Hrabans geheimnisvolle Reise zum Kontinent des Lächelns – Teil 3


https://pixabay.com/de/science-fiction-cover-sci-fi-1864571/

pixabay.com

Eine dermaßen hohe Geschwindigkeit hatte er zuvor niemals erlebt, Hraban bemerkte aber zugleich, daß während der rasenden Fahrt sämtliche Glasscheiben pechschwarz waren, irgendeine raffinierte Technik hatte sie verdunkelt, kein Lichtschimmer der Tunnelröhren war mehr zu sehen. Außerdem saßen sie nicht, sondern lagen angeschnallt in bequemen, weichgepolsterten Schalen, die sich um den Körper schmiegten, dessen Form gar annahmen. Thoghun bemerkte den verwirrten Blick des Jungen und wies darauf hin, er solle mal nach oben schauen. Dort befanden sich unterschiedliche Monitore, die eine gesamte Einheit an der ganzen Decke bildeten, ähnlich wie ein Megabildschirm mit Rastereinteilung. Alle möglichen Informationen konnte man ablesen, aber auch Kamerapositionen bestimmter, öffentlicher Plätze des Landes. Pireistreca bemerkte, es könne schon hilfreich sein für die Reisenden, wer denn solche Dienste in Anspruch nehmen wolle. Nach gefühlten wenigen Minuten, obwohl sie gar eine knappe Stunde unterwegs waren, erreichten sie ihren Zielbahnhof. Bei der Einfahrt erhielten die Fensterscheiben wieder ihre Transparenz, sehr viele Passagiere waren zugegen, dennoch waren wesentlich weniger Stimmen zu hören, als Hraban dies bisher kannte. Klar doch, die gedankliche Unterhaltung bringe das mit sich, erinnerte sich der Junge und lächelte kurz. Sie bestiegen einen äußerst großzügigen Fahrstuhl, der eher einem Saal glich, wobei selbst hierbei der Elfjährige über die Schnelligkeit staunte, in welcher es aufwärts ging, gleichzeitig konnte man zwar hinaus schauen, aber er kehrte dem Fenster bewußt den Rücken zu, weil er sich viel lieber überraschen lassen wollte.

Hraban wurde natürlich entsprechend belohnt, was er oben angekommen dann sehen durfte, verschlug ihm fast den Atem: Eine Riesenlandschaft überblickten sie, keine andere Erhöhung war zu sehen. Gholeyta selbst war keine große Insel, ihr Vulkan, an deren gigantischen Krater sie standen, bildete wohl das Zentrum, nur ein kleiner Streifen Sandstrand umgab ihn. Ganz in der Nähe befand sich zu seiner Linken das Festland, von wo sie gekommen waren, wie ihm Thoghun bestätigte. Pireistreca kündigte an, Hraban ein bißchen von ihrem Land zu erzählen.

„Bei euch würde es wahrscheinlich Land des Lächelns bedeuten, es heißt schlicht Deengaira. Wir wissen, daß der Kosmos sehr viele Geheimnisse verbirgt, wobei wir inzwischen in regen, friedlichen Kontakt zu anderen Wesen stehen. Dir begegnete Thoghun in deinem Traum und nahm dich sofort unter seine Fittiche“, begann sie Hraban zu erzählen, sie saßen alle zusammen an einer runden Tafel, „mußte allerdings hier angekommen etwas dringendes erledigen, so daß dich Gaven und Taras abholen sollten.“ Kaum hatte sie deren Namen ausgesprochen, erschienen die beiden wie aus dem Nichts und gesellten sich zu ihnen. An diesem Platz, einer Art Bistro, gab es keine Bedienung, auch konnte Hraban weder eine Theke noch eine Küche sehen, aber dafür vor ihm eine kreisrunde Aussparung im Tisch.

„Einfach denken bzw. sagen, was du gern trinken oder essen magst“, bemerkte Taras mit strahlendem Lächeln, „und schon erscheint das Gewünschte.“ Hraban hatte großen Appetit auf Traubensaft, etwas Brie und Zwiebelbaguette. Im nächsten Moment senkte sich die aus-gesparte Tischfläche vor ihm, um Sekunden später mit den bestellten Speisen zurückzukehren. Die anderen freuten sich über sein verdutztes Gesicht und taten es ihm gleich. Gut versorgt unterhielten sich alle fröhlich, dabei Hraban meist mit einbeziehend, weil er so viele neugierige Fragen hatte.

