Hrabans geheimnisvolle Reise zum Kontinent des Lächelns – Teil 2


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Kein Kettenrasseln war zu entnehmen, sondern ein leises Surren ließ das Titan-Stahltor nach oben gleiten, vor ihnen lag ein weitläufiger, angenehm erhellter Vorhof. Eines wurde Hraban sofortigst gewahr: Viele trugen ebenso taubenblaue Kleidung ähnlich wie Gaven und Taras, unter ihnen befanden sich strahlend Gelb-Gekleidete. Ein stattlicher, ziemlich breitschultriger Mittvierziger ging auf sie zu und verneigte sich kurz.

„Willkommen zurück, Gaven und Taras, schön, daß du zu uns gekommen bist, Hraban. Darf ich dir unsere herrliche Stadt zeigen? Außerdem möchte ich dich meiner Gemahlin Pireistreca vorstellen. Ich selbst heiße Thoghun“, sagte er äußerst freundlich und bestimmt, dabei fiel Hraban auf, daß Thoghuns Stimme extrem tief war, eine derartige Baß-Stimme hatte er noch nie zuvor gehört, diese erinnerte ihn ein wenig an Brad Roberts Gesangsstimme von den Crashtest Dummies, irgendwann hatte er eine CD von ihnen bei seinem Vater entdeckt und deren Musik schätzen gelernt. Wortlos erwiderte er per Gedanken mit einer leichten Verbeugung, er würde sich freuen, ihn zu begleiten und Pireistreca kennenzulernen. Seine bisherigen Begleiter verabschiedeten sich von Hraban mit einem breiten Grinsen im Gesicht und verschwanden in der Menge.

***

Warmes Sonnenlicht durchdrang den gesamten Platz, der Elfjährige fühlte sich sehr wohl dabei. Sie mußten nicht weit laufen, denn die weiterführenden Straßen bestanden aus einer Art Laufbänder, auf denen man einfach stehenblieb, ganz ähnlich wie dies Hraban von Rolltreppen kannte. Nur hierbei gab es obendrein eine zusätzliche Sicherheit, weil man ansonsten eventuell sein Gleichgewicht verlieren würde, ohne sich irgendwo an einem Geländer festzuhalten. Hraban bemerkte, daß eine vakuumartige Masse ihn in Balance hielt. Es spielte keine Rolle, ob er heftig mit den Armen fuchtelte oder sich in irgendeiner Richtung drehte und bückte beim rollendem Vorwärtsfahren, ständig schützte ihn diese raffinierte Ummantelung. Dabei registrierte er langsam, daß sie sich wie eine Art Luftkissen anfühlte, obwohl nichts zu sehen war. Ein wenig irritiert bemerkte er plötzlich, daß Thoghun gar nicht stand, sondern gemütlich neben ihm saß, allerdings auf keinem Sitzplatz, viel eher frei in der Luft schwebend, ohne verkrampfte Haltung, völlig entspannt. Er hatte sogar seine Augen geschlossen, sein Gesicht gen Sonnenlicht gerichtet.

„Mach es dir gemütlich, Hraban, setz’ dich doch, wir sind wohl eine ganze Weile unterwegs, bis wir ganz oben unser Haus erreichen“, bemerkte Thoghun und lachte dabei schallend, weil der Junge ungläubig hinter sich starrte. Dennoch wagte es der Angesprochene und staunte nicht schlecht ob des angenehmen Gefühls absoluter Sicherheit. Physikalische Gesetze waren einfach nichtig, in dieser Welt bestimmten die Vorgaben einer nützlichgeistigen Bequemlichkeit das Wohlbefinden ihrer Bewohner. Hraban durchfuhr eine sichtbare Erleich-terung, sein gesamter Körper entspannte sich, die Ge-sichtszüge formten ein strahlendes Lächeln, welches alle, denen sie begegneten, erwiderten. Für einen Moment zweifelte der Junge, ob hier nicht irgendwelche Drogen im Spiel waren, um zugleich solche Bedenken zu verwerfen, er hatte ja gar nichts zu sich genommen.

Wer schon einmal auf wirklich hohen Gebäuden stand oder in den Bergen vom Gipfel ganz weit seinen Blick schweifen ließ, der weiß das Gefühl von herrlich befreienden Gedanken zu schätzen, die dabei entstehen mögen. Vielleicht schwingt neben der enormen Weite die Erkenntnis mit, daß Mensch ein winziger Bestandteil innerhalb der natürlichen Kreisläufe ist, der lediglich beobachtend die Chance erhält, seine Eindrücke manchesmal in vollen Zügen zu genießen.

