Gesellschaft oder Kameradschaft im Diskurs sprachlicher Differenzierung


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Einheitlichkeit eher kontraproduktiv

Gründe, um gesellig beisammen zu sitzen, sind nicht beschränkt auf festgelegte Feiertage. Sobald das Wetter es zuläßt, kann man überall Menschen treffen, die sich zusammengefunden haben, um gemeinsam zu klönen. Natürlich geschieht das auch in den Monaten, in denen es angebracht ist, solche Zusammenkünfte lieber in Innenräumen zu veranstalten. Nur sind sie für die Allgemeinheit nicht so offensichtlich präsent, und deshalb mag der Eindruck entstehen, in kälteren Gebieten würden die Menschen weniger gemütlich zusammensitzen.

Jede Gesellschaft hat ihre eigenen Vorstellungen von geselligen Treffen. Doch gemeinsam ist die fröhliche, heitere, lockere Stimmung. Da ist es bisweilen verwunderlich, daß der Begriff Gesellschaft stellvertretend für Volk genannt wird, schließlich hätte man das Wort Kameradschaft auch benützen können, oder?

Ähnlichkeiten sind, wie nachfolgend erklärt, ohne weiteres erkennbar, denn wie die Gesellen, so haben auch die Kameraden sich einen Raum geteilt.

Geselle, mittelhochdeutsch geselle, althochdeutsch gisell(i)o, Freund, Gefährte, Kollektivbildung zu Saal, eigentlich, jemand, der mit jemandem denselben Saal (Wohnraum) teil (Duden) Andere Begriffe sind, Gefährte, Genosse, Kamerad.

Gesellschaft, mittelhochdeutsch geselleschaft, althochdeutsch giselliscaft, freundschaftliches Verbundensein, Freundschaft (Duden) Synonyme sind, Allgemeinheit, Bevölkerung, Öffentlichkeit, Volk, Clique, Gruppe, Bund, Unternehmen.

gesellig, mittelhochdeutsch gesellec, zugesellt, verbunden, freundschaftlich, zu Geselle (Duden) andere Wörter sind, aufgeschlossen, extrovertiert, gesprächig, kontaktfreudig, offen, umgänglich, sozial, amüsant, angenehm, heiter, vergnüglich, zwanglos.

Die Unterbringung von Gesellen (jemand, der denselben Saal teilt) in denselben Schlafräumen ist bis heute teilweise noch üblich, wenn die Gesellen oder Auszubildenden einen zu langen Nachhauseweg haben oder wie im Gastronomie- und Hotelwesen eine Unterbringung in den hauseigenen Räumen erforderlich ist.

Der Unterschied zwischen Kamerad und Geselle ist trotz gleichem Zusammenlebens, Herkunftswort erklärt die Aufenthaltsweise, immens. Kurz zusammengefaßt könnte man sagen, bei den Gesellen ging es fröhlich, heiter zu, bei den Kameraden gibt es zu „versteckende“ Geheimniskrämereien.

Somit ist es sprachlich von Vorteil, von Gesellschaft zu sprechen und nicht von Kameradschaft. Eine gesellige Gesellschaft ist eine kontaktfreudige, offene Gemeinschaft. Eine kameradschaftliche Kameradschaft ist eine verbindliche Zweckgemeinschaft.

Wenn nun Gruppierungen versuchen innerhalb einer Gesellschaft, eines Volkes, verbindliche Linien, Ansichten heraufzubeschwören, bedeutet dies, sie vertreten und trachten nach Einheitlichkeit. Einheitlichkeit wiederum ist bis auf wenige Ausnahmen kontraproduktiv.

Und wenn diese Einheitlichkeit sich auch noch auf einen patriotischen Nationalismus beschränken soll, dann ist eine Zwangsgemeinschaft vorprogrammiert. Dies ist eine Gemeinschaft, deren Werte sich nicht an individuellen Persönlichkeiten orientiert, sondern nur an der nationalen Identität. Wer oder was ist nationale Identität, wer bestimmt die Eigenschaften, die man sich aneignen muß, um zum „Volk“ zu gehören? Erinnert sei hier auch an den Ursprung des Wortes „Patriot“, das nichts anderes besagte, als „Eingeheirateter“ oder deren Kinder.

Sind Sie eingeladen worden? Vielleicht zum Grillen, zu einer Geburtstagsfeier oder irgendeiner Party, Fest, der Gelegenheiten gibt es ja viele. Was wird Sie dort erwarten? Eine einheitliche Organisation? Eine bunte Gesellschaft? Eine kameradschaftliche Gruppe? Eine gesellige Clique?

Eine Gesellschaft, die offen, kontaktfreudig, aufgeschlossen und zwanglos agieren kann, wird im Großen und Ganzen in ihrem Gemeinwesen Probleme ansprechen und Lösungswege gemeinsam zu finden versuchen.

Ein auf Einheitlichkeit geprägtes „Volk“, das mittels versteckter Verbindlichkeiten und Forderungen agiert, wird im Großen und Ganzen in ihrem Gemeinwesen Probleme möglichst nicht ansprechen und schon gar nicht gemeinschaftlich versuchen, Lösungswege zu finden.

Warum man das so allgemein äußern kann? Weil die Sprache nicht ohne Grund kognitive (erkennende) Verbindungen herleitet.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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