Hrabans geheimnisvolle Reise zum Kontinent des Lächelns – Teil 1


https://pixabay.com/de/science-fiction-cover-sci-fi-1864571/

pixabay.com

Manchmal würde Hraban am liebsten einfach seine grüne Bettdecke über den Kopf ziehen, keine einzigen Fragen, Sorgen und Nöte an sich heranlassen, weil in letzter Zeit sowohl seine Eltern als auch Bert, sein bester Freund, von ihm zuviel abverlangten. Neulich bemerkte doch tatsächlich Papa am Küchentisch, Hraban sollte auf alle Fälle in der Lage sein, selbständig den Müll rauszubringen, ohne daß Mama ihn oft daran erinnere. Und als Sohnemann trotzig die Arme demonstrativ verschränkte, erwidert hatte, er bräuchte nicht eine solche Belehrung, wurde er streng zurechtgewiesen auf sein Zimmer geschickt, er solle sich schlafen legen.

Da lag Hraban nunmehr im Bett, hatte sich über den frechen Blick seiner zwei Jahre jüngeren Schwester Salia mächtig geärgert, zumal selbst Mama mit Nachdruck Papas Standpauke unterstützte. Na klar, immer auf uns Elfjährige, hatte er noch im Hinausgehen aus der hell erleuchteten Küche schroff ihnen entgegengeschmettert, dabei mit jedem Schritt laut aufgestampft. Aber keiner nahm davon Notiz, im Gegenteil, seine Eltern waren bereits mit Salia sich am Unterhalten, sie erzählte vom Schultag. Das hatte Hraban natürlich erst recht in Rage versetzt, was ihm allerdings nicht weiter verhalf, einer einmal ausgesprochenen Strafe von Papa konnte niemand entgehen.

Der Moment kurz vorm Einschlafen, diese stille Phase, in der wir gerade noch die Außenwelt, wenn auch entfernt hören, die kennt jeder, oder? Man möchte eigentlich lieber schnell einige Gedanken oder tolle Ideen sortieren, jedoch die verstärkte Müdigkeit erzwingt den Schlaf, der bereits auf uns wartet. Hraban zögerte ihn eine Weile erfolgreich heraus, aber die Natur obsiegte, er fiel in einen Tiefschlaf am späten Abend. Das fahle Mondlicht tauchte den Lärchenholzboden in ein grünliches Grau, langer Schattenwurf flackerte kurz auf, nachdem eine Wolkenwand rasch vorüberzog, tagsüber hatte sich bereits ein Sturm angekündigt.

***

Komischerweise schlief Hraban nur sehr kurz, wachte nach einigen Augenblicken plötzlich wieder auf. Aber was er dann bemerkte, ließ ihn innehalten: Er befand sich nicht im Bett seines Kinderzimmers, sondern an einem Meeresstrand. Das gleichmäßige Rauschen der Wellen erkannte er sofort, die salzhaltige Luft bestätigte seinen Hörsinn, gleichzeitig durchfuhr seine linke Hand den äußerst feinen, nahezu weißen Sand, allerdings eher re-flexartig, wobei ihm dabei bewußt wurde, wie hell die gesamte Gegend erleuchtet war. Ein leichter Wind umwehte seinen Pyjama, der wie ein Segel herumflatterte. Hraban richtete sich auf, die beidem Ärmel über den Kopf gestülpt, als ob er im Begriff gewesen war, ihn auszuziehen. Das lästig umherwehende Stoffknäuel zog er weg und ließ es auf den Boden gleiten.

Etliche Fragen tauchten auf, die ihn irgendwie verunsicherten. Dennoch konzentrierte der Junge sich inzwischen hellwach auf die Umgebung. Vor ihm lag das weite Meer, am Horizont zogen violette Wolken auf, zur Linken streckte sich der leuchtendweiße Sandstrand, zur Rechten bemerkte er weiter hinten zwei taubenblau gekleidete Gestalten, die auf ihn zurannten. Kaum hatte Hraban sich erhoben, stand etwas unbeholfen im warmen Sand, erreichten die beiden älteren Jungen ihn, die ein wenig aus der Puste waren.

„Wir dachten schon, dir sei etwas passiert, darum unsere Eile“, begann der größere der beiden Jugendlichen, „ich bin Gaven, und wie heißt du?“

„Meine Eltern gaben mir den Namen Hraban, was Rabe bedeutet“, erwiderte er daraufhin ziemlich selbstsicher und voller Stolz. Gaven nickte anerkennend.