***

Irgendwann konnte er allerdings nichts mehr aufnehmen, er hatte Müh und Not, seine Augen aufzuhalten, nickte zwischenzeitlich immer wieder weg, um im nächsten Moment sich erschrocken aufzurichten. Gaven bemerkte es schließlich und schlug allen vor, die lustige Tafelrunde zu beenden, weil ihr Gast vor Müdigkeit sonst bald einschlafen würde. Bei der Abwärtsfahrt mit dem superschnellen Lift stauchte sich bei Hraban alles zusammen, so als ob eine ungeheure Kraft ihn durchfuhr. Erleichtert atmete er auf, als sie unten ankamen und endlich ins Freie traten. Die Rückfahrt zu Pireistrecas und Thoghuns Haus kannte er ja bereits, doch anstatt wieder müde zu werden, hinderten die beiden ihn daran, erzählten ihm noch ein wenig aus ihrem Leben. Auf diese Weise verflog die Zeit im Nu, und sie erreichten schließlich Perheoles Sargatin, ihr großartiges Domizil hoch oben auf dem Berg.

Nachdem sie ihn bis zu seinem Gästezimmer begleitet, sein Bett gerichtet hatten, verabschiedeten sie sich ziemlich überschwänglich, was Hraban zunächst nicht zu deuten vermochte. Außerdem überfiel ihn schlagartig der Schlaf. Kurz vorm Wegnicken erinnerte er sich noch all der Fragen, die er ihnen unbedingt stellen wollte, nahm sich ganz fest vor, sie bloß nicht zu vergessen und fiel dann in Tiefschlaf. Die Stadt tauchte erneut ob kosmischer Gefahren in der Nacht ab, jedoch der Erdenjunge bemerkte nichts davon, viel zu wohlig hatte er diesen ereignisreichen Tag abgeschlossen, fühlte sich geborgen und gut aufgehoben.

***

Manche Wecker können einfach gnadenlos uns schlagartig aus dem Schlaf, aus tiefsten Träumen reißen, besonders wenn dabei noch Musik im Spiel. Michael Jacksons „Earthsong“ drang an Hrabans Ohren. Mit einem Ruck richtete er sich auf und rieb seine Augen, blickte verblüfft auf den CD-Wecker, schaltete ihn reflexartig aus und versuchte sich zu erinnern. Aber irgendwie war da ein schwarzes, ahnungsvolles, trotzdem unendlich tiefwirkendes Loch, was ihm eindeutig zu verstehen gab, daß er einfach nur geschlafen und wirres Zeug geträumt habe, zu mehr sollte es nicht reichen. Einerlei, dachte der Elfjährige, stand bereits auf, weil er das Gekicher seiner jüngeren Schwester Salia auf dem Flur vernahm, nur zu genau wußte, sie würde gleich in sein Zimmer stürzen, um ihn zu ärgern. Das geschah dann auch, sie warf sich mit einem Freudenschrei auf ihn, sodaß die beiden zu Boden stürzten, wobei sich niemand weh tat. Hraban wußte, wie er sich abfangen bzw. abrollen mußte, die kleine Schwester dabei schützend festhaltend.

Anschließend neckte sie noch kurz ihren großen Bruder, begab sich aber schnurstracks auf direktem Wege in ihr eigenes Zimmer, weil Mama von unten ihnen unüberhörbar zu verstehen gab, sie mögen sich schnell anziehen, das Frühstück sei gleich fertig gerichtet. Einen Moment lang zögerte Hraban, wollte sich gerade vom Boden erheben, als ganz leise feiner, ziemlich weißer Sand aus seinem linken Schlafanzugärmel rieselte, eine Prise Meeresduft diesem entwich. Mit einem Schlag erinnerte sich der Junge und setzte sich nachdenklich an den Schreibtisch, schaltete eher unbewußt seinen PC an. Zwischendurch hörte er noch Salia, wie sie die Treppe hinabstieg, seine Mutter nach ihm rief.

Was er dann auf dem Flachbildschirm sah, ließ ihn für einige Augenblicke erstarren. Anstatt des gewohnten Desktop-Hintergrundbildes befand sich vielmehr die Aussicht von der Vulkaninsel Gholeyta, die wunderschöne Weite, das Meer, die eindrucksvollen Farbtupfer des nahen Landes Deengaira, was seine Gastgeber Pireistreca und Thoghun mit „Kontinent des Lächelns“ ihm übersetzt hatten. Und Hraban wußte, daß er nicht allein war hier auf Erden, sondern dort draußen in den Weiten des unendlichen Kosmos noch sehr viel Leben stattfand, Mensch endlich begreifen sollte, wie erbärmlich kurzsichtig dessen kleine, begrenzte Vorstellungswelt doch war, obwohl die ganze Zeit die Schöpfung ihm jede Menge Indizien bereithielt. Er sollte sie lediglich erkennen und endlich wirklich aufwachen, anstatt das Le-ben auf unserem Blauen Planeten zu mißachten.

Lotar Martin Kamm

Hrabans geheimnisvolle Reise zum Kontinent des Lächelns – Teil 1

Hrabans geheimnisvolle Reise zum Kontinent des Lächelns – Teil 2

Titelgeschichte erschienen im Buch „Hrabans geheimnisvolle Reise zum Kontinent des Lächelns“ (BoD)

Kategorie: Kurzgeschichten

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Kurzgeschichten abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.