Ein Interview mit Liedermacher Trubartic – Lieder gegen Menschenverachtung


Von Protestsongs wie „Die Moritat von Frau von Strolch“ und anderen

Der Kreativität sind letztlich keine Grenzen gesetzt, wer Kunstschaffenden nötige Freiräume läßt. In einer gesunden Demokratie funktioneriert dies normalerweise auch, in Zeiten, in denen sich Rechtsextreme immer deutlicher etablieren, muß befürchtet werden, daß jenes Kulturgut eines Tages strikt verboten wird. Mit Blick zu despotisch geführten Staaten kann sich ein jeder davon überzeugen.

Umso besser, wenn sich Ideenreichtum entfaltet, möglichst viele Menschen erreicht, die wiederum durchaus davon profitieren, nicht im geschäftsmäßigen Sinne, sondern den Blick öffnet, für eigene Inspirationen sorgt, das Leben bunter werden läßt. Querdenkende entdeckte die Musik von Trubartic, war von Beginn an begeistert. Insofern freuen wir uns auf folgendes Interview mit dem Künstler.

Lotar Martin Kamm: Wer kennt sie nicht, die Liedermacher wie Franz Josef Degenhardt, Reinhard Mey oder Konstantin Wecker, um nur mal drei zu benennen. Wie kamen Sie zur Musik, zu Protestliedern? Gab es einen bestimmten Anlaß?

Trubartic: Stimmt, ich war lange Zeit vor allem ein Fan von Hannes Wader, Konstantin Wecker oder auch Hermann van Veen, u.a.. Reinhard Mey war mir früher zu artig und unpolitisch, das hat sich in den letzten Jahren geändert, den finde ich heute richtig gut.

Ich liebe politische Musik, sie darf gern phantasievoll, frech, intelligent, lyrisch und polemisch sein. Da geht mir das Herz auf. Sowas selber zu machen, habe ich einfach lange nicht wirklich an mir entdeckt.

Ich war schon immer ein politischer Mensch, habe an vielen, aus meiner Sicht, linken Bewegungen teilgenommen, ohne mich allerdings an Parteien, Gewerkschaften o.ä. zu binden. Ich war und bin oft und immer wieder empört, wie Menschen mit ihresgleichen, mit Tieren und der Umwelt frevelhaft und abscheulich umgehen.

Mir sind zudem seit ein paar Jahrzehnten einige Dur und Moll Akkorde auf der Gitarre bekannt, denen ich dann beruflich einige Texte zuordnete, die ich selber schrieb, gern auf bekannte Melodien. Das Ganze wurde dann irgendwann politisch, als der neue nationalistische Rechtsradikalismus Einzug in Deutschland, Europa und der Welt hielt. Meine Musik ist meine ganz eigene und individuelle Antwort auf menschen- und umweltverachtende Politik in aller Welt – vor allem aber in meiner Heimat Deutschland, aufgrund der unvergleichbaren, menschenverachtenden Geschichte des industriellen Massenmordes.

Lotar Martin Kamm: Wer bei YouTube ein wenig stöbert, kann den ein oder anderen Song von Ihnen entdecken, so wie z.B. „Die Moritat von Frau von Strolch“. Ähnlichkeiten mit einer lebenden Politikerin sind natürlich keineswegs zufällig, wie auch im Text unter dem Video bemerkt wird. Wer hat die Skizzen gezeichnet? Wie kam es zum Song bei der Zusammenarbeit mit Jürgen Fastje?

Trubartic: Berthold Brecht jagt mir in seiner immerwährenden Aktualität oft Schauer über den Rücken. Ich kenne Macky Messer aus meiner frühesten Kindheit von Hildegard Knef. Die Aktualisierung auf die heutige Zeit mit der entsetzlichen Frau von Strolch ist sozusagen eine persönliche Hommage an den Vater von Mutter Courage… deren geistige weiße Rose ich mit vielen anderen gern wäre.

Da ich etwas spiritueller bin als Brecht, hoffe ich auf seine augenzwinkernde Zustimmung. Ich habe auf dem zweiten Bildungsweg Sozialwissenschaften studiert und arbeite seit langer Zeit als Sozialarbeiter mit fantastischen und engagierten jungen Leuten. Die habe ich im Rahmen eines Kunstprojektes gebeten, möglichst einfache Bilder zu dem Text zu zeichnen. War eigentlich nur ein Versuch. Dabei sind die vielen tollen Bilder in Textfolge entstanden, über die ich mich sehr gefreut und mit dem Videokünstler Bastian Stoll umsetzen konnte.