„Ich bin der jüngere von uns und heiße Taras“, stellte dieser sich vor und schüttelte Hrabans Hand, „wir wurden beauftragt, dich hier abzuholen.“

Hraban schaute ein wenig ungläubig von einem zum anderen, wollte schon fragen, woher sie denn wüßten, daß er hier am Strand „landen“ würde, konnte aber gleichzeitig sich beim besten Willen nicht erinnern, was vorher geschehen war. Im selben Moment bemerkte er, daß ihm lediglich das Bildnis seiner Eltern haften geblieben war, alle anderen Erinnerungen an seine bisherige Vergangenheit wußte er jetzt überhaupt nicht mehr.

„Keine Sorge, du wirst dich ganz sicher schon wieder erinnern“, bemerkte Gaven und grinste ein wenig. Hraban war sichtlich erschrocken, doch bevor er fragen konnte, ergänzte Taras, daß hier alles anders sei, sie problemlos Gedanken lesen könnten. Kaum ausgesprochen, empfing Hraban eine freundliche Aufforderung von Gaven, daß sie nun alle drei am besten weiterziehen sollten, da braue sich ein Unwetter zusammen. Der Elfjährige empfand diese Form des gedanklichen Austausches als äußerst angenehm und bejahte sofort wortlos. Die Jungs liefen beherzt los, während gerade die ersten großen Regentropfen auf den warmen Sand fielen. In der Ferne zuckten etliche Blitze, lautstarkers Donnern folgte dazwischen.

Schnell erreichten sie einen Wald, der sich allerdings erheblich von den Wäldern, die Hraban zuhause kannte, unterschied. Zunächst meinte er, es müsse sich um einen subtropischen Regenwald handeln, die Vegetation war sehr eindeutig, auch die Tiere, die hin und wieder ihren Weg kreuzten, ließen darauf schließen. Dennoch rätselte er noch eine zeitlang, was hier anders war. Plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: Überall gab es angelegte Wege, man brauchte kein Buschmesser. In gewisser Weise wirkte alles wie ein mühevoll errichteter Park oder gar wie ein Botanischer Garten, nur daß keine Hinweisschilder zu den Bäumen, Pflanzen oder manchen Tierarten hilfreich vorhanden waren.

***

Nach schier endlos langem Fußmarsch, der Regen hatte längst aufgehört, erreichten sie eine vor ihnen sich weit erstreckende Ebene, ganz hinten am Horizont bemerkte Hraban so etwas wie Flugobjekte, weil für Vögel flogen sie viel zu schnell. Er grübelte noch, doch im selben Moment berichtete Taras ihm per Gedankenübertragung, dort würden Tillos fliegen, die man wohl in Hrabans Welt allgemein als UFOs bezeichne. Ein Schauer lief dem Elfjährigen über den Rücken, denn diese Tillos konnten genauso schnell wie sie dahinschwirrten auch nahezu schlagartig zum Stillstand gelangen und regungslos am Himmel verharren, so etwas hatte er niemals zuvor gesehen. Die beiden Jugendlichen lächelten ihn an, wobei Hraban erstmalig bemerkte, daß sie ständig grinsten, und bei jeder Gelegenheit ein erneutes Lächeln folgte.

Was dann geschah, überraschte ihn erst recht. Dort, wo eine Steppenlandschaft vor ihm noch gelegen hatte, öffnete sich plötzlich die Erde, dabei bildete sich ein weitläufig riesiger Kreis, eine grellbunte Stadt stieg aus dem Nichts empor, das ganze unheimlich schnell und nahezu lautlos. Allerdings war es keine Stadt im herkömmlichen Sinne, sie erinnerte Hraban ein wenig an Minas Tirith, die Herrschaftsstadt Gondors im „Der Herr der Ringe“, jenen Film, den er so sehr liebte, und nun lag eine ähnlich imposante Stadt vor ihm. Gaven und Taras nahmen Hraban behutsam an die Hand, gingen forschen Schrittes zum mächtigen Eingangstor. Oben stand in wunderschöngeformten Buchstaben wohl ihr Namen: Perheoles Sargatin.

Fortsetzung folgt.

Lotar Martin Kamm

Titelgeschichte erschienen im Buch „Hrabans geheimnisvolle Reise zum Kontinent des Lächelns“ (BoD)

Kategorie: Kurzgeschichten

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Kurzgeschichten abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.