Immer Dienstag


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„Fräulein Monika, haben Sie die Rechnungen schon bereitgelegt?“ „Ich versteh dich nicht Marianne, du weißt doch genau, ich brauche die Aufstellung. Immer muß ich dich daran erinnern.“ „Herr Pfeiffer, die Kopien der Einnahmen bringen Sie mir heute nachhause. Meine Frau wird sie entgegennehmen.“

So oder ähnlich fallen diese Sätze seit nunmehr fast eineinhalb Jahren, genau seit sechzehn Monaten und 27 Tagen, würde jetzt der Herr Pfarrer Antonius sagen, geborener Magnus von Westenthal, wenn man ihn fragen würde, aber das wird tunlichst jeder vermeiden und am tunlichsten die andern sechs Herren des Dorfes, die bis auf den Herr Lehrer Bracke über Zahlungseingänge in ihren Betrieben verfügen. Lehrer Georg Bracke zählt zu den sogenannten Honoratioren des Dorfes, obwohl er über Jahre fern des heimatlichen Einflußes weilte, wurde er doch in den Kreis der Gemeinde aufgenommen, denn einem Sohn von Studienrat Konrad Bracke a. D. verzeiht man sämtliche modernen Vorstellungen und zeigt sich gewillt, diese ins dörfliche Leben zu lassen, weil man hinter der Hand fest davon überzeugt ist, diese großstädtischen Neuerungen würden sich niemals festigen, und weil man sich selbst gerne, daß heißt die anderen fünf Honoratioren, schmückt mit dem weltoffenen Ansichten, die man zwar nicht alle versteht, aber man hat gehört und damit weiß man. Dieses Weißmanwissen war schließlich ausschlaggebend, den Lehrer Bracke teilhaben zu lassen an dem diensttäglichen Spiel, das eigentlich schon längst zu Ende gespielt sein sollte, aber immer noch ist kein Sieger in Sicht, obwohl oder gerade deshalb, weil das ursprüngliche Spiel schon längst nicht mehr gespielt wird, sondern in den Monaten aus den unterschiedlichsten Begründungen zu einem anderen Spiel, was sag ich da, zu andern Spielen gewechselt wurde.

Es soll nicht verhehlt werden, dies geschah aus hehren Gründen und nicht wie anzunehmen, demjenigen, der gerade laut den gewissenhaften Aufzeichnungen des Pfarrers Antonius kurz davor war, als Sieger den verantwortungsvollen Posten zu übernehmen, den Sieg zu vergönnen. Nein, nein. Ernsthafte Überlegungen führten zu diesen Entschlüssen, die man nicht außer acht lassen konnte. Genauso wenig außer acht lassen konnte, wie dem Herrn Lehrer Bracke die Chance einzuräumen war, ohne finanzielle Beteiligung teilzunehmen oder den Schuster Franz Wicker auszuschließen, nur weil dieser über ein geringes Einkommen verfügte. Dies war selbstverständlich, aber auch deshalb weil Franz Wicker als der Profi schlechthin galt, war er doch der Einzige, der wirklich etwas von dem Sport verstand und Sonntage damit verbrachte, in der Umgebung und sogar weiter weg bis Blumstadt den Ruf genoß, die besten Kickerschuhe herzustellen. Da wäre es geradezu unsinnig, daß nicht auch er die Möglichkeit erhalten könnte, der Vorsitzende des zu gründenden Fußballvereins zu werden.

Etwa einen Monat lang, ein bißchen drüber, Pfarrer Antonius, der nicht am Spiel teilnahm, dessen Aufgabe darin bestand die Geldbeträge zu verteilen und als Spielleiter ein wachsames Auge auf die Spielenden zu halten, was nicht erforderlich war, aber ein gewisses Gewissen kann nie wirklich schaden, wußte, es war vor Beginn der sechsten Spielrunde. Ali, eigentlich Albert Kugler, der Metzger und Tierhändler war kurz davor, mit Abstand, großem Abstand das Roulettespiel zu gewinnen, die Kugel, die über das Rad rollte, schien sich auf ihn eingeschossen zu haben. Egal worauf er seine Marken auf dem grünen Filz setzte, die Kugel rutschte mit zielsicherem Effet auf die 17, auf Rot, auf Null, (alle Aufforderungen, Zahlen wurden auf deutsch gesprochen, obwohl Pfarrer Antonius sich anfangs bereit erklärte, neben der Rolle des Croupiers auch den Herren die französischen Ausdrücke zu vermitteln) oder worauf auch immer Ali setzte, sodaß es am sechsten Spielabend mit Sicherheit dazu gekommen wäre, Albert Kugler den Posten des Vereinsvorsitzenden zu übertragen.

Der Abend begann mit einer feierlich gesinnten Stimmung, denn keiner hatte damit gerechnet, daß so schnell ein Sieger, ein kompetenter, durchsetzungsstarker Vorsitzender gefunden werden konnte, da waren sich alle einig. Warum Albert Kugler an diesem Abend der Meinung war, später schlossen sich die anderen unter, so ist es, er hat Recht, so machen wir das, an, daß es ganz und gar nicht ausreichend sei, für einen Fußballvorsitzenden, leistungstechnisch, nur auf Grund eines Spieles, des Roulettes den Posten zu aller anderen Zufriedenheit zu meistern. Vielmehr so sähe er es, sei dafür ein großes Spektrum von Eigenschaften vonnöten, also kurzum, er schlug vor, das Roulette zu beenden und an seiner statt Skat zu spielen. Die Gelder, die sie sich vor jeder diensttäglichen Spielrunde aufteilen ließen, Pfarrer Antonius addierte dafür alle Rechnungen, die ihm vorgelegt wurden zusammen und verteilte die Summe in Form von Spielmarken, die so nebenbei bemerkt seine „Kinder“, die bei ihm jeden Donnerstagnachmittag zu einer Bastelstunde sich eintrafen, gestalteten, sollten allerdings nicht eingesammelt, sondern der Spielstand übernommen werden, das sei fair, stimmten alle zu, auch Viktor Händle, der sich sogar verschuldet hatte und bei der Bank, laut Pfarrer Antonius eine Summe von eintausend dreihundertsiebzig Mark aufwies, im Minus, versteht sich.