Jürgen Fastje ist ein professioneller Musiker, ein guter Freund, ähnlich politisch wie ich und unglaublich emphatisch. Er arbeitet an allen Liedern sehr geduldig mit mir, spielt viele Instrumente und entwickelt bei den Nichtcovern auch oft die Melodien, manchmal mit mir, manchmal auch ohne mich. Die Zusammenarbeit hat meine Frau organisiert, die meine mitunter hilflose Klimperei nicht mehr ertragen konnte. Jürgen Fastje ist in der Tat die musikalische Seele, die Gestaltung und ideenreiche Umsetzung meines kleinen Projektes.

Lotar Martin Kamm: „Trubartic – politische Lieder gegen Menschenverachtung und Ausgrenzung. Für Hilfe, Nächstenliebe, Mitmenschlichkeit und Solidarität. Gegen politische, populistische und religiöse Hetze. Für Demokratie, Auseinandersetzung und Kritik, gegen Gewalt und Brutalität in allen seinen tätlichen, verbalen und digitalen Formen“, so der Wortlaut Ihres Schaffens zur Protestmusik. Gerade beim Aufkommen der Neuen Rechten ein wichtiges Signal. Spielen Sie an vielen Orten live und direkt?

Trubartic: Leider noch nicht. Ich bin Familienvater, habe 3 Kinder und einen Hund. Dazu bin ich sozialarbeitender Schichtarbeiter mit 39 Stunden anspruchsvoller Tätigkeit. Meine Wochenenden sind oft mit Arbeit besetzt, ich arbeite engagiert und gern mit benachteiligten jungen Menschen. Das alles bindet sehr viel Zeit

Da hinein passt, für mein politisch-musikalisches Engagement, das Angebot von YouTube ganz gut, ich stelle alle paar Monate einen neuen Song ein. So wie es möglich ist und ich es will. Dennoch werde ich in den nächsten 2 Jahren ein Programm aufstellen und mich hier und da mal ausprobieren. Mal sehen, was daraus wird…

Lotar Martin Kamm: Das Gleichnis mit dem Song „The House Of The Rising Sun“ paßt natürlich vortrefflich, um mit eigenem Text die Verbrechen rechter Gewalt zu verdeutlichen, sowie sie wie unter dem Video geschehen, beim Namen zu nennen. Selbst wenn Sie das Original für sich belassen wollen, was gleichzeitig Ihren Respekt unterstreicht. Entsprechend bösartige Kommentare ließen nicht lange auf sich warten. Wie gehen Sie damit um?

Trubartic: Ich war zunächst natürlich entsetzt darüber! Insbesondere die sexuellen Gewaltphantasien einiger Kommentatoren zu den weiblichen Mitgliederinnen meiner Familie sind für mich außerordentlich abstoßend und beängstigend. Diese Form von Menschenfeindlichkeit gegenüber Frauen ist bei der AfD und anderen Rechtsradikalen leider weit verbreitet, wie immer wieder zu lesen und zu hören ist.

Ich bin in meiner Menschenachtung aber sehr konsequent, Herr Kamm. Das schließt alle Menschen ein, mögen sie noch so widerlich und ekelhaft sein. Extrem erklärt, stelle mir die rechtsradikalen Massenmörder Anders Behring Breivik, Mohammed Atta – oder kriegstreibende Geschäftsleute und Politiker in aller Welt – als kleine Jungen vor – und tiefste Trauer treibt mir Tränen in die Augen.

An erster Stelle für ihre Opfer, deren Angehörige und Freunde!

Aber auch für die bestialisierten Täter. Das ist ein mitunter fast unerträgliches Grundempfinden von mir, das mir immer wieder schwere innere Kämpfe bereitet…

Tatsache ist, dass mich die fiesen Kommentare empören, mein Trauergefühl und mein Mitleid über die ernstzunehmenden Kommentatoren aber überwiegt. Ich gebe Menschen nach meinen Möglichkeiten prinzipiell nicht verloren, auch nicht, wenn ich bis ins Mark entsetzt bin von ihren schlimmen Äußerungen und ihren Taten. Ich glaube, dass es irgendwo in ihnen Andockstellen gibt, sie der Menschenverachtung zu entziehen. Wenn ich solche Leute unter meinen Liedern entdecke, schreibe ich oft mit ihnen, wenn sie mich lassen. Und manchmal fühle ich auch, dass da was ankommt…

Lotar Martin Kamm: Simon & Garfunkel wunderschön für den eigenen Song präsentiert bei „Für AfD Wähler und Pegida Gänger: Keine Ahnung?“ Man sieht Sie vor einem Studio-Mikro, was die Frage nach sich zieht, ob neben dem YouTube-Film auch eine CD daraus entstand?