Ein leichter, dennoch stetiger Wind, kaum hörbar, umgab den Jungen, als er hier oben sichtlich erleichtert und äußerst frohgestimmt stand. Thoghun hatte sich soeben verabschiedet, er wolle seiner Gemahlin Bescheid sagen und sie holen, Hraban möge einfach die Aussicht ge-nießen, was der Elfjährige mit Kopfnicken bestätigte. Der Moment der Stille hielt nicht lange an. Pireistreca und Thoghun schlenderten zu ihm. Hraban bewunderte ihre Schönheit, ihr bis in die Hüften reichendes, leicht gewelltes pechschwarzes Haar, die ebenmäßigen Ge-sichtszüge und vor allem die außergewöhnlich leuchtend smaragdgrünen Augen. Im Gegensatz zu ihrem stattlichen Mann hatte sie eine ziemlich angenehm klingende, hohe Stimmlage, dabei betonte sie jedes Wort auf eine sehr spezielle Weise, einen leichten Singsang hörte er heraus.

Die beiden führten Hraban durch das weitläufige Haus, welches dennoch ohne viel Inventar eher auf das Notwendigste eingerichtet war. Er bemerkte, daß keinerlei Lampen vorhanden waren, dennoch die Räume angenehm lichtdurchflutet erschienen, was er sich nicht erklären konnte. Noch bevor er die Frage zu stellen vermochte, erwiderte Pireistreca, es handle sich hierbei um eine ausgeklügelte Spiegeltechnik mit Schächten, in denen das Sonnenlicht weitergeleitet das Haus erhelle. Nach einem ausgiebigen Abendmahl suchte Hraban sein Gästezimmer auf, begab sich direkt ins riesige Rundbett und schlief rasch ein.

***

Viel zu früh wachte er am nächsten Morgen auf, die ersten Sonnenstrahlen erleuchteten den rötlich schim mernden Kirschholzfußboden. Irgend etwas beunruhigte ihn im nächsten Moment, weil gleichzeitig aufgeregte, wenn auch weiter entfernte Gespräche zu ihm drangen, da sein Fenster weit geöffnet. Plötzlich spürte er dieses typische, beinahe rauschartige Gefühl, welches er sofort erkannte, wie das Fahren eines Aufzuges in die Tiefe. Schlagartig wurde es dunkel, es flammten dennoch überall Leuchtdioden auf, die er vorher nicht im geringsten in seinem Zimmer verteilt bemerkt hatte, da sie sehr winzig und raffiniert entlang der Möbelkanten, in den Wänden zu den Übergängen zwischen Boden oder Decke eingelassen eher im Hintergrund sich befanden, jetzt aber den Raum erhellten.

Thoghun trat ein und schilderte, was sich zugetragen hatte. Man schütze sich halt mittels einer Technik des Abtauchens vor den Gefahren aus dem All, Meteoritenhagel würde sie in unregelmäßigen Abständen heimsuchen, sie besäßen allerdings ein wirkungsvolles Frühwarnsystem, er solle sich keine Sorgen machen. Zugleich bemerkte Hraban jetzt erst, daß überall emsiges Treiben um ihn herum zugange war, denn dort, wo die Stadt mit der vorherigen Savanne sich nahtlos zusammenschloß, befand sich ein riesiges, angenehm erleuchtetes Tunnelsystem. Gläserne Schienenfahrzeuge, ganz ähnlich wie die U-Bahn, nur extrem schnell und ge-räuschlos unterwegs, sammelten Reisewillige ein, ganz wenige begaben sich nach Perheoles Sargatin. Und schon stiegen sein Gastgeberpaar und er selbst in ein solches Fahrzeug ein, Pireistreca gab Hraban zu verstehen, sie würden gerne mit ihm nach Gholeyta fahren, einer wunderschönen Insel im Meer, auf deren höchstem Berg, einem Vulkan, man das Land gut überblicken könne. Natürlich stimmte der Junge ihnen zu.

Fortsetzung folgt.

Lotar Martin Kamm

Hrabans geheimnisvolle Reise zum Kontinent des Lächelns – Teil 1

Titelgeschichte erschienen im Buch „Hrabans geheimnisvolle Reise zum Kontinent des Lächelns“ (BoD)

Kategorie: Kurzgeschichten

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