Neubeginn nach Lebensende


https://pixabay.com/de/jenseits-tod-leben-nach-dem-tod-602060/

pixabay.com

„Die Nächsten bitte!“, forderte Petrus mit Nachdruck, während die verhaltenen Gespräche auf einmal kurz verstummten. Immer in Dreiergruppen hatten die Neulinge anzutreten beim Schöpfer, damit dieser ihnen erläuterte, was so alles verkehrt gelaufen war in ihrem irdischen Leben.

Ein untersetzter, höhensonnengebräunter Mittsechziger drängte sich nach vorne, dabei die anderen beiden zur Seite schiebend, die dies zunächst geschehen ließen. Petrus blickte ihn daher strafend an, jedoch schien der Drängler dies nicht zu bemerken. Sie befanden sich in einem lichtdurchfluteten Raum, dessen Ende nicht erkennbar war, so hell und leuchtend schien die Lichtquelle zu sein, die dem Sonnenlicht eben nicht ähnelte, weil es wesentlich mehr Weiß in sich barg. Kein Mann im Rauschebart empfing sie, wie manch einer den Schöpfer, auch als Gott bezeichnet, gern hier hätte, sondern es war niemand im Raum, außer eine hörbare, gewaltig angenehme Stimme, die zugleich erschallte.

„Nun, Monsieur Sauralt, berichten Sie uns doch mal, was Sie vermuten, warum Sie hier sind und vor allem, was Sie zu erwarten haben“, begann der Schöpfer wie gesagt. Monsieur Sauralt verlor für einen Augenblick seine selbstbewußte Haltung und überlegte eine ganze Weile.

„Das liegt doch auf der Hand, ich bin urplötzlich aus dem Leben gerissen worden, mußte auch ausgerechnet mich dieser Herzinfarkt heimsuchen. Jetzt geht alles drunter und drüber in meiner Firma, obwohl ich natürlich eine Vertretung habe, die meine Geschäftsgeheimnisse sicherlich umsetzen kann. Aber dennoch ohne meine geistigen Ideen“, begann Jacque Sauralt wieder um Fassung ringend, wobei er schnell unterbrochen wurde vom Schöpfer.

„Sie scheinen nicht verstanden zu haben, was das Wichtigste im Leben ist, oder?“, fragte die angenehme Stimme daher. Etwas verlegen schaute er in die Runde und bemerkte jetzt endlich, daß da noch andere Kollegen zugegen waren.

„Schauen Sie mal kurz auf mein jähes Ende, Monsieur“, kam ihm der schlaksige, junge Mann zu Hilfe, der so gar nicht hierher gehören sollte, „mich hatte es genau dann erwischt, als ich endlich wieder eine Arbeit hatte, eine Vollzeitstelle, obendrein noch gut bezahlt, nach dreijähriger Arbeitslosenzeit. Und was geschah? Ein Arbeitsunfall, weil die Firma geschlampt hatte, er wäre somit vermeidbar gewesen!“ Kein Laut war plötzlich zu hören, obwohl in diesem Lichtraum es ohnehin schon ruhig war. Alle hielten sie für lange Momente die Luft an, ehe sich der Dritte im Bunde zu Wort meldete: ein kleiner, kräftiger, etwas fülliger, blonder Mann im mittleren Alter.

„Wißt Ihr, es macht ganz wenig Sinn, mit dem Lebensende zu hadern. Ändern können wir es ohnehin nicht und sollten daher das Beste draus machen“, sagte er seelenruhig.

„Danke für die Vorlage“, erwiderte der Schöpfer und wandte sich an den jungen Mann und fuhr fort, „Mr. Blackpool, sicherlich wird der folgenschwere Fehler Ihrer Firma nicht ohne Konsequenzen bleiben, ich bemerke bereits erste Schritte, die eingeleitet werden, andererseits hatten Sie endlich wenigstens eine kleine Weile lang die Genugtuung, wieder für voll genommen zu werden in dieser Welt der unnötigen Arbeitslosen.“

Petrus räusperte sich kurz, wimmelte Ungeduldige ab, die schon eintreten wollten. Herr Biel, der blonde Kräftige bemerkte: „Ich bin einfach abends zu Bett gegangen, um morgens nicht mehr aufzuwachen, bin so gestorben, wie die Meisten es wohl gern hätten.“ Erstaunte Blicke richteten sich auf ihn, fast schon ein wenig neidisch. Doch der Schöpfer war ja zugegen und hielt sein Schlußwort.

„Seht, Ihr alle seid auf ziemlich unterschiedliche Weise verstorben, dennoch steht Ihr hier vor mir. Ich möchte Ihnen, Monsieur Sauralt folgendes auf den Weg geben: Alle irdischen Güter, sämtlicher Reichtum vor allem mag angenehm sein, besonders für Ihresgleichen, vergessen Sie aber nicht, daß gerade Überreichtum immer zu Lasten wirklich armer Mitmenschen geht. Solange Ihr Menschen nicht gelernt habt, wirklich gerecht zu teilen, ändert sich daran nichts. Nicht Haben, sondern Sein ist das Ziel, bedenken Sie das für die Zukunft. Herr Biel, Sie waren zu Lebzeiten stets ein angenehmer, liebevoller Zeitgenosse, handelten meist weise und mit viel Bedacht, nehmen Sie genau diese Erfahrung mit. Und Sie Mr. Blackpool hatten eben das Pech, zur falschen Zeit am verkehrten Ort gewesen zu sein, und dennoch hatten Sie nach Ihrer Leidensphase wenigstens, wenn auch nur für kurze Zeit, wieder eine Beschäftigung. Ihr werdet es kaum glauben, aber das Leben geht weiter, so auch für Euch Drei. Bereitet Euch darauf vor, kehrt in Euch, die Schöpfung wünscht Euch alles Liebe und Gute.“

Nach diesen Worten bat Petrus die Männer nach draußen. Keiner von ihnen war erstaunt oder aufgebracht, eine himmlische Ruhe lag auf ihren Gesichtern.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Kurzgeschichten abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.