Vom Ehrenkodex bis zur politischen Lüge


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Rio Reiser hat’s ohnehin gewußt

„Es ist wahr, daß das Jahr über dreihundert Tage in nur zweiundfünfzig Wochen schafft“, so beginnt Rio Reisers Song „Alles Lüge“, wobei er gleichzeitig neben tatsächlichen Wahrheiten alles als Lüge bezeichnet, was irgendwie in Frage gestellt werden kann. Was Rio Reiser mit seinem Song wohl gemeint haben mag, können wir generell uns selbst fragen: Was veranlaßt den Menschen zu lügen?

Und gelogen wird ständig, von der kleinen Notlüge bis hin zu den weitreichenden Lügenkonstrukten mit nicht unerheblichen Folgen, deren Schaden ohne weiteres auch hoch sein kann. Immer dann, wenn wir einer kritischen Auseinandersetzung aus dem Weg gehen wollen zu möglicher Bestrafung, neigen wir Menschen dazu, mit einer Lüge uns aus der Affäre zu ziehen. Dabei schwingt Angst oder Scham oftmals mit, aber selbst Höflichkeit oder gar emotionale Überforderung, um Sachverhalte obendrein zu beschönigen, führen zu Lügen.

Gesprochene und gedruckte Lügen: Was sind die Anlässe?

Denken wir nur mal kurz an die Hochstapler, und deren gibt und gab es etliche. Um sich selbst ins rechte Licht zu rücken, wird frech gelogen, was sogar insoweit ausarten kann, eine ganze Kette betrügerischen Handelns billigend in Kauf zu nehmen: von der Urkundenfälschung zur erfundenen Vita bei Betrügern, die sich beruflich als jemand anders ausgeben. Während man einem Till Eulenspiegel seine närrischen Entgleisungen noch gern verzeiht, schaut es bei gewissen Hochstaplern ganz anders aus.

Ob Cassie Chadwick, die sich als Tochter des Millionärs Andrew Carnegie ausgab, um sich auf diese Weise sehr hohe Darlehen von den Banken zu erschleichen, ob der Postbote Gert Postel, der sich als Dr. med. Dr. phil. Clemens Bartholdy anbot, später auch als Dr. Postel oder ein Victor Lustig, der sich Graf Victor nannte, sogar Al Capone betrog, aber mit dem Verkauf des Eiffelturms an einen Schrotthändler seinen größten Coup landete, sie alle hatten eines gemeinsam: ihre Mitmenschen dreist zu täuschen. Unabhängig davon dürfen wir natürlich in der Literatur ständig die hochstaplerischen, gedruckten Zeugnisse nachlesen, wie z.B. von den Gebrüdern Grimm „Der gestiefelte Kater“ oder Gottfried Kellers „Kleider machen Leute“.

Wenn man sich den gedruckten Medien nähert, schaut es sehr komplex und kompliziert aus. Was entspricht der Wahrheit, wo beginnt die Lüge? Die Grenzen verlaufen sehr fließend, zumal der Einfluß aus Politik und Wirtschaft eine erhebliche Rolle spielt, was niemand ernsthaft abstreiten kann. So dient jede Lüge der Bevorteilung, und damit sie unerkannt bleibt, muß sie meist mit neuen Lügen untermauert werden. Ein gefährliches Szenario.

Politische Lügen und dennoch Vertrauen in die Politik?

Auch in der Politik wurde und wird gelogen, daß die Balken sich biegen. 1990 sprach Helmut Kohl während einer Wahlkampfveranstaltung davon, daß in der ehemaligen DDR bald „blühende Landschaften“ sein würden sowie auch an anderer Stelle: „Die Wiedervereinigung zahlen wir aus der Portokasse.“ Oder Norbert Blüm, der behauptete, die Renten seien sicher. In den USA log der Präsident George W. Bush dreist, in dem er meinte, Saddam Hussein besäße Massenvernichtungswaffen. Die dramatischen Folgen, die daraus entstanden, stehen in keinem Verhältnis zur enttarnten Lüge Bill Clintons: „I did not have sexual relations with that woman, Miss Lewinski“, weil der Welt dadurch kein Schaden zugefügt wurde, außer wohl Miss Lewinski selbst.

Noch mal einen Schwenk zur deutschen Politik. Hatte am 02. Dezember 1999 Wolfgang Schäuble im Deutschen Bundestag verkündet, er habe „irgendwann im Spätsommer oder im Frühherbst 1994“ bei „einem Gesprächsabend in einem Hotel in Bonn […] einen Herrn kennengelernt, der sich mir als ein Mann vorgestellt hat, der ein Unternehmen leitet. Ich habe später festgestellt, daß es dieser Herr Schreiber war. […] Auf der damaligen Veranstaltung bin ich Herrn Schreiber begegnet. Das war es“, offenbarte sich schon einen Monat später die eigentliche Wahrheit: Er hatte 1994 vom Waffenhändler Karl-Heinz Schreiber eine Bar-Spende in Höhe von 100.000 DM für die CDU entgegengenommen.

Angesichts solch weitreichender Lügen in der Politik darf man sich schon wundern, wieso dennoch weite Teile der Bevölkerung weiterhin ein hohes Vertrauen in sie haben, wie sonst ist eine Wiederwahl in Amt und Würden zu erklären? Im normalen Alltagsleben hätte ein solches Verhalten harte Konsequenzen, die Betroffenen würden dafür keinerlei Verständnis aufbringen.

„Oder ist da mehr oder ist da mehr, oder ist das oder ist das oder ist das oder ist das, alles Lüge alles Lüge“, endet Rio Reisers Song. Die Antwort wissen wir meistens dennoch.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gesellschaft

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