Grenzenlose Gewalt auf ständiger Lauer


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Treffen sich zwei Halbstarke auf einem verlassenen Platz, im Hintergrund kauern Zuschauer ihrer jeweiligen Anhänger, die dem bevorstehenden Happening beiwohnen wollen, beobachtend und lautstark kommentierend. Schalten wir uns dazu.

„Ey, Alter, haste gesehen, wie der Tony dem Brit eine verpaßt hat? Echt krass, oder!“

„Laß man, schau mal, der Brit hat sich just aufgerappelt und tritt dem Tony voll in den Bauch, da krümmt er sich, unser Held. Und nu?“

Die Menge tobt, wobei für den Moment Brit die Oberhand zu haben scheint. Solche Augenblicke sind allerdings meist von kurzer Dauer. Das wissen alle Beteiligten. Am Ende liegen schwer schnaufend die beiden Kontrahenten im Geröll des Platzes, an manchen Stellen blutend und doch irgendwie stolz auf ihre eigene Courage. Die Meute begibt sich zu ihnen, hilft den beiden auf. Es dämmert bereits an jenem Aprilabend, aufziehende Regenwolken verheißen eine naße Dusche.

Die kleine Anne saß die ganze Zeit hinter einem rostigen Ford, hat für ihren großen Bruder Tony die Daumen gedrückt. Das nützte wohl nicht viel, dennoch atmet sie erleichtert auf, daß nichts schlimmeres passierte, schließlich will sie nicht schon wieder zuhause Krach zwischen ihrem Dad und Tony erleben, es könnte diesmal anders enden, wie sie weiß. Warum muß auch Dad stets den Macker raushängen, wo doch ihr Bruder längst einen Kopf größer, wesentlich stärker und vor allem schneller beim Zuschlagen ist.

Gewalt war ein ständiger Begleiter für die Siebenjährige, zwar schlug Dad sie nicht, dafür aber ihre Mum, die keinerlei Skupel hatte, wenn ihr was nicht an Anne paßte. Zum Leidwesen Tonys, der seine kleine Schwester abgöttisch und innig liebte. Letzten Donnerstag hatte er einfach Mum eine gescheuert, nachdem Anne ihm die blauen Flecke und die noch blutende Wunde unterhalb des rechtes Ohres gezeigt hatte.

Dad erfuhr noch am selben Abend von dem Vorfall, stürzte in Tonys Zimmer und wollte diesem direkt eine donnern. Doch dazu kam es erst gar nicht, weil Annes Bruder geübt und reflexartig auswich, seinen Dad mit einem einzigen, heftigen Schlag in den Magen zu Boden beförderte. Als dieser nach einer Weile aufstand, verzog er sich wortlos ins Wohnzimmer. Seitdem sprechen die beiden nicht mehr miteinander, Mum weicht ihrem Erstgeborenen einfach aus. In der Familie herrscht eisiges Schweigen, wobei Anne sich ziemlich schuldig fühlt.

Gleich zweimal blitzt es auf, gefolgt von heftigem Donnergrollen, in der Ferne Sirenengeheul, die Feuerwehr und Rettungswagen sind im Einsatz. Die Geschwister erreichen komplett durchnäßt ihr zuhause. Mum sitzt vor der Glotze, Dad sei in irgendeiner Kneipe, murmelt sie den beiden zu, das Essen auf dem Herd sei noch warm.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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