht mehr an die Hand (hat sie das überhaupt jemals getan in der Vergangenheit?), der Glauben wird angezweifelt, was wiederum mit dazu führt, daß sich dem Okkulten, der Esoterik zugewandt wird.

Das sollte uns nicht weiter Sorgen bereiten. Wirklich tragisch dabei wird es erst, wenn die Menschen keinen Halt mehr finden in einer gottlosen Zeit der Kälte, der Habgier und der Gewaltzunahme. Religion dann doch eine Form, um die „Schäfchen“ im sicheren Hafen auf den rechten Weg zu führen? Weder noch. Erst wenn der Mensch sich von seinen Ketten und dem Joch der Unterdrückungsformen wirklich befreit hat, spielt es gar keine Rolle, an was er glaubt. Hauptsache er toleriert seinen Nächsten.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gesellschaft

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Eine Antwort zu Glauben: Suche zwischen Religion, Esoterik und Befreiung von Dogmen

  1. Miru schreibt:

    HA! Ich hab’s „gewusst“ (na gut, geahnt), dass „glauben“ mit „(ge)loben“ verwandt sein muss. Und wenn ich hier dann auch noch lese, dass „lieben“ mit dazu gehört, ist es wahrscheinlich, dass es von „loben“ zu engl. (angelisch) „love“ kam …
    Zum weiteren Inhalt: Ich stimme weitgehend zu, v.a. dem Schluss. 🙂
    Allerdings wird im Artikel ein Pseudo-Gegensatz aufgebaut (die Stelle mit Fromm und Niggli). Also zumindest anhand dieser Sätze selbst kann man erkennen, dass auch Fromm nicht unbedingt von einer grundsätzlichen Verknüpfung von Esoterik und Rassendiskriminierung ausgeht, wenn man die Annahme zugrunde legt, dass hier bei dem ihm zugewiesenen Attributionsgebrauch des Begriffs „Rassismus“ auch anderes als bloß diskriminierendes Verhalten aufgrund ethnischer Herkunft gemeint ist (also dass hier eine „moderner“ – m.E. undifferenzierter und ggf. ideologisch-strategischer – Rassismusbegriff vorliegt), sodass letzteres, was ja eigentlicher Rassismus ist, nicht unbedingt Teil des von ihm Beobachteten gewesen sein muss. So gesehen also würde ich dann sowohl Fromm als auch Niggli zustimmen.

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