Tagebuchauszüge spiegeln ein Stückweit Geschichte wider


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Gertrud entrinnt der schönen heilen Welt

Mitten im Herzen Europas, in einer deutschen Kleinstadt, wurde Gertrud Rosalinde Hinrichs im vorletzten Kriegsjahr an einem kalten Novembertag zuhause geboren. Ihre Mutter überlebte die Geburt dank einer kompetenten Hebamme, ihr Vater befand sich in russischer Gefangenschaft. Die hier geschilderten Tagebuchauszüge spiegeln die Gedanken eines Mädchens, einer jungen Frau und Mutter wider.

Donnerstag, den 13. März 1958

Wieso hat Papa neulich wutentbrannt meine Single-Platte „Jailhouse Rock“ vom Plattenteller gerissen und achtlos ins Regal geworfen? Dabei hatte ich mich so schön warmgetanzt, Mutter gefiel Elvis Musik ohnehin, konnte sie endlich wieder nach langer Zeit viel befreiter ihren Haushalt machen, schwang sogar gelegentlich selbst die Hüften, wenn auch noch ungelenk. Aber Papa muß unbedingt mir den Tag versauen, nur weil er so gar kein Verständnis für mich hat. Er sagte einmal, unsere Jugend sollte sich anstrengen, erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Georg, meinen neuen Schwarm, treffe ich seit einiger Zeit heimlich im nahen Park, dabei müssen wir arg aufpassen, daß keine Nachbarn uns entdecken, die tratschen nämlich sehr gern.

Dienstag, den 14. August 1962

Immer noch kann ich mich nicht beruhigen, weil sie vor neun Tagen Nelson Mandela verhafteten. Darüber geriet ich mit Papa in einen heftigen Streit, der bis heute weiterhin anhält. Seiner Meinung nach sei Nelson ein Terrorist, während ich spüre, daß dieser Mann sich für seine Landsleute einsetzt, die Weißen überzeugen will, wie schrecklich ihre Herrschaft sei. Am Abend tröstete mich Mutter zwar, konnte mir dennoch meinen Weltschmerz nicht nehmen.

Dienstag, den 16. November 1965

Endlich habe ich mein Bett aufgesucht, bin hundemüde nach diesem langen Tag, wo ich seit heute mit 21 nunmehr als volljährig gelte, selbst Papa mir gesetzlich keine Vorschriften mehr machen darf. Kein Wunder, daß er trotz aller Feierlichkeiten ziemlich reserviert sich mir gegenüber verhält. Jetzt versuche ich, meine Gedanken zu ordnen und hier im Tagebuch die Eindrücke festzuhalten. Morgen muß ich wieder früh raus, mal schauen wie mich die Oberschwester diesmal schickaniert, aber ich bin ja bereits die Krankenhaushierarchie gewohnt. Bloß Mike, der Lieblings-Assistenzarzt vom Professor Dahlke, macht mir ständig schöne Augen, was mir mißfällt. Nur, wie soll ich mich wehren, ohne meine Ausbildung zu gefährden? Mit Mutter kann ich darüber gar nicht reden, die würde sowieso mir vorschlagen, ich möge stillhalten, und Lisa, meine beste Freundin, würde einfach kess erwidern, daß sie diesen Mike benutzt, um dadurch Vorteile zu erlangen. Kann und will ich aber nicht dulden!

Freitag, den 12. Dezember 1969

Ich nehme alles zurück, was ich gestern hier noch bemerkte. Ganz so einfach gestaltet sich die Sachlage doch nicht. Außerdem kann ich meinem Göttergatten keineswegs diesmal zustimmen. Wieso besteht er ständig auf seine CDU? Ich hingegen bin ziemlich stolz, meine Stimme Willy Brandt bei der Bundestagswahl gegeben zu haben. Von dem verspreche ich mir viel. Die Welt ist in Aufruhr, bemerkt denn Georg das gar nicht? Gerade im letzten Jahr der 1960er, ich denke da mal an die erste Mondlandung, an Woodstock. Und noch ein Jahr zuvor an Rudi Dutschke, an die Ermordung Martin Luther Kings, an die Vietnamproteste. Aber davon will er nichts wissen, meint sogar, es seien alles Kommunisten und Verräter. Mein Gott, wen habe ich da nur geheiratet? Ich hadere mit mir.

Samstag, den 13. September 1970

Unsere Tochter Claudia wurde in den frühen Morgenstunden geboren, und ich hatte das Glück einer leichten Geburt. Aber meine Gedanken bleiben getrübt, mein Entschluß steht längst fest. Ich werde mich von Georg trennen, nur weiß ich noch nicht so ganz, wie ich das bewerkstelligen soll. Hätte er nicht wenigstens bei der Geburt seiner Tochter sich zurückhalten können, zumal er genau deshalb auch viel zu spät nach der Geburt erschien? Seine Alkoholfahne widerte mich an, entsprechende Blicke erhielt er auch von Mutter und der Hebamme. Aber das hat er gar nicht bemerkt!

Montag, den 6. Mai 1974

Montage haben stets etwas Schreckliches, zumindest empfinde ich dies so. Da hat man noch sonntägliche Ruhe vom hektischen Berufsalltag im Gemüt, und schon muß man sich wieder einbringen. Ich will aber nicht jammern. Im Kindergarten wurde ich sehr schief angeschaut, irgendwie kommen die anderen Mütter nicht damit zurecht, daß ich endlich alleinerziehend bin, manche meinen hingegen, ich würde versuchen, ihren Ehemännern den Kopf zu verdrehen. So ein Blödsinn, bin ich doch heilfroh, endlich geschieden zu sein, mich mit Georg geeinigt zu haben, selbst wenn Papa mich inzwischen gar nicht mehr duldet, ich Mutter nur ab und an im Café treffe.

Sonntag, den 08. Juli 1984

Gestern hatten Claudia und ich vielleicht unseren schönsten Tag. Weit über eine halbe Millionen Menschen waren um uns herum, völlig friedlich, kein Schubsen, keine miesen Töne, leuchtende Augen und ein Feuerwerk, wie wir es noch niemals gesehen hatten. Wir befanden uns vorm Berliner Reichstag und erlebten André Hellers „Feuerwerk mit Klangwolke“, dabei ertönte auch klassische Musik, und André Heller rezitierte Bert Brechts Antikriegsgedicht „An meine Landsleute“, welches ich sehr gern hier meinem Tagebuch gönne:

„Ihr, die ihr überlebtet in gestorbenen Städten
Habt doch nun endlich mit euch selbst Erbarmen!
Zieht nun in neue Kriege nicht, ihr Armen!
Als ob die alten nicht gelanget hätten:
Ich bitt euch, habet mit euch selbst Erbarmen!“

An dieser Stelle mögen die ausgesuchten Tagebucheinträge jetzt enden, unabhängig davon, daß sämtliche Personen hier frei erfunden wurden, außer die genannten realen Menschen, die ein Stückweit unsere Geschichte mitprägten.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gesellschaft

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