Trubartic: Leider gibt es noch keine CD. Ist aber in Planung. Da dieses Projekt bisher ein privatpolitisches Engagement ist, lassen sich die Kosten glücklicherweise sehr klein halten. Das bekommt mit CDs und Auftritten dann eine andere Dimension, die ich momentan weder meinen daran beteiligten Freunden, noch meiner Familie zumuten möchte. Aber ich denke, zur richtigen Zeit wird sich sicher etwas ergeben.

Lotar Martin Kamm: Zum Schluß des Interviews möchten wir Ihnen gern Gelegenheit geben, vielleicht selbst den ein oder anderen Kommentar über Ihr Schaffen hier zu ergänzen.

Trubartic: Ich kann die Wut der vielen Leute verstehen, die sich im Stich gelassen fühlen: Kinder- und Altersarmut, Hartz 4, Zwei-Klassen-Gesundheitssystem, Agenda 2010, Neoliberalismus, Privatisierungen, die fortschreitende Umverteilung nach oben, der immer unverschämter werdende globale Finanzkapitalismus – der sich mit immer größer werdenden Schritten seiner sozialen Verantwortung entzieht (dabei habe ich gar nichts gegen diese bekloppten Kapitalmessis! Aber !!!! Krieg!! Mord!! Unterdrückung!! Ausbeutung!! Waffenexporte!! Hunger !! Elend!! Umweltvernichtung!! Soziale Verantwortungslosigkeit!! Ausgrenzung!! … !! Das darf nicht sein, kein Wirtschaftssystem und kein zynischer, arroganter und mörderischer Kapitalgeilismus sollte so etwas verursachen dürfen!! Nirgendwo!!).

Dass die neuen Rechtsradikalen in aller Welt mit ihren populistischen Antworten irgendetwas verbessern, kann ich nicht glauben. Das wollen die auch gar nicht! Allein deren zynischer Brutalverbalismus zeigt, in welcher unsäglichen Tradition diese Leute stehen.

Vor zwei Jahren habe ich dieses Projekt angefangen mit dem Lied Gegen Pegida. Jetzt ist der zwölfte Song fertig, das Video ist geplant und wird vielleicht im Juli bei YouTube hochgeladen. Es heißt Am Stadtrand (Melodie: Louis Armstrong – What a wonderful world) und handelt von Häusern für geflüchtete Menschen – von Leuten, die dort leben und anderen, die dort arbeiten.

Mittlerweile 53.000 mal wurden meine Lieder bei YouTube angeklickt, auf meiner Facebook – Seite sind es nochmal so viele, und ich habe ein paar Hundert Abonnenten auf beiden Seiten.

Das mag vergleichsweise wenig sein, für mich ist das ziemlich überwältigend – und ich bedanke mich ganz herzlich dafür.

Mittlerweile kriegt das ganze Ding auch eine Eigendynamik. Es gibt neben den unerfreulichen rechtradikalen Entwicklungen viele politische und soziale Themen, die besungen werden sollten. Das werden sie sicher auch, leider übernimmt noch nicht einmal die öffentlich–rechtliche Presse die Gelegenheit, diese adäquat zu veröffentlichen. Politische Musik hat es nicht leicht und wird in der Regel auch nicht gefördert. Das ist sehr schade!

Neue Möglichkeiten gibt es jetzt glücklicherweise in Eigenregie über die sozialen Medien. Vielleicht ist das, was ich da mache, ja auch eine neue Art des uralten politischen Bänkelgesangs, …ich freue mich jedenfalls, dass ich das mitmachen kann und sowieso… über jeden, der oder die mir zuhört.

Lotar Martin Kamm: Vielen lieben Dank für das aufschlußreiche Interview.

Trubartic: Ich bedanke mich auch!

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