So spielten die sechs Herren immer reihum unter Aufsicht von Pfarrer Antonius, der es sich leisten konnte, bei diesen ehrenhaften Herren zwischendurch auch ein kleines Nickerchen zu halten, Skat. Nach ein paar Wochen, wir lassen es aus, diesmal uns auf Pfarrer Antonius zu berufen, wann dies war, wechselten die sechs spielenden Herren auf Siebzehn und Vier. Darauf folgte Doppelkopf, und ich verrate hier nicht, wer derjenige war, der die Spielrunde begeistern konnte, von den Kartenspielen auf Mensch-ärgere-dich-nicht zu wechseln. Etliche Arten von Würfelspielen folgten, bis sie abgelöst wurden von dem von allen vergessenen, aber mit liebevollen Schulzeiterinnerungen versehenem Zeitvertreibungsspiel, in ihrem Sinne jetzt Wissensspiel, Stadt-Land-Fluß. Mit neu entflammtem Elan, nicht bezüglich einer nachlassenden Begeisterung den Sieger festzustellen, sondern quasi als Fortführung und Festigung ihres Lebens als Lernende, häuften sich daraufhin Atlanten und der Duden im Hinterzimmer der Gaststätte „Zum Ochsen“, die dann von Sepps Frau, also von der Alma Ziegler von dort verbannt wurden, da das Hinterzimmer ja auch für Hochzeiten und sonstige Feierlichkeiten benützt wurde, gäbe es für diese Dinge dort keinen ständigen Platz. Zu diesem Zeitpunkt spielten die sechs Honoratioren bereits Mau-Mau, die dritte Woche, weil sie einhellig zu der Ansicht kamen, bei diesem Spiel ließe sich, man war ja erwachsen, nebenbei gut miteinander über wesentlich wichtige Dinge palavern, denn für dies Spiel brauche man keine Konzentration, als einziger widersprach Hubert Schüssler, der aber überstimmt wurde und sich fügte, weil die Aussicht bestand, sie war mehr oder weniger bereits beschlossene Sache, eine Reise in die Schweiz zu unternehmen.

Nach Einsiedeln soll es gehen. Ein Vorschlag von Lehrer Bracke, der Siegfried Baumanns Äußerung bei einem Stadt-Land-Fluß-Spiel, wie schön es wäre, die Städte, Länder, Flüße, die wir da so niederschreiben, leibhaftig zu sehen, aufgriff und nicht besonders viel argumentieren mußte, eine Reise sei schließlich auch ein Spiel, es könne nur von Vorteil für alle Anwärter des Postens eines Vereinsvorsitzenden, selbst von einem Fußballvereins sein, als alle, einschließlich Pfarrer Antonius begeistert zustimmten. Keine der Frauen könnte über so einen Wunsch verzweifeln und den geliebten Manne nicht gehen lassen, weil erstens Pfarrer Antonius zur Seite stünde, zweitens besuche man ein Kloster, drittens gebe es auf dem Weg nach Einsiedeln noch andere Sehenswürdigkeiten, über die man dann bei der Rückkehr dem gesamten Dorf berichten könnte, zumal Lehrer Bracke und Sepp Ziegler, der Wirt vom Ochsen einen Photoapparat besaßen.

Also diente das Mau-Mau-Spiel dienstags für die Vorbereitung der Reise, die immerhin auf eine Woche geplant war, die Finanzierung übernahm der Ochsenwirt, der das Spielgeld eins zu zehn entwertete und die errechnete Summe gemeinsam mit Pfarrer Antonius bekanntgab. Jeder sollte so viel in einen Beutel legen, wie ihm möglich war, den Rest würde er, der Sepp beisteuern, wenn’s dann immer noch nicht für alle langen würde, schließlich hat er seit mehr als eineinhalb Jahren mehr Einnahmen, weil viele Dörfler in seine Gaststube kamen, um sich über den Stand der Dinge informieren zu lassen.

„Was ist denn das da draußen für ein Krach?“, wunderte sich Hubert Schüssler, im selben Moment splitterte eine Fensterscheibe und ein Ball flog ins Zimmer. Alle sieben Honoratioren sprangen wie auf Kommando zur kaputten Scheibe. „Wer war das?“ Mit rotem Kopf, aber dennoch nicht verlegen, sagte Bruno, der Jüngste von den Weberbrüdern, „ich.“

Ohne die Zustimmung der anderen einzuholen, ja regelrecht ohne Rücksicht auf die anderen Anwärter zum Vereinsvorsitzenden eines Fußballvereins rief Hubert Schüssler, der Friseur: „Ja Bruno, komm einmal herein, mit so einen Schützen wie dir, da schlagen wir demnächst alle andern in der Umgebung.“

Und der Bruno Weber wußte nicht so recht wie ihm geschah, als er von den Honoratioren des Dorfes mit Limo und Brezeln vollgestopft wurde und die immerfort davon redeten, sie alle hätten ja schon Monate vorher gewußt, wie dringend notwendig es wäre, endlich in ihrem Dorf eine Fußballmannschaft aufzustellen.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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