Das Märchen von der heilen Welt in den Köpfen manch Gutgläubiger


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An einem schönen Frühlingstage, die Sonne hatte gerade ihre ersten wärmenden, goldgelben Strahlen gen Pflanzenblüten gesendet, die diese wie im Rausche dankbar aufsaugten, in der fröhlich zwitschernden Vogelwelt längst dieser Augenblick schon seit Stunden unüberhörbar von ihnen erwartungsvoll verkündet wurde, rannte eine junge Frau wild gestikulierend ins Geschehen, stolperte über einen dicken, morschen Ast, den der letzte Herbststurm einer alten Eiche entrissen hatte und fiel der Länge nach hin.

Hier draußen am Waldrand, wo eine ausladende Blumenwiese und etliche Bäume aufeinander trafen, dieser fließende Übergang zwischen Graslandschaft und Laubgehölz einer Vielzahl von Tieren ein Zuhause bot, dort lag sie nun, völlig abgehetzt, verzweifelt und in schier grenzenloser Trauer erst leise schluchzend, um kurz darauf lauthals hemmungslos den Tränen freien Lauf zu lassen. Was war geschehen, daß Lisa bis hierher rannte, weinend im feuchten Gras lag? Sie ließ die letzten zurückliegenden Ereignisse in ihrer Erinnerung vorbeiziehen, vielleicht auch, damit sie mehr Klarheit erhielt.

Es begann am gestrigen späten Abend, sie hatte just die Spülmaschine ausgeräumt, als ihr ein Glas aus der Hand glitt, sie spontan nach diesem griff, aber nicht bemerkt hatte, daß es längst auf den Bodenfliesen zerschellt war. Erst ein scharfstechender Schmerz holte sie zusammenzuckend, aufschreiend zurück aus gedankenlosem Handeln, weil eine große Scherbe ihren rechten Daumen tief verletzte. Für einen kurzen Moment ward ihr schwarz vor Augen, doch gezielt routiniert begab sie sich zum Verbandskasten im Badezimmer, wusch kurz die Wunde am Waschbecken aus und versorgte sie mit einem Pflaster.

Und dann fiel ihr plötzlich wieder die schier aussichtslose Lage ein, in der sie sich befand. Der Traum vom sorglosen Leben war mittags Knall auf Fall geplatzt. Nie zuvor hatte sie auch nur ansatzweise damit gerechnet, eine solch berufliche Position verlieren zu können. Doch die Firma schien nicht im geringsten bemerkt zu haben, mit welch perfiden Methoden sämtliche Ideen, Erfindungen, das gesamte Know-how auspioniert worden war. Nur der Firmenchef und dessen rechte Hand hatten das endgültige Aus kommen sehen, für sich behalten und erst am Ende den Mitarbeitern reinen Wein eingeschenkt.

Tagtäglich fanden vor den Augen aller Wirtschaftsverbrechen statt, aber Lisa hatte stets gemeint, solches möge anderen widerfahren, sie selbst lebe ihr sorgenfreies Leben, um es in vollen Zügen zu genießen. Zwar gehörte sie ebenso zu den ständig umherflatternden Singles, die sich einfach nicht binden wollten, dennoch war sie glücklich und zufrieden in sich ruhend bisherig gewesen, den ein oder anderen Mann für kurze Zeit liebend. Innerhalb ihres kleinen Freundes- und Bekanntenkreises galt sie stets als offenherzig, anziehend sympathisch, mit einer gewissen erotischen Ausstrahlung, begleitet von kühler Beherrschtheit, eine ideale Vorraussetzung für eine unnahbar distanzierte Autorität, die sie ziemlich geschickt einsetzte.

Doch jetzt war alles durcheinandergewirbelt, lag sie hier im Gras und begriff, was ihre kleine heile Welt bisherig bedeutet hatte. Auf einmal gab es keine Sicherheit mehr, dem hohen Gehalt würde eine Zeit der Entbehrungen folgen, wie Lisa nur zu genau wußte, weil ihre berufliche Spezialisierung zu selten da draußen gesucht wurde, ein schneller Anschluß eben nicht gewährleistet war. Aus der Traum von unabhängigem Dasein, alleingelassen mit sich und den aufkommenden Existenzängsten, obendrein keine hilfreich liebende Schulter an der Seite, wo sie hätte Trost finden können.

Ein brennender Schmerz holte sie zurück in die Gegenwart. Mehrere Ameisen liefen über ihre langen Beine auf dem Weg gen Slip. Natürlich raffte Lisa sich sofort auf, wischte die Insekten gezielt ab und schaute sich etwas genauer um. Zunächst vermittelte die Umgebung durch das untrügerisch erscheinende Gras, die Bäume genau das zu zeigen, was sie zu sein schien: eine unberührte Natur. Aber je länger und intensiver Lisa hinschaute, desto deutlicher bemerkte sie eine zunächst unbestimmte Schwingung, die sie folglich nicht einordnen konnte. Irgend etwas stimmte hier nicht, schoß es ihr noch durch den Kopf, als im nächsten Moment ein ohrenbetäubender Knall ihr fast das Trommelfell zum Platzen brachte. Sie hatte zwar blitzartig, völlig entsetzt beide Hände vor ihre Ohren gehalten, dennoch konnte sie anschließend keinen Laut mehr hören.

Was war geschehen? So gänzlich ohne Gehör schaute sie sich genauer um, kroch durchs Gras, eine alte, mächtige Buche im Visier, um dort erst mal Schutz zu suchen. Ein verbrannter Geruch verriet Lisa, daß da irgend ein Tier Opfer dieser Explosion wurde, einen Menschen hätte sie wohl noch rechtzeitig bemerkt, überlegte sie. Vorsichtig lugte sie hinter dem Buchenstamm hervor und gewahrte einen ausgewachsenen Eber, der allerdings halb zerfetzt keine zwanzig Meter von ihr in einer Brombeerhecke hing. War er etwa auf eine Mine getreten, grübelte sie. Und das am Waldrand, wo doch zuvor bestimmt etliche Tiere und manch Menschen auch mal hierher gingen? So viele Fragen, die sich Lisa schlagartig stellte, blieben unbeantwortet. Niemand war zugegen, ohnehin ihr Leben scheinbar aussichtslos vor ihr lag. Und trotzdem nahm sie eines mit, bevor sie sich sammelte, um zurückzugehen.

Vieles erschien in geordneten Bahnen zu laufen in unserer heilen Welt, solange wir dem Alltagstrott folgten. Aber wehe, wir brachen mal aus oder bestimmte Umstände führten uns auf andere Wege, weil wir der Wirklichkeit entfliehen wollten. Dann wurden noch wachen Geistern die Augen geöffnet, wer denn durch Schicksalsschläge erst Fingerzeige erhielt.

Lotar Martin Kamm

Erschienen im Buch „Hrabans geheimnisvolle Reise zum Kontinent des Lächelns“ (BoD)

Kategorie: Kurzgeschichten

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